Kehl

Gekämpft für das Land und doch wieder Sündenbock

Autor: 
Karl Britz
Lesezeit 4 Minuten
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14. September 2021
Ehrenblatt für Julius Wertheimer (Ausschnitt). Der Kriegsveteran und seine Ehefrau waren ab 1939 in Haigerloch evakuiert. Sie wurden 1941 nach Riga deportiert und erschossen.

Ehrenblatt für Julius Wertheimer (Ausschnitt). Der Kriegsveteran und seine Ehefrau waren ab 1939 in Haigerloch evakuiert. Sie wurden 1941 nach Riga deportiert und erschossen. ©Quelle: Ehrenchronik Bodersweier 1934

Serie „Jüdisches Leben in Kehl“, heute die zwölfte Folge: Im Ersten Weltkrieg haben Juden gekämpft, sind gefallen, wurden verwundet – in der Nazi-Zeit wurden sie entrechtet, verfolgt und ermordet.

Auf dem Weg zu gleichen Rechten erwuchsen den jüdischen Mitbürgern auch gleiche Pflichten. Dazu gehörte für die Männer der Militärdienst. Wie andere Deutsche auch erfüllte es im Kaiserreich viele mit Stolz, ihrem Vaterland als Soldaten zu dienen.

Schon im Strafprozess gegen den antisemitischen Hetzredner Reuther im Jahre 1895 in Kehl wurde deutlich, wie beleidigend dessen Äußerungen über jüdische Soldaten im Krieg von 1870/71 empfunden wurden.

Viele Juden mussten am Ersten Weltkrieg teilnehmen und erhielten für ihren Einsatz militärische Auszeichnungen wie das Eiserne Kreuz oder die Badische Silberne Verdienstmedaille. Manche hatten sich auch freiwillig gemeldet.
Die Gesamtzahl der jüdischen Kriegsteilnehmer aus der Stadt Kehl ist nicht erfasst. Unter ihnen waren allein fünf Enkel von Samuel Kaufmann. Arthur Kaufmann, der jüngste, hatte sich freiwillig gemeldet und starb schon im Februar 1915 an einer Verwundung im Alter von 18 Jahren. Sein Cousin Ernst fiel kurz vor dem Waffenstillstand im November 1918.

Auf dem Ehrenmal im Kehler Friedhof und in der Gefallenenliste des Stadtarchivs sind noch drei weitere Kriegstote vermerkt: Jakob Bodenheimer, Julius Liebhold und Jakob Wertheimer.

Ergiebiger sind die Aufzeichnungen über den militärischen Einsatz jüdischer Soldaten im Gemeindearchiv von Bodersweier. 20 jüdische Kriegsteilnehmer sind nachgewiesen. 1934 wurden eine Ehrentafel, eine Totentafel und eine umfangreiche Ehrenchronik gestaltet.

Es muss wohl als Besonderheit angesehen werden, dass selbst in der NS-Zeit die jüdischen und die nichtjüdischen Soldaten ohne Unterschied und Verweis auf ihre Religionszugehörigkeit in dieser Chronik aufgeführt und gewürdigt wurden und dass diese Dokumente erhalten blieben.

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Für die beiden Gefallenen Arthur Bensinger und Joseph Wertheimer, die auch auf dem großen Ehrenmal auf dem Friedhof erwähnt sind, wurden besondere Gedenkblätter in die Chronik aufgenommen. Außerdem gibt es für 17 heimgekehrte jüdische Männer jeweils ein ganzseitiges Ehrenblatt mit den persönlichen Daten, den Auszeichnungen und in der Regel einem Foto. Vermerkt ist, dass das Eiserne Kreuz an fünf und die Badische Silberne Verdienstmedaille an vier jüdische Heimkehrer verliehen wurde Auch auf der großen gerahmten Ehren- und Gedenktafel haben alle ihren gleichberechtigten Platz.

Die „Dolchstoßlegende“

Um von seinen Fehlern abzulenken, erfand das militärische Führungspersonal die „Dolchstoßlegende“. Nicht an der Front habe man den Krieg verloren, sondern durch die Machenschaften „vaterlandsloser“ Zivilisten aus der Heimat und des „Weltjudentums“. Wilhelm II., der abgedankte Kaiser und frühere Kriegsherr, der sich selbst ein reines Gewissen bescheinigte, entwickelte in seinem Exil in Holland fatale Verschwörungstheorien. 1927 schrieb er: „Presse, Juden und Mücken“ seien „eine Pest, von der sich die Menschheit so oder so befreien muss. Ich glaube, das beste wäre Gas.“ Wenige Jahre später begann das Nazi-Regime, die grausamen Theorien solcher Vordenker in die Tat umzusetzen und war weit davon entfernt, das Engagement der jüdischen Soldaten zu würdigen.

Als den Juden von Bodersweier 1935 der Bürgernutzen entzogen wurde, betonte ein Rechtsanwalt noch in seiner Protestschrift, dass die Entrechteten doch „ihre Pflicht für Deutschland voll getan“ hätten.

Nach der Pogromnacht am 10. November 1938 wurden auch fast alle Kriegsveteranen verhaftet, misshandelt und ins Konzentrationslager Dachau deportiert. Wer nicht hatte auswandern können, wurde zwischen 1940 und 1945 zusammen mit Familienangehörigen deportiert und ermordet, unter anderem in Auschwitz und in Riga.

So war man wieder ins Mittelalter zurückgekehrt, als in Straßburg und anderswo Tausende von Juden den Feuertod sterben mussten, weil sie angeblich an der Pest schuld waren. In der ersten Folge dieser Serie haben wir darüber berichtet.

„Es ist dasselbe Land, das mein Großvater liebte, für das er kämpfte und das ihm sein Leben nahm“, schreibt die heutige Texanerin Shlomit Proter über Louis Bensinger aus Kehl. Er war schwerverwundet aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt, flüchtete 1938 von Mannheim aus nach Frankreich und wurde 1943 nach Auschwitz deportie

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