Kehl

Ein Pionier der Epileptologie

Autor: 
Hansjörg Schnebelt
Lesezeit 4 Minuten
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06. März 2010
m Alter von 81 Jahren ist der renommierte Wissenschaftler Rolf Kruse gestorben. Ein Nachruf aus medizinischer Sicht, verfasst vom früheren Ärztlichen Direktor in Kork, Hansjörg Schneble.
Mit vollem Recht kann Prof. Dr. med. Rolf Kruse zu den Pionieren der pädiatrischen Epileptologie (also der wissenschaftlichen Erforschung kindlicher Epilepsien) in der deutschen Nachkriegszeit gezählt werden. Schon während seiner Assistenz- und Facharzttätigkeit an der Universitätskinderklinik in Heidelberg Anfang der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts, hat er sich ausführlich mit den epileptischen Anfällen und den Epilepsien im Kindes- und Jugendalter beschäftigt. Sein Hauptinteresse galt dabei einer besonderen Form kindlicher Epilepsien, die damals den Ärzten im Hinblick auf Ursache, Verlauf und Behandlung große Rätsel aufgab – dem so genannten »myoklonisch-astatischen Petit mal«. Kruse war weltweit der erste Kinderepileptologe, der das Krankheitsbild dieser problematischen kindlichen Epilepsie in einer ausführlichen Monographie (seiner Habilitationsschrift) dargestellt, analysiert, und wissenschaftlich aufgearbeitet hat. Mit Recht wurde diese Arbeit, die über Jahre hinaus zu einer wissenschaftlichen Basis für viele epileptologisch tätigen Pädiater wurde, 1967 mit dem international bedeutenden Preis der Stiftung Michael ausgezeichnet. Europaweit anerkannt 1969 folgte er seinem Kollegen und Freund Prof. Dr. Ansgar Matthes ins Hanauerland an die »Korker Anstalten« und baute zusammen mit ihm das überregionale Epilepsiezentrum Kork auf, eine Einrichtung, die bald europaweit als Spezialeinrichtung für epilepsiekranke Kinder, Jugendliche und Erwachsene bekannt und anerkannt wurde. Prof. Kruse war während seiner Korker Zeit (1969 – 1993) nicht nur ein hervorragender, von Kollegen und Patienten in gleicher Weise hochgeschätzter, in Klinik und Ambulanz sehr aktiver Epilepsiespezialist; er fühlte sich auch der Wissenschaft verpflichtet. Von seiner unermüdlichen Forschungstätigkeit zeugt nicht nur eine große Zahl von Publikationen, sondern auch eine zweite hochrangige Auszeichnung: Mit dem Friedrich von Bodelschwingh-Preis wurde 1977 seine aufsehenerregende Entdeckung gewürdigt, dass es bei Epilepsiepatienten, die über Jahre hinweg anfallhemmende Medikamente einnehmen zu einer »Knochenerweichung« kommen kann, die sich aber erfolgreich mit Vitamin D verhindern oder behandeln lässt. Diese Entdeckung hat Auswirkungen bis in die Epilepsie-Therapie unserer Tage. 1983 wurde Rolf Kruse für drei Jahre zum Präsidenten der Deutschen Sektion der Internationalen Liga gegen Epilepsie gewählt, der wichtigsten ärztlichen Epilepsievereinigung in Deutschland. In seiner Funktion als Liga-Präsident organisierte er 1984 in Kehl und Kork den großen Epilepsie-Liga-Kongress: bedeutendstes wissenschaftliches Ereignis auf dem Gebiet der Epileptologie im Verlauf eines Jahres im deutsch-sprachigen Raum. Auf Grund seiner Verdienste um die Epileptologie hat die Deutsche Epilepsie-Liga ihn 1996 zu ihrem Ehrenmitglied ernannt. 1973 gründeten Prof. Kruse und Prof. Matthes in Kork die Neuropädiatrische Gesellschaft der deutschsprachigen Länder, die heute – über die Landesgrenzen hinweg – eine der wichtigsten und beständigsten Gesellschaften im Bereich der Pädiatrie darstellt. Gegen Ende seiner aktiven Zeit und vor allem in seinem Ruhestand (ab 1993) widmete sich Kruse historischen Themen und dem Bereich »Epilepsie und Kunst, speziell in der schön-geistigen Literatur«. Auch auf diesem Gebiet entwickelte er sich zu einem nicht nur bei Medizinern, sondern auch bei Literaturwissenschaftlern anerkannten Spezialisten. Unvergessen sind insbesondere seine Publikationen und lebendigen Vorträge über das Epilepsiemotiv in den Werken Thomas Manns. Hilfe, Rat und Beistand Prof. Kruse hat während seiner langen epileptologischen Tätigkeit nicht nur hervorragende wissenschaftliche Arbeit geleistet, nicht nur Meilensteine in der deutschen Epileptologie gesetzt und nicht nur entscheidend dazu beigetragen, für das Epilepsiezentrum Kork den bedeutenden Stellenwert zu erreichen, den es heute inne hat, sondern er hat insbesondere auch als Arzt und Mensch einer nicht mehr überschaubaren Zahl von epilepsiekranken Menschen und ihren Angehörigen Hilfe, Rat und ärztlichen Beistand gegeben. Ohne Übertreibung lässt sich konstatieren: Ohne Prof. Dr. Rolf Kruse wäre die deutsche Epileptologie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ärmer geblieben.

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