Kehl

Historisch: Tramzüge und Busse zwischen Straßburg und Kehl

Autor: 
Alexander Gehringer
Lesezeit 6 Minuten
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05. Dezember 2018
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(Bild 1/2) ©Stadt Kehl

»Bahn frei bis zum Rathaus« heißt es seit dem 23. November: Die Straßburger Tram hat nun auch das Zentrum Kehls erreicht. Aus diesem Anlass erinnert die Kehler Zeitung in einer Serie an die Meilensteine des öffentlichen Nahverkehrs in der Grenzstadt. Heute: die Tram- und Busverbindungen zwischen Straßburg und Kehl.

Die Endziffer 8 hat es in sich, wenn es um die Geschichte des Nahverkehrs Kehl–Straßburg geht: 1898, 1918, 1958 und 2018 – vier Schlüssel-Jahreszahlen für den Straßen-ÖPNV zwischen beiden Städten.
In einer Zeit, da Straßburg eine deutsche Stadt war, startete die dortige Tram ins erste Leben – oder: »der Tram«, wie es die Grammatik damals noch vorsah.

Bereits 1878 stand in der Elsass-Metropole die erste Straßenbahn auf den Schienen – noch von Pferden gezogen. Und schon damals waren auch Gleise nach Kehl längst beschlossene Sache. Zudem baute die Straßburger Straßenbahngesellschaft ab 1892 rechts des Rheins das umfangreiche Kleinbahn-Netz auf, dessen Züge als
»Enteköpfer« in die Geschichte eingehen sollten. Doch blieb die Frage, wie die linksrheinische Tram an dieses angeschlossen werden sollte; die seit 1816 bestehende Schiffbrücke nach Kehl erwies sich als dafür ungeeignet.

Erst die feste Straßenbrücke bereitete der Tram den Weg nach Osten. Am 1. Januar 1898 dampfte deren erster Wagen aus dem großen Straßburg ins kleine Kehl; nach Fahrt durch die obere Hauptstraße war hier Endstation beim Gasthaus »Wilder Mann« im Bereich der heutigen Hauptpost – wo die Passagiere auf den »Enteköpfer« umsteigen konnten. Die Straßburger Pferdebahn hatte zu dieser Zeit bereits ausgedient, und auch die Elektrifizierung der Linie über den Rhein folgte noch 1898. Eigentlich sollten auch die Überlandstrecken rund um Kehl ihre Oberleitungen bekommen, doch dazu kam es nicht mehr.

Verbindung hält nur 20 Jahre

Denn nach nur gut 20 Jahren kam für die erste Kehl-Straßburger Tram bereits das Aus: Mit dem Ersten Weltkrieg fiel das Elsass wieder an Frankreich, die »Compagnie des Tramways Strasbourgeoise« beendete im November 1918 zunächst den Verkehr nach Kehl; vier Jahre später zog sich die CTS auch vom Kleinbahn-Netz im Hanauerland und Ried zurück, das daraufhin an die Mittelbadische Eisenbahn-Gesellschaft (MEG) in Lahr überging. (An den »Enteköpfer« werden wir in der nächsten Folge ausführlich erinnern.)

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Zwischen den beiden Städten am Rhein sollte damit eine lange Durststrecke beginnen: Abgesehen von der Zeit in und nach dem Zweiten Weltkrieg, als Straßburg zunächst deutsch und Kehl später französisch besetzt war, fuhr bis Ende der 50er kein Nahverkehrsmittel über die Brücke. Erst 1955 beantragte Kehl wieder einen Linienbus nach Straßburg; die deutsche Grenzstadt wollte ihren Bürgern wieder ermöglichen, die Konzerte und Theateraufführungen jenseits des Rheins zu genießen. Abgeordnete des Europarats unterstützten das Ziel, Widerstand kam dagegen aus der Straßburger Geschäftswelt.

Trotzdem war drei Jahre später der Meilenstein geschafft, zwei bisherige Erbfeinde gaben sich verkehrstechnisch wieder die Hand: Am 11. Januar 1958 fuhr der erste Nachkriegs-Linienbus über die Grenze – zunächst im Probelauf nur zwischen dem Straßburger Ufer und dem Kehler Rathaus; wer ins Zentrum der Europastadt wollte, musste umsteigen. Dennoch nutzten die Kehler und Straßburger den neuen Pendelbus so eifrig, dass er ab dem 1. April 1959 zur Dauereinrichtung wurde und nun als Linie 21 bis zum Kleberplatz verkehrte. »Die Kehler wie die Straßburger wünschen sich nichts sehnlicher, als dass die ›21‹ ihre beiden Städte für alle Zeiten freundschaftlich miteinander verbinden möchte«, schrieb die Kehler Zeitung im Jahr 1961. Bei den Fahrern hieß der »21er« bald »Bananenbus« – nach einem der Lebensmittel, die die Elsässer in Kehl billiger bekamen.

Bunte »Bananenbusse«

Knapp sechs Jahrzehnte lang gehörten die französischen Busse – anfangs blau, später rot-weiß, dann grün-silbern und zuletzt ganz in Weiß – zum Kehler Stadtbild; zunächst in der Hauptstraße, nach dem Bau der Fußgängerzone wichen sie in die Rhein- und Schulstraße aus. Endpunkt war bis Ende der 60er-Jahre das Rathaus; eine kurzzeitige Verlängerung der Linie ins »Dorf« bis zur Allmendzeilstraße stieß auf zu wenig Resonanz. Nach der Neugestaltung des Rathaus-Vorplatzes um 1970, der auch die Kleinbahn-Schienen zum Opfer fielen, wendete der Straßburger Linienbus dann an der Stadthalle – passenderweise an jenem Platz, der den Namen der französischen Partnerstadt Montmorency erhielt.

Die Stadtbahn-Gleise waren unterdessen auch beim großen Nachbarn längst verschwunden; 1960 hatte das Auto die Tram aus Straßburg verdrängt. Bis zur Renaissance der Straßenbahn sollten allerdings nur gut 30 Jahre vergehen: Schon 1994 kehrte sie ins Herz der Elsass-Metropole zurück, und nur kurz danach trug man sich dort auch bereits mit dem Gedanken, eine neue Linie nach Kehl zu schaffen – eventuell bereits zur gemeinsamen Landesgartenschau 2004. Eine Machbarkeitsstudie gab im Jahr 2000 grünes Licht für die Strecke über den Rhein, doch der Wechsel im Straßburger Rathaus hin zu einer konservativen Stadtspitze stellte die Signale zunächst auf Rot.
Erst nachdem Sozialisten und Grüne die Stabführung übernommen hatten, kam ab 2008 wieder Bewegung ins grenzüberschreitende Tram-Projekt. 2009 unterzeichneten der damalige Kehler Oberbürgermeister Günther Petry und der Straßburger Stadtgemeinschafts-Präsident Jacques Bigot die Planungsvereinbarung. In der Weihnachtszeit 2013 wurden dann endgültig die Weichen gestellt: Die Gemeinderäte von Straßburg und Kehl beschlossen am 16. und 18. Dezember jenes Jahres den Weiterbau der Tramlinie D von der Haltestelle Aristide Briand bis zum Kehler Rathaus. Diese Streckenlänge war Bedingung, damit sich die Fördertöpfe des Bundes öffneten; eine Tram nur bis zum Bahnhof hätte dafür nicht gereicht.
Im Februar 2014 fiel der Startschuss für die Streckenbauarbeiten auf Straßburger, im folgenden Frühsommer auf Kehler Seite. Ab Juni 2014 wuchs auch die neue Tram-Brücke heran, die die Bürger Kehls und Straßburgs nach zwei Jahren Bauzeit dann Ende September 2016 beim Brückenfest begutachten konnten.
Nun dauerte es nur noch sieben Monate bis zum großen Moment: Am 28. April 2017, einem Freitag, weihten Kehl und Straßburg ihren neuen Schienenweg ein – mit Kanzleramtsminister Peter Altmaier und Landesverkehrsminister Winfried Hermann. »Es gibt keinen anderen Ort auf der Welt, wo zwei Länder, die so lange Feinde waren, eines Tages beschlossen haben, eine wirkliche Freundschaft zu schließen«, schwärmte der Kanzleramtschef. Kehls OB Toni Vetrano wertete die Tram als »ein ganz starkes Symbol für das Zusammenwachsen beider Städte«.
Tram-Fest bricht Rekorde
Am darauffolgenden Wochenende fuhren dann die ersten regulären Tram-Bahnen der »Neuzeit« zwischen den Straßburger Poteries und dem Kehler Bahnhof, begleitet von einer großen Einweihungsfeier bei Kaiserwetter. 110 000 Menschen überquerten binnen zweier Tage mit der neuen Linie den Rhein, noch nie hatte ein Fest in Kehl so viele Besucher angelockt.
Am kommenden Wochenende, 8. und 9. Dezember, feiert die Grenzstadt nun erneut: Mit der Eröffnung des – seit Juni 2017 entstandenen – zweiten Streckenteils via Läger zum Rathaus ist das Kehler Tram-Projekt vollendet. 
Zugleich geht das neue Nahverkehrskonzept mit Stadtbus-System in Betrieb; 

Hintergrund

Kritk an der Tram Straßburg-Kehl

Neben den vielen freudigen Kommentaren zur Tram werden in Kehl auch nicht wenige kritische Stimmen laut – zu verschiedenen Punkten:

• Kosten: Es wird befürchtet, dass wegen der Bau- und Betriebskosten wichtige andere Vorhaben in Kehl zu kurz kommen, die dringlicher seien – etwa ein neues Hallenbad. Mancher Kehler ist deshalb der Ansicht, dass es besser gewesen wäre, die Tram nur bis zum Bahnhof zu führen.
• Rendezvous-Punkt: Dass sich Busse und Tram künftig am Rathaus treffen, stößt vielen Bürgern sauer auf. Sie bemängeln die dadurch nötige geänderte Verkehrsführung mit Einbahnstraßen und einer Belastung bisheriger Nebenstraßen, wie Oberländer-, Goldscheuerstraße und Pfarrgasse. Die enge Gleiskurve beim Rathaus bewirke zudem ein lautes Fahrgeräusch der Tram. Alternativen für den Knotenpunkt wären der Bahnhof und der Stadthallen-Vorplatz gewesen.
• Steine des Anstoßes: Das Design der Rathaus-Haltestelle mit den steinernen Säulen und Überdachungen, die an Rheinkiesel erinnern sollen, ist nicht jedermanns Geschmack. Schon bald nachdem die Gestaltungspläne publik wurden, machte die Spottbezeichnung »Hinkelsteine« die Runde.
• Gefällte Bäume: Der Tram-Linie und der dazu verlegten B-28-Spur mussten insgesamt über 100 Bäume weichen; einige wurden umgepflanzt, viele aber gefällt. Missfallen hat dies unter anderem dem Arbeitskreis Stadtentwicklung, der betroffene Bäume mit einem Trauerflor versah, und dem ehemaligen »Bierkeller«-Wirt Gebhard Probst, der sich aus Protest an einen abzusägenden Baum binden ließ.
• Umsatzverluste: Einige Geschäftsleute sehen auch hier die Tram als Ursache, und das nicht nur während der Bauzeit. So die Inhaber des Spielwarengeschäfts Engelhard + Herr, das im Frühsommer 2018 schloss: »Die wirtschaftliche Situation in Kehl ist indiskutabel, das Warenangebot verringert sich, viele Betuchte werden hier nicht mehr fündig und wandern in andere Städte ab«, urteilte Inhaber Wilfried Baumunk. Die Tram habe sein Geschäft kaputtgemacht.    

Info

Tram: Daten und Fakten

• Heutiger Tram-Fahrzeugtyp Straßburg–Kehl: Alstom Citadis 403, 
Wagenlänge 45 Meter, Kapazität 288 Personen, Höchstgeschwindigkeit 60 km/h.
• Länge der Neubaustrecke Aristide Briand–Rathaus Kehl: 3,9 Kilometer.
• Kosten: Gesamtstrecke Aristide Briand–Rathaus Kehl 107 Millionen Euro, davon deutsche Strecke 44,8 Millionen Euro; nach Abzug von Bundes-, Landes- und Interreg-Fördermitteln muss Kehl noch Millionen zahlen. Die jährlichen Unterhaltskosten schätzt die Stadt auf Euro.  

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