"Leser helfen"

DRK-Demenzgruppen bieten Angehörigen eine Verschnaufpause

Autor: 
Anna Teresa Agüera
Lesezeit 4 Minuten
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19. Dezember 2016
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Im Café »Vergiss-mein-nicht« fühlen sich die Menschen mit Demenz wohl. Sie singen, lachen, trinken Kaffee, verbringen Zeit miteinander. Diese Zeit können die Angehörigen nutzen, um zu verschnaufen. ©Ulrich Marx

Die Angehörigen von Menschen mit Demenz sind dankbar über die wertvollen Stunden, die ihnen das Café »Vergiss-mein-nicht« schenkt. Die »Leser helfen«-Aktion der Mittelbadischen Presse bittet um Spenden für ein neues Fahrzeug, damit mehr Gäste im Rollstuhl befördert werden können. 

Das, was die fünf Demenzgruppen des Deutschen Roten Kreuzes im Raum Kehl ihren Gästen und deren Angehörigen geben, ist ein bisschen mehr Lebensqualität. Das Café »Vergiss-mein-nicht« ist ein wertvolles Angebot, über das die Familien sehr dankbar sind. Wir haben uns mit drei Angehörigen unterhalten. 

Vor fünf Jahren hat für Elisabeth Langenecker aus Goldscheuer eine Reise in »das große graue Nichts« begonnen. Ihre Tochter Christa Wohlmann hat gemerkt, dass ihre Mutter im Alltag nicht mehr zurechtkam.  
»Wir wollten sie für den Anfang sechs Wochen zu uns holen, zur Beobachtung. Daraus sind inzwischen fünf Jahre geworden«, erzählt der Schwiegersohn Hasko Wohlmann. 

»Wir wollen das so« 

Seitdem begleitet das Paar die heute 83-Jährige auf ihrem Weg. Viel Zeit für sich haben Christa und Hasko Wohlmann nicht. Seit fünf Jahren waren sie nicht mehr im Urlaub. Doch Klagen oder Mitleid möchten sie nicht. »Wir wollen das so.« 

Das Café »Vergiss-mein-nicht« ist für sie eine große Unterstützung. »Das ist unser Mittag, den wir für uns haben.« Wertvolle Zeit, die das Ehepaar gemeinsam verbringen kann. »Dann gehen wir spazieren oder einfach einen Kaffee trinken«, beschreibt Hasko Wohlmann. Seine Schwiegermutter besucht jeden Donnerstag die Gruppe in Goldscheuer. Gegen 14 Uhr wird sie abgeholt und gegen 18 Uhr wieder nach Hause gebracht. 

Auch die 80-jährige Eleonore Sahling aus Marlen besucht seit zwei Monaten das Café »Vergiss-mein-nicht« in Goldscheuer. Dann hat ihr Mann Gustav ein bisschen Zeit für sich. Im Februar hatte das Paar noch Diamantene Hochzeit gefeiert. »Da ging’s noch«, sagt Gustav Sahling. Inzwischen kann sich seine Frau an Vieles nicht mehr erinnern, hängt manchmal noch in der Vergangenheit fest. 

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Gustav Sahling macht praktisch alles im Haushalt. »Auch wenn ich nicht mehr der Jüngste bin«, sagt der 81-Jährige. Seine Frau in ein Altenheim schicken, das kommt für ihn nicht in Frage. »Noch kann ich’s.«

»So etwas verändert alles«

Willi Müll aus Kehl-Sundheim hatte vor fünf Jahren zwei Schlaganfälle. Seitdem sitzt er im Rollstuhl. »So etwas verändert alles«, sagt seine Frau Gisela. Der 81-Jährige geht seit knapp drei Jahren mittwochs in die Gruppe nach Eckartsweier. Ansonsten kümmert sich seine Frau um ihn: »Ich bin voll und ganz für ihn da.« Mittwochs hat sie dann ein bisschen Freizeit für sich. »Dann kann ich auch mal jemanden besuchen.« Oder einfach schnell einkaufen gehen. 

Neben Goldscheuer und Eckartsweier gibt es noch eine Gruppe in Bodersweier, Willstätt und Rheinau-Holzhausen. Die etwa 60 Gäste der fünf Gruppen werden alle kostenlos von zuhause abgeholt und zu ihren Gruppen gefahren. Zwei Busse des DRKs sind im Einsatz und legen jeweils zwischen 500 bis 600 Kilometer in der Woche zurück. Teilweise müssen die Fahrer bis zu dreimal losfahren, bis alle Gäste beim Café angekommen sind. »Der Fahrer ist ganz schön beschäftigt«, sagt Gisela Müll. Das ist aber nicht nur ein enormer Zeitaufwand, sondern auch für die Gäste nur sehr schwer zu verstehen. 

Geregelter Tagesablauf

Menschen mit Demenz brauchen einen geregelten Tagesablauf. Wenn die Letzten gebracht werden, müssen die Ersten bald wieder nach Hause, erzählt Anita Reuter, Initiatorin der Demenzgruppen. Diejenigen, die bleiben, verstehen dann nicht, warum sie warten müssen. »Sie fühlen sich allein und werden unruhig.« Auch Hasko Wohlmann betont: »Ein gemeinsames Kommen und Gehen würde die Angst nehmen.« 

Doch mit den beiden Fahrzeugen des DRKs ist das nicht möglich, allein schon weil zwölf Rollstuhlfahrer befördert werden müssen. Mit der »Leser helfen«-Aktion der Mittelbadischen Presse soll deshalb geholfen werden und Geld für ein Fahrzeug, in dem bis zu vier Rollstuhlfahrer gleichzeitig Platz finden, gesammelt werden. Das würde die wertvolle Arbeit der Gruppen erheblich erleichtern. 

Hintergrund

1,6 Millionen Menschen leiden an Demenz

Etwa 1,6 Millionen Menschen sind in Deutschland an Demenz erkrankt. Bis 2050 soll sich die Zahl gar verdoppeln. Der Begriff »Demenz« kommt aus dem Lateinischen und bedeutet »Weg vom Geist«. »Demenz zieht das ganze Sein des Menschen in Mitleidenschaft: seine Wahrnehmung, sein Verhalten und sein Erleben.« Das schreibt das Bundesgesundheitsministerium in einem Online-Ratgeber.

Die Krankheit sorgt dafür, dass Nervenzellen und deren Verbindungen im Gehirn absterben. Der Krankheitsverlauf selbst ist bei jedem anders. Es gibt verschiedene Demenz-Erkrankungen. Die häufigste ist mit 60 bis 65 Prozent Alzheimer. 

Sie beginnt schleichend, anfangs noch unbemerkt. Die Kranken nehmen die Veränderungen zu Beginn noch wahr. Zunehmend sind sie aber auf die Hilfe anderer angewiesen und können sich mit der Zeit nicht mehr an ihre Liebsten erinnern. Auch körperliche Anzeichen wie Krampfanfälle und Schluckstörungen nehmen zu. 

Alzheimer kann nicht geheilt werden, so wie die meisten Demenzerkrankungen. Die Behandlung zielt darauf ab, die Lebensqualität der Kranken und Angehörigen zu verbessern. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass körperliche Bewegung, gesunde Ernährung und geistige Aktivität das Risiko zu Erkranken veringern. Die Krankheit tritt häufig erst im Alter auf. Mit 90 Jahren ist etwa jeder Dritte an Alzheimer erkrankt.        ata

Hintergrund

Über die »Leser helfen«-Aktion

Mit »Leser helfen« startet die Mittelbadische Presse jedes Jahr eine Spendenaktion für Projekte in der Region. In diesem Jahr sollen mit den Spenden drei Organisationen unterstützt werden. Um allen drei zu helfen, werden 130 000 Euro gebraucht. 

Die fünf DRK-Demenzgruppen in der Kehler Umgebung brauchen dringend ein neues Fahrzeug, in dem vier Rollstuhlfahrer gleichzeitig mitfahren können. Der Offenburger Förderverein der Pflasterstube in der Obdachlosenunterkunft wünscht sich ein Wohnmobil, das Obdachlosen eine Anlaufstation bietet, wo sie unter anderem medizinische Versorgung und eine Duschgelegenheit finden. Ein Bus für das Offenburger Jugendrotkreuz konnte bereits finanziert werden. ata

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