Serie: Geschichte des ÖPNV in Kehl (3)

Enteköpfer: Mit Volldampf durch die Dörfer

Autor: 
Alexander Gehringer
Lesezeit 8 Minuten
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12. Dezember 2018

Durch Wiesen und Wälder tuckerte einst die MEG-Bahn, die bis in die 1960er-Jahre hinein Kehl mit seinem Umland verband. ©Archivfoto

»Bahn frei bis zum Rathaus« heißt es seit dem 23. November: Die Straßburger Tram hat nun auch das Zentrum Kehls erreicht. Aus diesem Anlass erinnert die Kehler Zeitung in einer Serie an die Meilensteine des öffentlichen Nahverkehrs in der Grenzstadt. Heute: Erinnerungen von Kehler Zeitzeugen an den »Enteköpfer«.

Wer Kehl und die Region frühestens seit den 1970ern kennt, mag sich schon gefragt haben: Warum gibt es in Auenheim eine Eisenbahnstraße, in Ichenheim einen Tramweg oder in Freistett eine Bahnhofstraße? Antwort: Weil hier vor mehr als 50 Jahren tatsächlich Gleise hindurchführten; damals durchzog das dichte Netz der MEG-Schmalspurbahn die Rheinebene. Das »Bähnel« oder »Ziggl« verband Kehl mit den Dörfern im Hanauerland und Ried, mit Offenburg, Lahr, Bühl und Rastatt – zu Zeiten, da die wenigsten Menschen ein Auto besaßen. Vielerorts tuckerte es auf Straßenschienen mitten durchs Dorf – was dem Federvieh offenbar nicht immer bekam; jedenfalls trug die MEG den Spitznamen »Enteköpfer«. Drei einstige Fahrgäste erinnern sich an das besondere Verkehrsmittel: Alfred Wickers (83), Seniorchef des Kehler Schuhhauses Wickers, Willi Straßer (78), Vorsitzender des Dampfbahnclubs Auenheim, sowie Karlheinz Axt (80), Kehler Alt-Stadtrat und früherer Vorsitzender des Kehler Fußballvereins (KFV).

In zweieinhalb Stunden von Auenheim bis Bühl

Alfred Wickers: Während der Besetzung Kehls haben wir in Auenheim gewohnt, und ich bin als Sextaner 1947/48 jeden Morgen mit der MEG nach Bühl zur Schule gefahren. Um 4.38 Uhr fuhr der Zug ab, gegen 7 Uhr war man in Bühl! Oft musste ich als erster Fahrgast bei Nacht und Nebel am Auenheimer Bahnhof warten; da Besatzungssoldaten in der dortigen Wirtschaft lebten, hauptsächlich aus Nordafrika, war das für mich als Kind etwas unheimlich. Dann ging es über Leutesheim, Honau, Diersheim, Rheinbischofsheim, Freistett, Memprechtshofen, Helmlingen, Muckenschopf, Scherzheim und Lichtenau zunächst nach Schwarzach; dort verzweigte sich die Linie, unser Zugteil wurde im Verschiebebahnhof geteilt, für mich ging es dann weiter nach Bühl. Zum Glück musste ich nur ein halbes Jahr die ganze Strecke fahren, bis das Progymnasium Rheinbischofsheim eröffnet wurde.

Morgens zur Schule und abends ins Kino

Willi Straßer: Ich bin mit der Bahn von 1948 bis 1951 von Auenheim nach Rheinbischofsheim zur Schule gefahren, später ab und zu noch abends nach Kehl zum Union-Kino. Um 23 Uhr fuhr dort die letzte Bahn zurück; das Kino hat sich zwar danach gerichtet, aber manchmal gab es noch einen Einkehrschwung ... Und wer dann zu spät kam, musste heimlaufen. 
Karlheinz Axt: Als Kind habe ich in Diersheim gewohnt, und wir sind mit dem Ziggl oft zu Oma und Opa nach Kehl und zu meinem Vater im Internierungslager Bühl-Altschweier. Später ging es für mich dann per Bähnel nach Rheinbischofsheim zum Progymnasium. Wenn es kalt war, haben wir Schüler im Diersheimer »Rappen« auf den Zug gewartet – mit mehr oder weniger freundlicher Duldung durchs Personal ... Als unsere Familie nach Neumühl gezogen war, bedeutete das für mich: jeden Morgen eine halbe Stunde Fußmarsch zur Nothaltestelle Kinzigbrücke, um nach »Bische« zu kommen – und nachmittags zurück. Und das knapp drei Jahre lang! Ab 1955, als wir schon in Kehl wohnten, habe ich auch noch die MEG nach Offenburg genutzt, um zur höheren Handelsschule und später zur Ausbildung zu kommen – bis ich dann auf den Postbus über Willstätt umgestiegen bin, mit dem es einfach schneller ging.

Kriegs-Erinnerungen: Der Schuhtransport ins Kinzigtal

Alfred Wickers: Während des Kriegs sind russische und polnische Gefangene in einer Art Viehwaggon zur Arbeit in die Kehler und Straßburger Häfen gefahren. Diese Waggons waren offen, und wenn die Bahn mal stand, haben die Gefangenen oft versucht, kleine Basteleien an die Passanten zu verkaufen – gegen Naturalien.
Die erste Evakuierung Kehls war im Gegensatz zur zweiten ziemlich gut organisiert. Die MEG ist durch die Hauptstraße gefahren und hat an jedem Geschäft gehalten; Waren wurden eingeladen und abtransportiert, um sie für die Bevölkerung zu schützen. Letztlich kamen sie zum Beispiel ins Kinzigtal, unsere Schuhe sogar nach Oberharmersbach. Diese Aktion war für mich sehr bewegend. Und auch Rückkehr und Rücktransport der Waren bewältigte im Wesentlichen die MEG. Bei der zweiten Evakuierung konnte unsere Familie schon ein Auto nutzen – viele andere mussten mit der MEG aus der Stadt fliehen.
Erstaunlich war für mich, wie nach dem Krieg Bahn und Post doch irgendwie funktioniert haben, obwohl Deutschland total in Trümmern lag. Dieses Funktionieren wird meines Erachtens viel zu wenig gewürdigt.

Die Fahrt mit dem »Bähnel«: Hausaufgaben bei Rauch und Ruckeln

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Alfred Wickers: Die Innenausstattung war reine Holzklasse. Es hat gequietscht, wenn man in die Kurve gefahren ist, und der Kohlenrauch war gut spürbar. Aber gerade im Winter war es eine heimelige Atmosphäre: Es gab einen Kanonenofen im Wagen mit einem Rohr durchs Fenster. Vor diesem Ofen ist man zusammengerückt, hat Hausaufgaben ausgetauscht oder die ersten Karl-May-Bücher gelesen. Und: Die MEG hatte ihren ganz besonderen Geruch. Der hat mir immer gefehlt, als wir evakuiert waren. Wenn du diesen Geruch in der Nase hattest, dann hast du gewusst: Du bist in Kehl!

Willi Straßer: In der Bahn herrschte eine ganz besondere Atmosphäre: Sie fuhr ziemlich unruhig – auch weil die Gleise am Schluss kaum noch instand gehalten wurden –, bei einer Höchstgeschwindigkeit der Dampfzüge von 40 km/h konnte man sich im Stehen kaum halten. Der Bunkerofen hat gerußt, außerdem wurde viel geraucht. Wir Progymnasiasten als verschworene Clique sind zusammengesessen, haben uns unterhalten und auf dem Weg zur Schule noch die Hausaufgaben vom Klassenprimus abgeschrieben. Und weil die Bahn ja schaukelte, haben die Lehrer natürlich an der Schrift gemerkt, wenn man die Aufgaben erst in der Bahn gemacht hatte. Da wurden dann schon mal die Eltern einbestellt ...

Karlheinz Axt: Als die MEG bis in die frühen 50er noch kohlegetrieben fuhr, war das eine rauchige Sache! Außerdem war das Tempo natürlich sehr ungleichmäßig, wenn zum Beispiel an den Kreuzungen dauernd gebremst und wieder beschleunigt wurde. Ein besonderes Erlebnis war es, während der Fahrt im Freien auf der Plattform zu stehen! Und natürlich hat der Enteköpfer in der Dampfzug-Ära seinen ganz eigenen Klang gehabt: das Bimmeln und Pfeifen!

Respekt vor den Großen – Flucht vor dem Schaffner

Alfred Wickers: Wir hatten einen Heidenrespekt vor den angehenden Abiturienten. Da waren viele schon im richtigen Mannesalter, haben nach dem Krieg das Abitur nachgeholt. Wenn die zugestiegen sind, das Ziggl voll war und man ihnen nicht schnell genug Platz gemacht hat, dann hat man leicht mal eine gefangen! 
Willi Straßer: Boxkämpfe im schlingernden Fahrzeug waren gefährlich! Ein Schüler hat sich im Fallen mal am Notbremshebel festgehalten – der Zug stoppte, wir sind alle rausgestürmt, der Schaffner uns hinterher, und wir sind ins Feld geflüchtet ... Vor dem Schaffner hatten wir sowieso gehörigen Respekt – ein großer Mann mit Händen wie zwei Schaufeln! Natürlich ist der Zug dann ohne uns weitergefahren, und unsere Schultaschen wurden im Auenheimer Wartesaal deponiert ...

Anlaufschwierigkeiten: Mit Viehsalz die Brücke hinauf

Alfred Wickers: Auf der Brückenauffahrt bei Memprechtshofen waren im Winter manchmal die Schienen gefroren, sodass die Räder durchgedreht haben. Dann musste der Schaffner aussteigen und Viehsalz auf die Schienen streuen. Mit viel Geschnaufe hat der Zug dann die Brücke gepackt.
Karlheinz Axt: Am Offenburger Stadtbuckel musste die Bahn öfters anhalten, wenn ein Auto auf dem Gleis stand. Und wenn sie zu voll war, schaffte sie hinterher den Buckel nicht mehr. Dann hieß es: Schüler bitte aussteigen!
Willi Straßer: Wenn die Arbeiter in den Feierabend fuhren, war die MEG nach Auenheim trotz mehrerer Anhänger proppenvoll und musste vor der Kehler Kinzigbrücke kräftig Schwung holen! Und bei Hochwasser ist sie im Bereich des heutigen Auenheimer Gewerbegebiets schon mal 30 Zentimeter tief durchs Wasser gepflügt – natürlich ganz langsam, und Zeit hat ja auch keine Rolle gespielt. Man war schließlich froh, dass man die Bahn hatte!

Abschied und Wehmut

Willi Straßer: Nach dem Krieg ist die Bahn durch die zunehmende Motorisierung ins Abseits geraten. Man hat sie als veraltet abgetan und runtergewirtschaftet; die Gleise verdreckten, der Lauf war entsprechend rau. Und manchmal schien es, als habe man jeden Anlass genutzt, um die MEG abzuschaffen. Ein Tieflader hat in Auenheim mal ein Stück Gleis rausgerissen – prompt hieß es: »Jetzt reicht’s – die MEG muss weg!« An einem Samstag war die Abschlussfahrt, am Montag wurden schon die Schienen entfernt.
Alfred Wickers: Als das Bähnel eingestellt wurde, hat schon was gefehlt. Ich glaube, dass die Mehrheit der Fahrgäste mit der MEG zufriedener war als mit der Bundesbahn. Wie hätte man sonst auch zum Beispiel von Auenheim nach Bühl kommen sollen, wenn man kein eigenes Auto hatte?
 

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