100 Jahre Ende des Ersten Weltkriegs

Eckartsweiers Ortsvorsteher bei Gedenkfeiern in Verdun

Autor: 
Michael Müller
Lesezeit 3 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
04. September 2018

(Bild 1/2) Rund 1000 Darsteller in historischen Uniformen nahmen an der Gedenkveranstaltung teil. ©Archiv Erich Nagel

Vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg. Ende August fand bei Verdun eine große Gedenkveranstaltung statt. Auch Eckartsweiers Ortsvorsteher Erich Nagel war dabei: Für ihn war es auch eine Reise auf den Spuren seines Großvaters, der einst vor Verdun im Einsatz war.

Karl Wandres hat den »großen Krieg« überlebt. Als Sohn eines Landwirts und Fruchthändlers in Willstätt geboren, musste er als fast 40-Jähriger an die Front. Er kämpfte in Belgien, erlebte die Schlacht an der Somme mit, und auch bei Verdun, Schauplatz des wohl blutigsten Gemetzels des Ersten Weltkriegs, war er im Einsatz. 

Großvater nicht mehr kennengelernt

Erich Nagel hat seinen Großvater nicht mehr kennengelernt. Ende August jedoch bekam Eckartsweiers Ortsvorsteher die Gelegenheit, auf seinen Spuren zu wandeln: Er durfte an einer mehrtägigen, unter anderem von der Gedenkstätte Mémorial de Verdun und dem Groupement d’Associations de Reconstitution Historique organisierten Gedenkveranstaltung teilnehmen – exakt an jenem Ort, wo sein Großvater einst als Sanitäter die Verwundeten versorgte. 

Beklemmende Bilder

Dabei sah er auch erstmals den Frontabschnitt, wo sein Großvater einst eingesetzt war. »Da stehen in den Vorgärten noch Reste der damaligen Stellungen«, berichtet er. »Das hat schon was Beklemmendes.«

Historische Erinnereungsstücke

Einige Erinnerungsstücke an seinen Großvater besitzt Erich Nagel noch. Etwa drei Originalteile seiner Uniform – Koppelschloss, Gasmasken-Büchse und Stahlhelm. Nicht unwichtig für die Veranstaltung in Verdun. Denn dabei ging es auch darum, das Geschehen von damals ein Stück weit wieder lebendig werden zu lassen – etwa in Form einer historisch getreuen Nachstellung eines großen Biwaks, Fackelzügen, Vorführungen der damaligen Militärausrüstung und einem großen Umzug in historischen Uniformen. Über 1000 Darsteller waren mit dabei – aus allen Ländern, die damals an dem Gemetzel beteiligt waren. Das Geschehen spielte sich an Originalschauplätzen ab wie dem berühmten Bajonettgraben oder dem Fort Douaumont. Und so nahm auch Nagel in einer rekonstruierten Uniform seines Großvaters an dem Spektakel teil. Die Teile, die noch fehlten, besorgte er sich etwa bei einschlägigen Versandhandelsfirmen über das Internet.

- Anzeige -

»Re-enactment«

»Re-enactment« nennt man so etwas – was die Initiatoren ausdrücklich nicht als »Krieg spielen« verstanden wissen wollen, sondern als Weg, um das, was damals passierte, für Menschen von heute begreifbar zu machen. Ein Ansatz, mit dem sich Nagel durchaus identifizieren kann. Wenn er an die politischen Entwicklungen heute denkt, befällt ihn nicht selten Angst, dass sich so eine Katastrophe wiederholen kann. Etwa wenn er an den »Brexit« denkt: Das könne ein erstes Symptom für ein zerfallendes Europa sein, befürchtet er. »Heute geht’s uns gut – aber unser gemeinsames Werte-Koordinatensystem geht immer mehr verloren.« Man dürfe die Geschichte nie vergessen.

»Akt der Völkerverständigung«

Das will er auch an seine Kinder weitergeben. Und so war auch Tochter Ulrike (31) mit dabei. Auch sie ist beeindruckt von den Bildern der Veranstaltung. »Das Dorf Fleury etwa gibt’s heute nicht mehr! Furchtbar, was sich da zugetragen haben muss.« Insofern habe sie die Veranstaltung auch als »Akt der Völkerverständigung« empfunden.

Keine Anfeindungen

Dazu passt auch, dass Nagel nie Anfeindungen ausgesetzt war, obwohl er in deutschem Feldgrau durch die Straßen lief – im Gegenteil. »Einmal wurden wir in einer Markthalle im Stadtzentrum von Verdun von Einheimischen angesprochen und aufgefordert, mit ihnen Walzer zu tanzen«, lacht er. Sie seien von der französischen Bevölkerung sehr herzlich aufgenommen worden. »Die haben uns umarmt – das war kein Schauspiel, sondern ernst und aufrichtig. Umwerfend!«

»Wir müssen glühende Europäer werden«

Lasst uns nie mehr aufeinander losgehen – das müsse die Lehre aus Verdun sein, findet auch Ulrike Nagel. Die Menschen müssten wieder lernen, einander die Hand zu reichen: »Wir müssen glühende Europäer werden.«

Zitat

»Durch Gottes Fügung« überlebte Karl Wandres den Krieg

In einem Lebenslauf, geschrieben 1934 kurz vor seinem Tod, schildert Erich Nagels Großvater Karl Wandres seine Kriegserlebnisse: 

»Im Jahre 1914 zog ich als einer der ersten am 1. August in den großen Weltkrieg; ich war gerade im Begriffe, mich zu verehelichen und war nun gezwungen, Kriegstrauung im Felde zu machen. Am 23. August wurde ich auf der Bahnwache in Mahlberg standesamtlich getraut mit Elisabetha Hörter aus Eckartsweier. Im September (…) mussten wir ins Feld, vorerst nach Belgien (...) Dann ging es nach Frankreich Sankt Quentin in den Schützengraben; waren immer in Reserve als Schanzbatallion bis zum Jahre 1916, wo am 24. Juli, die Sommeschlacht begann (...). Durch Gottes Fügung kam ich unverwundet aus dieser fürchterlichen Schlacht heraus, bekam aber eine schwere Erkrankung an meinem rechten Mittelfinger, wodurch ich mit einem großen Transport Leichtverwundeter ins Lazarett nach Deutschland kam, in das schöne Städtchen Gera in Thüringen. Es war wohl meine schönste Fahrt, die ich je erlebt habe. Wenn auch körperlich und geistig zerrüttet, durfte ich 6 Wochen durch gute Pflege mich bald wieder erholen. Im November Genesungskompanie des Ersatzbatallion 109 nach Karlsruhe versetzt, wurde ich im Winter desselbigen Jahres wieder zur Sanität ausgebildet und kam im Sommer des Jahres 1917 wieder ins Feld zur Sanitätskompanie 559 der badischen Landwirtdivision (…) nach Frankreich. Dort verblieb ich im Stellungskampf bis zum Ende des großen Weltkrieges. 

Nach dem Waffenstillstand ging es zu Fuß (...) zurück über Saarbrücken, Türckheim, durch die Pfalz über Mannheim nach Heidelberg. In Heidelberg bei meiner lieben Schwester erfuhr ich von der schweren Erkrankung meines lieben Kindes Liesel, fuhr eiligst nach Hause und traf leider mein liebes Kind bereits auf dem Totenbett…«

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kehl

Willstätt
vor 58 Minuten
In einer würdevollen Zeremonie wurde am Sonntag im elsässischen Holtzheim dem Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren gedacht. Auf Einladung der französischen Partnergemeinde nahm auch eine Abordnung aus Willstätt an der Gedenkfeier am französischen Nationalfeiertag teil. 
Bei der Eröffnung zugegen (von links): Sylvain Schirmann, Joachim Beck und Birte Wassenberg, Straßburgs OB Roland Ries, Präsident der Eurometropole Strasbourg Robert Herrmann, Vizepräsident des Generalrats Bas-Rhin und Präsident von PAMINA, Rémi Bertrand.
Kehl forscht mit Straßburg
vor 8 Stunden
Die Hochschule Kehl beteiligt sich an einem transnationalen Forschungszentrum. Im jüngst eröffneten Jean-Monnet-Spitzenforschungszentrum in Straßburg wollen deutsche und französische Wissenschaftler künftig gemeinsam an EU-Studien arbeiten.
Saskia Barthel (20) hat den Kammersieg im Bereich der Steinbildhauerei geholt. Links ihr Lehrmeister Hubert Benz.
Beste Abschlussarbeit
vor 11 Stunden
Dass Mädchen in sogenannten Männerberufen ihre Frau stehen, ist mittlerweile nichts Exotisches mehr. Manchmal überflügeln sie ihre männlichen Azubi-Kollegen auch – so wie Steinbildhauerin Saskia Barthel, die die beste Abschlussarbeit hinlegte.
Kommunalpolitik Kehl
vor 17 Stunden
Der Kehler Gemeinderat hat am Mittwochabend das klima- und energiepolitische Arbeitsprogramm zum Klimaschutzkonzept verabschiedet – vorbehaltlich der Haushaltsverhandlungen.
Steffens-Nachfolger
vor 17 Stunden
Jetzt ist es offiziell: In Willstätt wird am 3. Februar 2019 ein neuer Bürgermeister gewählt. Der bisherige Amtsinhaber Marco Steffens (CDU) tritt bekanntlich im Dezember das Amt als Oberbürgermeister in Offenburg an. Der Gemeinderat segnete am Mittwoch den Fahrplan für das weitere Prozedere ...
Willstätt
vor 20 Stunden
Mit großer Mehrheit hat der Ortschaftsrat Willstätt am Dienstag die Pläne für den Spielplatz im Baugebiet »Hinterm Gottesacker II« gebilligt. Mitglieder des Jugendortschaftsrates hatten den Entwurf erarbeitet.
Willstätt - Eckartsweier
15.11.2018
Viel Grund zur Freude hat die Feuerwehr Eckartsweier derzeit: Bald wird sie ein neues Einsatzfahrzeug erhalten, und auch zwei Neuzugänge hat die Mannschaft im abgelaufenen Jahr zu verzeichnen. Die Führungsspitze der Abteilung bleibt unverändert.
Willstätt
14.11.2018
Ihn kannte in Willstätt jedes Kind – und so ziemlich jeder, der in den letzten 43 Jahren in einem der umliegenden Baggerseen Abkühlung suchte: Den Willstätter Eismann Pietro Spagnoletti, der an Sommertagen mit seinem vanilleeisfarbenen VW-Bus seine Runden drehte. Am letzten Donnerstag ist Pietro...
Fernsehen
14.11.2018
Eine Woche haben die Dreharbeiten für den SWR-Fernsehfilm zwischen Kehl und Straßburg gedauert. »Die Tram war der Aufhänger«, sagt der Autor und Regisseur Jo Müller. Die Zusammenarbeit über die Grenze hinweg gibt Kehl eine besondere Dynamik, die Vorbild sein kann. 
Kehl
14.11.2018
Ein betrunkener 24-jähriger Matrose hat in der Nacht auf Mittwoch mehrere Gäste auf einem Passagierschiff angepöbelt, das in Kehl angelegt hatte. Letztlich musste die Polizei anrücken – und der Mann eine Nacht auf dem Festland verbringen.
Kehl
14.11.2018
Der Frauenanteil in der Kommunalpolitik ist gering. Deshalb will die Kehler Frauenliste in Kooperation mit den Kehler Fraktionen und Parteien politisch interessierte Frauen ermutigen, sich einzubringen.
Unter anderem diskutieren (von links): Jean-Luc Heimburger (Präsident der Wirtschafts- und Industriekammer Elsass), Peter Weiß (CDU), Sylvain Wasermann (En Marche).
Kehl/Straßburg
14.11.2018
Wie bringt man mehr junge Kehler in Straßburger Ausbildungsbetriebe? Wie schaffen es umkehrt mehr Elsässer in eine Lehre in der Ortenau? Um diese Fragen drehte sich eine Experten-Diskussion in Straßburg. Einige der Ansätze waren sehr konkret.

Das könnte Sie auch interessieren

Nachts Auto zu fahren strengt die Augen an – für Brillenträger kommen oft noch weitere Sichteinschränkungen dazu. Dagegen gibt es jetzt aber spezielle Gläser.
Dunkle Jahreszeit
vor 13 Stunden
Im Herbst und Winter kann es für Autofahrer auch mal ungemütlich werden, denn Wetter- und Lichtverhältnisse sorgen für eine schlechte Sicht. Besonders für Brillenträger wird das unter Umständen zum Problem. Spezielle Autofahr-Brillengläser schaffen hier aber Abhilfe.
Anzeige
Weltgrößtes Adventskalenderhaus
14.11.2018
Bereits seit mehr als 20 Jahren erweist sich das Gengenbacher Rathaus in der Adventszeit als magischer Anziehungspunkt: Es verwandelt sich mit seinen 24 Fenstern in das weltgrößte Adventskalenderhaus. Diesmal werden erneut Bilder von Andy Warhol präsentiert. 
Anzeige
Café Räpple in Bad Peterstal-Griesbach
09.11.2018
Ob im Stehen oder im Sitzen, mit Bier oder Wein – Tapas sind leckere Häppchen, die in gemütlicher Atmosphäre am besten schmecken. Genau das bietet das Café Räpple am 21. November mit einem ganz besonderen Schwarzwald-Tapas-Abend mit Gerichten aus eigener Herstellung.
Anzeige
Fachgeschäft in Offenburg
07.11.2018
Ob in der Arbeit oder zu Hause - einen Großteil des Tages verbringen viele Menschen mit Sitzen. Doch Sitzen ist nicht das Gesündeste für den Rücken. Rückenschmerzen sind die Folge. Und so ist es besonders wichtig, auf eine möglichst rückengerechte Haltung zu achten. "Rückengerecht leben" bietet als...
Anzeige