Kehl

Bundeskartellamt zerschlägt Kehler Forststruktur

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Redaktion
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20. August 2015
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Das Eschentriebsterben setzt dem Kehler Wald zu, wie die lichten Kronen zeigen. ©Stadt Kehl

Vergangenes Jahr wurde im Gemeinderat beschlossen, die Rehwild-Abschüsse zu erhöhen, um die Naturverjüngung im Wald zu stärken. Zudem: Das Eschentriebsterben setzt dem Kehler Wald immer mehr zu. Jetzt sorgt eine Entscheidung des Bundeskartellamtes zur Beförsterung in Baden-Württemberg für landesweites Aufsehen.

2014 beschloss der Gemeinderat, die Rehwild-Abschüsse im Kehler Wald »drastisch« zu erhöhen, um die Naturverjüngung zu stärken. Vorausgegangen war eine teils hitzige Diskussion über die Vorgaben des FSC-Verbandes. Dies gipfelte darin, dass die FSC-Zertifizierung völlig in Frage gestellt wurde, insbesondere durch Beschlüsse der Ortschaften.Bei FSC (Forest Stewardship Council) handelt es sich um eine Organisation, die zur Rettung des Regenwaldes in Südamerika gegründet wurde.

Mittlerweile ist FSC eine weltweit bekannte Handelsmarke geworden. Bestimmte Vorgaben sollen gewährleisten, dass bei der Waldbewirtschaftung auch ökologische Standards eingehalten werden. Die zertifizierten Waldbesitzer müssen sich jährlich einem »Audit« unterziehen. In Kehl hatten die Prüfer im Jahr 2013 eine gravierende Verbisssituation festgestellt, die die Naturverjüngung massiv gefährde. Konfliktträchtig war und ist, dass nach den FSC-Regeln Wildbestände soweit dezimiert werden sollen, dass man ohne Zäune und Einzelschutzmaßnahmen an Bäumen auskommt.

Die Beschlussvorlage der Verwaltung stellte die Stadträte vor die Wahl: FSC und Forst forderten die Verdopplung oder Verdreifachung der Abschüsse. FSC zeige der Stadt die »rote Karte«, sollte man keine klare politische Entscheidung vorweisen können, hieß es damals seitens der Verwaltung. Von der Forstverwaltung wurde zudem das Eschentriebsterben problematisiert. Förster Markus Gutmann gibt zu bedenken, dass 40 Prozent des Kehler Waldes davon betroffen seien. Beschädigte Eschen müssen entnommen, die Freiflächen durch Naturverjüngung wieder geschlossen werden. Insoweit sei eine Erhöhung des Rehwildabschusses unumgänglich.

Die FSC-Kritiker führen an, dass die Zertifizierung nicht die versprochenen Mehrerlöse gebracht habe, andererseits aber viele unnötige Kosten und viel Bürokratie. Den Schutz der Bäume allein durch den übermäßigen Abschuss von Rehen gewährleisten zu wollen, sei eine rein ökonomische und keine ökologische Sichtweise. Man verkenne, dass Wald und Rehe zusammengehören.

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Marco Lasch, Unternehmer und Vorsitzender der Naturlandstiftung Familie Lasch, beschäftigt sich intensiv mit dem Kehler Wald. Er meint, dass aus ökonomischer Sicht die Bewirtschaftung des Kehler Waldes in Kürze wieder thematisiert werden müsse. »Neben den laufenden Konflikten, die sich aus den Vorgaben des FSC und dem Eschentriebsterben ergeben, müssen nun noch die Konsequenzen aus dem aktuellen Beschluss des Kartellamtes diskutiert werden, durch den die bisherige Mitwirkung der Forstbehörden in den Kommunalwäldern weitestgehend verboten worden ist.« Der Nabu ist der Meinung, »dass das Bundeskartellamt die baden-württembergische Forstverwaltung de facto zerschlägt« und kritisiert: Das Kartellamt »hat ganz offensichtlich nicht verstanden, dass Wälder mehr sind als Produktionsstätten«.

Das Kartellamt untersagt dem Land, für die privaten und kommunalen Waldbesitzer Holz zu verkaufen und Dienstleistungen der Holzerntemaßnahmen zu übernehmen. Für Waldflächen über 1000 Hektar gelten die Vorgaben ab dem 1. Januar 2016. Zudem ist es ab dem 1. Juli 2017 verboten, dass der Landesbetrieb Forst BW für private und kommunale Waldbesitzer mit mehr als 100 Hektar die Betriebsplanung, die forsttechnische Betriebsleitung und den Revierdienst durchführt, wenn die Personen Zugang zu wettbewerbsrelevanten Infos über die Holzvermarktung des Staatswaldes haben.

Ab dem 1. Juli 2016 müssen für alle Leistungen des Forstes kostendeckende Entgelte verlangt werden. Das Land hat angekündigt gegen die Entscheidung des Kartellamtes gerichtlich vorzugehen. Sollte dies alles umgesetzt werden, fürchtet auch das Land die Zerschlagung der Forststruktur.

Marco Lasch ist im Hinblick auf die neuen Vorgaben überzeugt, dass die bisherigen Strukturen in Kehl nicht einfach beibehalten werden können. Er rechnet mit ökonomischen Veränderungen, mit steigenden Kosten und sinkenden Holzpreisen, gerade für Holz minderer Qualität. »Wichtig ist nun ein ganzheitliches, nachhaltiges Konzept für den Kehler Wald, das vor allem die Interessen der Stadt und ihrer Bürger berücksichtigt. Vieles muss auf den Prüfstand. Mir ist es ein großes Anliegen, dass sich die Gemeinde- und Ortschaftsräte mit den Problemen und Chancen auseinandersetzen. Im Moment sehe ich unsere Nachbargemeinden Willstätt und Rheinau klar im Vorteil, weil diese ihre eigene Beförsterung nie aufgegeben und an das Land abgegeben haben.«

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