Serie 50 Jahre Kehler Messdi (1/7)

Der Messdi: ein spritziges Vergnügen

Autor: 
Hans-Jürgen Walter
Lesezeit 7 Minuten
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10. April 2021
Oberzäpfer Detelv Prößdorf in seinen ersten Amtsjahren mit den Bundestagsabgeordneten Harald B. Schäfer (SPD) und Wolfgang Schäuble (CDU) sowie dem Ortenauer Landrat Gerhard Gamber und Einzelhandels-Chef Albert Nückles bei der Messdi-Eröffnung.

(Bild 1/2) Oberzäpfer Detelv Prößdorf in seinen ersten Amtsjahren mit den Bundestagsabgeordneten Harald B. Schäfer (SPD) und Wolfgang Schäuble (CDU) sowie dem Ortenauer Landrat Gerhard Gamber und Einzelhandels-Chef Albert Nückles bei der Messdi-Eröffnung. ©Erwin Lang

Vom 13. bis 16. Mai hätte er gefeiert werden sollen, der 50. Geburtstag des Kehler Messdi. Doch wie schon im Vorjahr ist auch noch 2021 alles anders. Das „Fest der Feste“ der Kehler kann erneut nicht stattfinden. Wegen der Corona-Pandemie. Wir lassen Messdi-Erinnerungen wach werden. Dieses Mal: Die Eröffnungen.

Vor dem Zelt der Gastronomen wird zwar nicht ins Horn, dafür aber ins Fass gestoßen. Es ist der 13. Mai 1971, ein Donnerstag. Trudpert Müller, noch „bloß“ Bürgermeister, tritt hemdsärmelig und mit grüner, mit dem Stadtwappen geschmückter Schirmmütze und beiger Zäpfer-Schürze in Aktion: Der Kehler Maire schlägt zu – erst zögerlich, dann etwas kräftiger, schließlich auf Anforderung aber mit Wucht. Der Zapfen sitzt im Fass! Und wie sein Münchener Kollege verkündet Trudpert Müller wie immer strahlend-lächelnd: „Ozapft is!“
Der Versuchsballon Messdi wird ein Senkrechtstarter. Allen Beteiligten ist klar, dass es auf jeden Fall einen nächsten Messdi gibt. Und diesem folgen Messdi um Messdi, der zu einer Erfolgsgeschichte und zu einem Dauerbrenner wird.

„Spektakulär“

Erfolg haben zwischenzeitlich auch der Kehler Gemeinderat und Bürgermeister Müller, was die Eingemeindung betrifft. Neumühl, Odelshofen, Goldscheuer, Kork und Querbach werden Stadtteile. Kehl knackt die 20 000er-Einwohnermarke und der Kehler Rathaus-Chef ist Oberbürgermeister. In dieser Funktion gibt Trudpert Müller beim Messdi 1972 nun als Oberzäpfer das zünftige Startzeichen – allerdings nicht ganz so erfolgreich. „Mit ebenso kühnem wie kräftigem Schwung hämmert er den Zapfen in das dicke Fass“, schreibt der Chronist der Kehler Zeitung, „mit dem überaus spektakulären Erfolg, dass gleich ein kostbarer Strahl heraus – und munter in die Gegend schoss.“ Der Zäpfer und die Zuschauer erhalten einen Bierdusche. Jubel in der Menge. „Es war ein Riesenspaß“, berichtet die Zeitung. So macht der kräftige Spritzer beim Fassanstich 1972 fortan aus dem Messdi ein spritziges Vergnügen.

Auf den Festbeginn macht anfangs vor der Eröffnung ein durch die Hauptstraße ziehender Brauereiwagen mit Pferdegespann aufmerksam. 1974 sind es offene Oldtimer mit den Messdi-Protagonisten. Grund dafür: Kehl feiert in jenem Jahr das 200-Jährige der Verleihung der Stadtrechte. Wie mit dem Städtepartnerschaftsfest und dem Stadtjubiläum ist der Messdi auch in den Folgejahren mit großen Ereignissen verknüpft, etwa Festival der guten Taten 1983, deutsch-französisches Freundschaftsfest 1996, Landesgartenschau 2004 oder auch 2014 das 150. Jubiläum der Kehler Zeitung. 1974 ist die Eröffnung besonders feierlich: Die Honoratioren erscheinen in Frack, Zylinder und Nelke. Dass der Großherzog von Baden angesichts von so viel Noblesse etwas rustikal als „Herr Herzog“ begrüßt worden ist, nehmen alle mit Humor.

Eine Hoheit in Kehl

Humor ist eines der bestimmenden Merkmale des Messdi. Das bleibt so, auch wenn es in der Funktion des Oberzäpfers einen Wechsel gibt. 1975 folgt Detelv Prößdorf dem als Regierungspräsident nach Karlsruhe gewechselten Trudpert Müller. Dank des neuen OB gibt es nun Gastländer beim Kehler Stadtfest. Erstes ist 1976 das Burgenland, das mit dem österreichischen Botschafter Wilfried Gredler und der burgenländischen Weinkönigin Helga I. nach Kehl kommt, die am Eröffnungstag ihren 19. Geburtstag feiert. Ein weiteres Mal gibt 1993 eine Hoheit dem Messdi die Ehre: die badische Weinkönigin Anja Hurst. Weil es diesmal ein Weindorf gibt.

OB Prößdorf erweist sich als ebenso exzellenter wie unkonventioneller Oberzäpfer. Mit dem richtigen Schwung gelingt ihm allermeistens ohne Spritzer der Fassanstich. Und mitunter ist er ein „Schaumschläger“: Das zuviel in den Bierkrug geratene Weiße wird von ihm kurzerhand in Handarbeit weggetropft.

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Insgesamt 22 Mal tritt Detlev Prößdorf zum Messdi-Meisterschlag an. 1983 vom ZDF festgehalten, denn der Messdi ist Höhepunkt des in jenem Jahr in Kehl gefeierten Festivals für die „Aktion Sorgenkind“. Ein Glück, dass die Fernsehleute nicht 1990 drehen. Wofür er sonst in der Regel nur einen „sanften Schlag“ benötigt hat, dafür braucht der OB beim 20. Messdi ganze 16 Hammerschläge! Und ein Jahr später gar endet des Oberzäpfers Hammer-Arbeit mit einer Bier-Dusche! Schafft er’s, oder schafft er’s nicht? Das ist seither die Frage vor jeder Eröffnung.

Wieder ohne Spritzer bringt der OB 1992 den Zapfhahn in den Spund, das Jahr in dem ein leibhaftiger Minister begrüßt werden kann: Landesumweltminister Harald B. Schäfer. Der Messdi 1994 wird auf dem neu gestalteten Marktplatz die Probe für die offizielle Platzeinweihung sechs Wochen später. Bei seinem 20. Fassanstich bekommt Prößdorf den – nicht offiziellen – Titel „Ober-Zäpfermeister“ verliehen. 1997 holt Prößdorf zu seinem letzten (Messdi-)Schlag aus. Weil offenbar aller guten Dinge drei sind, hämmert er mit drei Schlägen den Hahn in den Spund – mit einer Zugabe zu seinem Messdi-Finale. Und wie so oft verkündet er letztmals: „Jetzt derfener!“ als Formel für „der Messdi ist eröffnet!“

Einmal muss sich Detlev Prößdorf in seiner 23-jährigen Amtszeit als Messdi-Oberzäpfer vertreten lassen. Für den erkrankten Oberbürgermeisters ist es 1989 die Sache des damaligen Ersten Beigeordneten Ulrich Mentz gewesen, das Fass anzustechen. Er macht das mit wenigen, gezielten Schlägen. Ein Schlag-fertiger Auftakt!
Fast hätte auch Prößdorfs Nachfolger Günther Petry einmal aussetzen müssen. Ausgerechnet beim Jubiläums-Messdi 2011. Fritz Vogt, Neumühls Ortsvorsteher und OB-Stellvertreter, hat insgeheim schon mit dem Fassanstich geliebäugelt. Doch nach achtwöchiger Krankheit ist der OB wieder auf den Beinen! Rechtzeitig zum 40. Messdi-Geburtstag. Und zum obligatorischen Fassanstich. Nach einem kräftigen Hammerschlag sitzt der goldene Hahn an der richtigen Stelle!

Vertreten werden muss einmal der Chef-Einzelhändler, der bei der Festeröffnung für den Veranstalter jeweils die Honneurs macht. Nach Rudolf Schütterle ist das Albert Nückles. Weil der 2001 erkrankt ist, übernimmt die Aufgabe Rolf Thüm. Ab 2002 begrüßt Frank Riebel „ganz schön aufgeregt“ die Festgäste.

OB verschleppt

Ganz schön überrascht sind die Festgäste 1998. Vier Schläge. Dann ist’s passiert. Der Hahn sitzt im Spund. Ohne Spritzer! Die Premiere von OB Günther Petry als neuer Zäpfer ist gelungen. „Gelungen“ ist bei diesem Festauftakt auch eine „Entführung“. Petry ist in die Fänge der Dinos von „Walking Women“ geraten. Die verschleppen das neue Stadtoberhaupt. An seinem 14. Arbeitstag. Dass nicht immer aller guten Dinge drei sind, muss Petry bei seinem dritten Fass­anstich im Jahr 2000 erfahren: Ein Hammerschlag – und eine Bierfontäne schießt aus dem Fass. Schuld ist der nicht richtig sitzende Dichtungsring am Ersatzfass, das kurzfristig hatte herbeigeschafft werden müssen. Ansonsten schafft es Günther Petry bei seinen 16 Fassanstichen mit zwischen einem und acht Schlägen zumeist ohne Bierverlust. Einmal (2005) greift der OB sogar zum Taktstock und dirigiert die das Eröffnungszeremoniell umrahmende Sundheimer Stadtkapelle „Harmonie“. 2008 fällt die Messdi-Eröffnung auf den 1. Mai: der Tag der Arbeit wird für den OB tatsächlich zum „Arbeitstag“. Sanft, ohne Hammer, den Hahn einfach reingedreht, fertig! So gelingt Günther Petry sein letzter Fass­anstich. Doch die Messdi-Organisatoren verschaffen dem Festpublikum eine Hammer-Zugabe: Der OB muss ein zweites Bierfass „knacken“ – jetzt „richtig“ mit Hammer, Zapfhahn und Spund!

Gelungener Auftakt nach Maß! Das wird Toni Vetrano bescheinigt, der 2014 seinen ersten Messdi-Fassanstich zu absolvieren hat. Der neue Oberbürgermeister mit Durbacher Rebensaft-Vergangenheit kann es mit jedem Fass aufnehmen. Das obligatorische Eröffnungs-Freibier fließt in geordneten Bahnen in den Maßkrug! So geschieht es auch in den Folgejahren. Sechs schlagkräftige Amtshandlungen hat Vetrano bisher gemeistert. Nummer sieben und acht hat ihm die Corona-Pandemie verwehrt. So bleibt die Erinnerung an Vetranos vorerst letzten Fassanstich 2019: Nicht so perfekt wie sonst. Ein Schwall Bier spritzt in Richtung Zuschauer …

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