Ortsgeschichte

Die Geschichte der Juden in Willstätt

Autor: 
Nina Saam
Lesezeit 3 Minuten
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08. August 2020

Der Historiker und Gemeindearchivar Martin Ruch hat die bislang unbekannte Geschichte der Juden in Willstätt aufgearbeitet. ©Nina Saam

Der Willstätter Gemeindearchivar Martin Ruch hat in einem Büchlein alle Hinweise auf jüdisches Leben in der Gemeinde gesammelt – ein interessanter Querschnitt durch die Geschichte des Ortes.

In der einschlägigen Literatur sind jüdische Gemeinden in Bodersweier, Freistett und Lichtenau vermerkt, Hinweise auf eine Willstätter Gemeinde finden sich nicht. Es gibt aber einen berühmten jüdischen Träger des Ortsnamens: Der Chemie-Nobelpreisträger Richard Willstätter, dessen Vorfahren aus Willstätt stammten.

Willstätts Gemeindearchivar Martin Ruch, ein gebürtiger Offenburger, der sich eingehend mit der Geschichte der Juden seiner Heimatstadt beschäftigt hat, stieß bei seinen Recherchen immer wieder auf jüdische Namen aus Willstätt. „In alten Ratsprotokollen habe ich zum Beispiel einen „Abraham Jude aus Willstätt“ gefunden, dann einen „Kostel Levi Jud aus Willstätt“, erzählt er. „Das hat mich stutzig gemacht.“

Ruch sammelte die Hinweise auf Willstätter Juden, die sich in den alten Protokollen fanden, und hat sie nun in einem kleinen Bändchen zusammengefasst. 

Anfang des 17. Jahrhunderts gab es einige jüdische Viehhändler in Willstätt, die zum Teil gegen ein Schirmgeld in Offenburg Handel treiben durften. Willstätt war damals ein wichtiger Punkt an der Handelsstraße.

1632 wurde Willstätt im 30-jährigen Krieg in Schutt und Asche gelegt. Während die anderen Einwohner sich eher in Richtung Schwarzwald orientierten, wandten sich die Willstätter Juden schutzsuchend an die stark befestigte katholische Reichsstadt Offenburg. Gegen Zahlung eines Schirmgeldes durften sie sich in der Stadt niederlassen, wie Martin Ruch herausfand. In den alten Protokollen ist beispielsweise vermerkt, dass den Willstätter Juden Jacob und Jäckhlin „sampt ihrem Gesind schutz und schürm zugesagt“ wurde, dass sie aber mit den Bürgern „kein wunderliche contracten treiben“ dürfen.

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Unbeschwert war ihr Leben in Offenburg aber nicht. So berichten die Quellen von antisemitischen Angriffen. Auch einigen Offenburger Zünften waren die Neuankömmlinge, die vor allem mit Handel und Geldverleih ihre Brötchen verdienten, ein Dorn im Auge. Auf ihr Bestreben hin setzte die Stadt Offenburg schließlich 1680 per Ratsdekret die „Abschaffung der Juden“ fest.

Nur wenige Willstätter Juden kehrten in ihr Dorf zurück. Einige von ihnen gingen nach Karlsruhe, in die neu gegründete Residenz des Markgrafen Karl-Wilhelm. „Er hat ihnen Steuer-, Religions- und Gewerbefreiheit versprochen“, so Martin Ruch. „Willstätter“ wurde so zu einem häufigen jüdischen Namen in Karlsruhe.

Auch der Rabbiner Ephraim zog 1720 von Willstätt in die neue Residenzstadt. Seine Nachfahren erhoben Mitte des 18. Jahrhunderts, als das Tragen bürgerlicher Nachnamen zur Pflicht erhoben wurde, ihre Herkunft zu ihrem Namen. Einer davon ist Richard Willstätter, der 1915 den Nobelpreis für Chemie bekam.

Seine Enkelin Carol Bruch hat vor einigen Jahren Willstätt besucht und auch das Vorwort zu Martin Ruchs Büchlein verfasst. 

In den Jahren danach hat Ruch nur vereinzelt Hinweise auf jüdisches Leben gefunden, die er detailliert auflistet. Während des Nazi-Regimes lebten keine Juden mehr in Willstätt. Mehr noch: Den Bürgern war jeglicher Kontakt mit ihnen verboten. So ist in einem Schreiben des Bürgermeisteramtes zu lesen, dass ein Willstätter Grundbuchbeamter, der einen jüdischen Kinderarzt in Offenburg aufgesucht hat, „eindringlich auf die Folgen eines weiteren Verkehrs mit Juden“ hingewiesen wurde.

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