Vortrag in Kehl

Gedenken an die Reichspogromnacht vor 80 Jahren

Redaktion
Lesezeit 4 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
09. November 2018
Mehr zum Thema

Friedrich Peter erinnerte an das Geschehen rund um die Reichspogromnacht in Kehl. ©Rolf Hoffmann

Zu den schlimmste Auswüchsen des Nazi-Terrors in Deutschland gehört die Reichspogromnacht. Genau 80 Jahre her ist dieses Ereignis am heutigen Freitag. Ein Vortrag und eine Filmdokumentation haben im Zedernsaal der Stadthalle das Kehler Geschehen in der Reichspogromnacht auf beklemmende Weise deutlich gemacht.

Die Juden aus Kehl waren »in unbeschreiblicher Weise misshandelt und verletzt«, hat ein Polizeibeamter ausgesagt, der am 10. November 1938 in Appenweier eingesetzt war, als dort Kehler Juden in einen Zug aus Offenburg nach Dachau »verfrachtet« wurden. Für sie endete so die Reichspogromnacht, früher verharmlosend Reichskristallnacht genannt, in Erinnerung an Kristallsplitter vor zerstörten Synagogen.

Friedrich Peter referierte

Was dem Abtransport nach Dachau in Kehl vorausgegangen war, darüber referierte Friedrich Peter am Dienstag im Zedernsaal der Stadthalle auf Einladung des Arbeitskreises »27. Januar«, dem die evangelische und die katholische Kirchengemeinde, der Historische Verein Kehl und die Stadt Kehl angehören.Friedrich Peter unterscheidet vier Phasen der Judenverfolgung im »Dritten Reich«: Es begann nach der sogenannten Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 mit einem Boykott jüdischer Geschäfte und der Verdrängung der jüdischen Bevölkerung aus dem öffentlichen Leben. Mit den Nürnberger Rassegesetzen wurden die Juden 1936 rechtlos gestellt. 

Schmerzlicher Höhepunkt

Mit der Reichspogromnacht am 9./10. November 1938 erreichte die Verfolgung für viele Juden, vor allem jüdische Männer, einen schmerzlichen Höhepunkt. In der vierten und letzten Phase, mit Kriegsbeginn 1939, wurde Juden fast jede Erwerbstätigkeit untersagt. Wer nicht mehr in einen sicheren Drittstaat entkommen oder sich verstecken konnte, wurde Opfer der Massenvernichtung in Konzentrationslagern.

Vortrag und Filmdokumentation machten am Dienstag das Kehler Geschehen in der Reichspogromnacht beklemmend deutlich. Was offiziell als Folge des »Volkszorns« ausgegeben wurde (Kehler Zeitung vom 11. November 1938), als Reaktion auf das Attentat eines polnischen Staatsbürgers jüdischen Glaubens auf einen deutschen Diplomaten in Paris, war in Wahrheit von oben angeordnet: Dem Kehler Gestapochef Julius Gehrum wurden am 10. November 1938 um 3 Uhr früh von der übergeordneten Gestapoleitstelle in Karlsruhe »Maßnahmen gegen Juden« befohlen, darunter die Zerstörung der Geschäfte und Wohnungen von Juden, die Beschlagnahme von Wertgegenständen und Geld und die Festnahme aller männlichen Juden von 16 bis 60 Jahren.

Befehl am frühen Morgen

- Anzeige -

Um 5.30 Uhr war Befehlsausgabe im Rathaus. Es wurden mehrere Kommandogruppen gebildet, bestehend aus einem Gestapomann, zwei SS-Männern und einem Polizeibeamten. Sie hatten den Auftrag, die auf einer Namensliste verzeichneten jüdischen Männer zu verhaften. Eine Zeitzeugin berichtet in der Filmdokumentation: Ein Mitglied der jüdischen Gemeinde, Max Bensinger, habe im Haus ihrer Eltern in einem möblierten Zimmer gewohnt. »Als die SS kam und den Mann die Treppe heruntergeworfen hat, war ich daneben gestanden und hab ’s miterlebt. Das vergisst man nimmer.«

Andere erinnern sich daran, dass morgens schulfrei gegeben wurde, es sei etwas mit den Juden. Auf dem Weg durch die Stadt beobachteten sie, dass die verhafteten Juden durch die Straßen getrieben und geschlagen wurden. 

Geprügelt und getreten

Ziel war zunächst die Villa Fingado, das Haus der Gestapo, am Schnittpunkt Hermann-Dietrich-Straße/Ludwig-Trick-Straße. Nach Einzelverhören dort ging es im Laufschritt zur alten Stadthalle in der Jahnstraße. Wer nicht mithalten konnte, wurde geprügelt und getreten. Im Keller der Stadthalle hat man die Juden schreien hören, das war furchtbar, berichtet eine Zeitzeugin.

Gegen Abend wurden die Juden zum Bahnhof gebracht. »Wer Nazi war, war auf den Beinen«, wird berichtet. Jetzt begleiteten auch Mitglieder des Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps die Gefangenen. Unterwegs mussten die Gefangenen Sprechchöre rufen wie »Wir sind die Kriegstreiber«, erinnert sich ein Zeitzeuge. Am Bahnhof wurden sie in Güterwagen »verladen«, das Ziel war Dachau. Nach einigen Wochen wurde sie entlassen, Begüterte mussten sich freikaufen.

Die Schreckensbilanz

Die Bilanz nach zwölf Jahren nationalsozialistischer Gewaltherrschaft: Hatten 1933 in Kehl noch 109 jüdische Bürger gelebt, so waren es 1940 noch 20. Sie wurden am 22. Oktober 1940 in das Internierungslager Gurs in Südfrankreich deportiert. Einige kamen später in Konzentrationslagern um. 38 Kehler Juden überlebten den Holocaust nicht.

Der Referent verwendete in seiner Darstellung Ausschnitte aus der Filmdokumentation einer Projektgruppe des Einstein-Gymnasiums, die unter der Leitung von Lehrer Uli Hillenbrand Kehler Zeitzeugen befragt hat. Die Doku  ist im Wettbewerb »Erinnerung sichtbar machen« mit einem Preis ausgezeichnet worden (Kehler Zeitung vom 7. November), und die Projektgruppe ist daraufhin kurzfristig zur Präsentation ihres Projekts nach Berlin eingeladen worden.
 

Mehr zum Thema

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kehl

Die Akteure beim Freundschaftsfest im Kehler Theater der zwei Ufer zum Start in die Spielzeit 2022/23 (v. links): Gabi Jecho, Herbert Leidenheimer, Patrick Labiche, Ruth Dilles, Katharina Keck (Moderatorin und Akkordeon), Guy Riss, Helmut Dold („De Hämme“), Nicolas Morell (Akkordeon), Andreas Dilles (Piano), Laurence Bergmiller (Gesang) und Aline Martin.
vor 1 Stunde
Kehl
Mit einem grenzüberschreitenden Freundschaftsfest mit Liedern und Kabarett in mehreren Sprachen eröffnete das Theater der zwei Ufer am Freitagabend seine Spielsaison 2022/23.
Beim Grenzgängersprechtag standen den Bürgern von dies- und jenseits des Rheins eine Vielzahl von Ansprechpartnern zur Seite.
vor 4 Stunden
Kehl - Kehl/Straßburg
Der erste Grenzgänger-Sprechtag der Infobest Kehl/Straßburg seit 2019 war ein voller Erfolg: Lebenslagen- und Fachberatung bei grenzüberschreitenden Fragen ist gefragter denn je.
Sind erfolgreich vor Ort und online (von links): Jennifer, Wolfgang und Irene Geiger.
vor 7 Stunden
Kehl
Das Musikhaus Geiger zeigt, dass sich der Online-Handel lohnen kann. Nun wurde der Familienbetrieb mit dem Ebay-Award in der Kategorie „Lokalheld“ ausgezeichnet.
Rund 100 Bürger wollten sich Infos zur Grundsteuererklärung holen.
24.09.2022
Kehl
Am 31. Oktober ist Stichtag – Hilfestellung gaben Mitarbeitende des Finanzamts Offenburg bei einem gemeinsam mit der Stadt Kehl organisierten Infoabend in der Stadthalle.
Der Gießelbach fließt unter der Elsässer Straße hindurch. Da die Straßenüberführung schadhaft ist, muss sie erneuert werden.
24.09.2022
Kehl - Neumühl
Bauwerk weist Risse und Beschädigungen auf.
Versteigern oder vergeben, das ist hier die Frage.
24.09.2022
Kehl - Neumühl
Ort will Brennholz in kleinem Rahmen versteigern
Die Eugen-Ensslin-Straße befindet sich im Kehler Hafen - dort, wo früher die Trickzellstoffwerke standen. Eugen Ensslin war von 1929 bis 1947 einer der drei Geschäftsführer.
23.09.2022
Straßennamen, die es (fast) nur in Kehl gibt (17)
Eugen Enßlin war von 1929 bis 1947 einer der drei Geschäftsführer der Trickschen Zellstoffwerke, damals der größte Betrieb in der Rheinstadt.
Frei nach Bruno Morawetz: „Wo ist Marlen?“
23.09.2022
Kehler Stadtgeflüster
Legendäre Zitate und ungelöste Fragen
OB Wolfram Britz: "Wir müssen der Verpflichtung nachkommen."
23.09.2022
Stellungnahme des OB
Stellungnahme von OB Wolfram Britz zur Unterbringung von Flüchtlingen in der„Krone“ in Odelshofen – in einer Pressemitteilung der Stadt. Die einzige Alternative „bestünde in der Belegung weiteren Sporthallen“.
Im Gebäude des ehemaligen Gasthauses „Krone“ In Odelshofen sollen Flüchtlinge untergebracht werden.
23.09.2022
Flüchtlingsunterbringung
In Odelshofen gibt es Kritik an der von der Stadt beabsichtigten Unterbringung von Flüchtlingen im ehemaligen Gasthaus „Krone“. Der Ortschaftsrat will dagegen stimmen. Was OB Britz dazu sagt: siehe unten.
Der Neumühler Grillplatz ist derzeit gesperrt, da die Grillhütte und die Bänke immer wieder beschädigt wurden.
23.09.2022
Kehl - Neumühl
Der Neumühler Grillplatz wird immer wieder von Unbekannten beschädigt und vermüllt. Mit dem Abbau von Bänken will der Ortschaftsrat den Unholden den Aufenthalt vermiesen.
Sieben Blutspender zeichneten OB Wolfram Britz (r.) und Rolf Dieter Karrais (3. von links) im Gemeinderat mit Ehrennadel und Präsent aus (von links): Martin Baumert (75 Spenden), Bärbel Forster (zehn Spenden), Michael Kienle (75 Spenden), Amelie Oertel (zehn Spenden), Thomas Guggomos (25 Spenden), Beate Krauß (50 Spenden) und Reinhard Baur (200 Spenden).
23.09.2022
Kehl
Auszeichnung von Reinhard Baur und weiteren Blutspendern im Rahmen einer Gemeinderatssitzung am vergangenen Mittwochabend.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • Es ist angerichtet - die Gäste können kommen - zur großen Küchenparty, die am 28. September ab 18.30 Uhr im Hotel Liberty "steigt".
    16.09.2022
    Hotel Liberty: Sich von Sterneköchen verwöhnen lassen
    Das Ambiente allein im Offenburger Hotel Liberty lässt jeden Aufenthalt zum Erlebnis werden. Ist Party angesagt, dann potenzieren sich Location, Kulinarik und Show noch einmal. Alles zusammen ergibt eine einmalige kulinarische Reise – genannt Küchenparty.
  • Das repräsentative Gebäude von Möbel Seifert in der Acherner Innenstadt. Auf fünf Etagen gibt es aktuelle Wohnideen zu sehen.
    11.09.2022
    Möbel Seifert in Achern: Beste Preise zu besten Leistungen
    Man spürt es deutlich: die Tage werden kürzer, die Hitze weicht angenehmen spätsommerlichen Temperaturen. Bald ist die Draußenzeit vorbei und wir sehnen uns nach einem gemütlichen, kuschelig eingerichteten Zuhause. Dafür ist Möbel Seifert in Achern der ideale Partner.
  • Edel und funktional - eine der 30 Musterküchen, die bei Möbel RiVo in Achern-Fautenbach im Maßstab 1:1 zu besichtigen sind.
    09.09.2022
    Besuchen Sie Möbel RiVo in Achern-Fautenbach
    Küchenkauf ist Vertrauenssache. Es geht schließlich um eine Investition, die Jahrzehnte gute Dienste leisten und Freude machen soll. Die Experten von Möbel RiVo verfügen über langjährige Erfahrung, denn das familiengeführte Unternehmen existiert seit 50 Jahren.
  • Vor 175 Jahren verkündeten im Salmen die "entschiedenen Freunde der Verfassung" den ersten freiheitlich-demokratischen Grundrechtekatalog. Beim Freiheitsfest lebt dieser historische Meilenstein wieder auf.
    07.09.2022
    Heimattage: Großes Landesfest mit Zapfenstreich und Umzug
    175 Jahre Offenburger Forderungen, 70 Jahre Baden-Württemberg, Freiheitsfest, Museumsfest: Was am 10. und 11. September in Offenburg im Rahmen des Landesfestes geboten wird, sucht seinesgleichen. Außergewöhnliches Highlight ist der Große Zapfenstreich am Samstagabend.