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Hesselhurst

48 Tiere aus Haus befreit – »ein unerwartetes Ausmaß«

Tier-Sammelwut geht zu weit / Halterin war nicht zu Hause
10. Januar 2017
&copy Tierheim Kehl

Ein spektakulärer Einsatz in Hesselhurst hat am Montag über mehrere Stunden das Veterinäramt, Feuerwehrleute und Polizisten beschäftigt: Die Haustierhaltung einer Frau war völlig aus dem Ruder gelaufen, in ihrem Haus fanden sich 23 Katzen, 22 Kaninchen, drei Tauben – und vier Tierkadaver.

Am Dienstag legt sich eine dichte weiße Schneedecke auf den Hof eines Anwesens in Willstätt-Hesselhurst. Ein idyllisches Bild, das nichts mehr damit zu tun hat, was sich hier am Abend zuvor abspielte. Ab dem Nachmittag mussten Polizei, Veterinäramt und Feuerwehr Dutzende Tiere aus dem Wohnhaus retten, die teilweise in sehr verwahrlostem Zustand waren – offenkundig ein Fall von sogenanntem »Animal Hoarding« – krankhaftem Tiersammeln. 

Das Haus wurde 2010 an eine ältere Frau verkauft, die dort recht zurückgezogen lebt. Viel ist von ihr nicht bekannt, wenngleich sich die – wie sich jetzt heraustellte, fehlgeleitete – Tierliebe bereits herumgesprochen hatte.

Dramatische Zustände 

Das bestätigt auch Hesselhursts Ortsvorsteher Volker Mehne auf Anfrage. »Es war bekannt, dass sie Tiere hielt, aber lange nicht, in welchem Ausmaß«. Die dramatischen Zustände hätten am Montag alle Beteiligten überrascht. Prompt sei ihm von einer Bürgerin vorgeworfen worden, das Problem ignoriert zu haben, denn man habe doch davon gewusst. »Da habe ich ihr gesagt: Dann haben Sie weggeschaut, wenn sie davon Kenntnis hatten«, erzählt Mehne.

Der Ortsvorsteher war am Montag vor Ort und verfolgte den Einsatz der beteiligten Kräfte. Diesen bot sich beim Betreten des Hauses ein schlimmes Bild. Die Tiere flitzten überall herum, der Boden war voller Exkremente, es stank erbärmlich nach Kot und Verwesung. »Furchtbar« sei der Zustand gewesen, sagt Christian Hetzel, der Kommandant der Willstätter Feuerwehr. Er war mit 15 Feuerwehrleuten der Abteilungen Hesselhurst und Eckartsweier vor Ort. Von Polizei und Veterinäramt waren sie zunächst hinzugezogen worden, um das Haus ab Einbruch der Dunkelheit zu beleuchten, denn niemand wollte die Lichtschalter betätigen, weil dem Vernehmen nach offene Stromleitungen zu sehen waren.

Später halfen die Feuerwehrleute auch beim Fangen der Tiere – offenbar mit beträchtlichem Körpereinsatz, denn die Uniformen seien jetzt so verdreckt, dass man sie nicht auf herkömmlichem Weg reinigen lassen könne, so der Kommandant. Er könne sich an keinen vergleichbaren Einsatz erinnern.

Bewohnerin war nicht zu Hause

Die Bewohnerin des Hauses, die zusätzlich auch einen großen Hund halte, war am Montag nicht in Hesselhurst, sie soll für mehrere Tage nach Frankreich gefahren sein. Wie es hieß, hatten Bekannte der Frau Polizei und Veterinäramt gerufen, nachdem sich Tiere aus dem Haus offenbar selbstständig einen Weg nach außen verschafft hatten. Die Bekannten hätten eigentlich, wie zu hören war, lediglich die Tiere im Außenbereich füttern sollen. Diese wurden an Heime in der Region weitergegeben.

So nahm etwa das Tierheim in Kehl zehn unkastrierte Kaninchen auf. »Fünf bis sechs von ihnen waren verletzt, die anderen im Großen und Ganzen gesund«, berichtete am Dienstag Martina Heich, die Leiterin des Tierheims, auf Anfrage. Es handle sich etwa um Bissverletzungen und um Entzündungen – was als ein Hinweis darauf gelten könne, dass die Nagetiere auf zu engem Raum gehalten wurden. Selbst den gesunden Kaninchen ging es nicht gut. »Wenn man sie anfasst, spürt man, dass sie zu wenig Futter bekommen haben müssen«, sagt die Tierheimleiterin. Sämtliche Kaninchen wurden bereits von einem Tiermediziner des Veterinäramts begutachtet, nun kommen die Verletzten in tierärztliche Behandlung.

Mit dem Phänomen »Animal Hoarding« habe Martina Heich bereits Erfahrung gemacht. »Wir haben vor einigen Monaten schon sechs Katzen aufgenommen«, erzählt sie. Diese kamen aus dem Raum Rastatt. Offenbar handelte es sich dort um derart viele Tiere, dass sie weiträumig verteilt werden mussten.

Verstörte Tiere

Die geretteten Tiere aus Hesselhurst wurden am Montag teilweise noch vor Ort gefüttert. Dabei soll auch deutlich geworden sein, wie verstört sie waren. Die Katzen zu fangen, war besonders schwierig. Die traurige und vom Landratsamt bestätigte Bilanz am Ende lautete: 23 Katzen, 22 Kaninchen, drei Tauben und vier Kadaver. Wenn die Tierhalterin zurückkehrt, droht ihr ein Strafverfahren.

Autor:
Florian Würth

Hintergrund

Animal Hoarding

Manche Menschen sammeln Nahrungsmittel, Verpackungen und Kleidung, mit denen sie ihre Wohnung vollstopfen, bis diese verwahrlost und zugemüllt ist. Umgangssprachlich werden sie als »Messies« bezeichnet. Ein ganz ähnliches Phänomen, bei dem anstelle von Gegenständen Tiere in großer Zahl angehäuft werden, nennt man Animal Hoarding. 

Der Begriff kann mit Tiersammel-Sucht oder Tierhorten übersetzt werden. Es beschreibt ein Krankheitsbild, bei dem Menschen Tiere in einer großen Anzahl halten, sie aber nicht mehr angemessen versorgen, wie der Tierschutzbund erklärt. Es fehlt an Futter, Wasser, Hygiene, Pflege und tierärztlicher Betreuung. Die Halter erkennen jedoch nicht, dass es den Tieren in ihrer Obhut schlecht geht. In Fällen von Animal Hoarding brauchen sowohl die Tiere als auch die Menschen dringend Hilfe, wie der Tierschutzbund betont.