Internationaler Tag der Muttersprache

In der Sprache bleibt die Grenze erhalten

Autor: 
Nina Saam
Lesezeit 4 Minuten
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20. Februar 2015

»Auswirkungen der Staatsgrenze auf die Sprachsituation im Oberrheingebiet«, heißt der nüchterne Titel des Projekts, dem sich die wissenschaftlichen Angestellten der Universität Freiburg, Julia Breuninger (27) und Martin Pfeiffer (30), verschrieben haben. ©Archivfoto

Untersuchungen von Sprachwissenschaftlern der Uni Freiburg zeigen, dass sich trotz oder vielleicht gerade wegen der durchlässigen Staatsgrenze die alemannischen Dialekte auf beiden Rheinseiten auseinanderbewegen.

„Der Dialekt wird nicht aussterben“, lautet ein erstes, knappes Resümee der Sprachwissenschaftlerin Julia Breuninger, die über das Thema »Auswirkungen der Staatsgrenze auf die Sprachsituation im Oberrheingebiet« promoviert. Zweiter Befund: Allem politisch gewollten Zusammengehen zum Trotz – Stichwort Trinationale Metropolregion - dient der Dialekt vielen offenbar als Abgrenzungsmerkmal. 132 Interviews haben die Freiburger Linguistin und ihr Kollege Martin Pfeiffer in den letzten zwei Jahren für ihre Untersuchungen zur alemannischen Mundart entlang der Rheinschiene geführt.

Auf Kehler Gemarkung wurden in Auenheim und Kork jeweils sechs Mundartkundige befragt. Dabei war es nicht immer einfach, eine natürliche Gesprächssituation zu erzielen, bei der die Teilnehmer frei „vun de Läwer weg“ redeten, berichtet Julia Breuninger. Manche zeigten eine gewisse Ehrfurcht vor den Wissenschaftlern, machten sich fein, servierten Kaffee und Kuchen. „Wir mussten auch den einen oder anderen Schnaps trinken“, lacht die Südbadenerin. „Aber Dialekt hat ja auch was mit Gemütlichkeit zu tun.“ Und mit Vertrautheit. Nicht verwunderlich also, dass der Dialekt innerhalb der Familie und in den Vereinen am breitesten gesprochen wird, während sich in Schule und Beruf der Einfluss des Standarddeutschen mehr und mehr bemerkbar macht. Auch die zunehmende Mobilität spielt eine Rolle: Wer außerhalb des Dorfes arbeitet, wird eher mit anderen Sprachformen konfrontiert als beispielsweise Landwirte oder ältere Frauen, die häufig innerhalb der Ortsgrenzen bleiben und daher die eifrigsten Dialektsprecher sind.

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Da in beiden Ortschaften die Mundart bereits vor 100 und vor etwa 50 Jahren unter die Lupe genommen wurde, erlauben die Untersuchungen Rückschlüsse auf Veränderungen. Typisch für Auenheim sind beispielsweise das rollende R und die sogenannte g-j-Verschiebung: So raijt es in Auene, während es anderswo regnet. Auch die Langvokale (Muus statt Maus, striiche statt streichen) sind nach wie vor gängig. Allerdings ist das Verbreitungsgebiet kleiner geworden und hat sich zur Grenze hin verschoben.

Doch nicht nur rein linguistische Aspekte waren von Interesse. So wurden die Gesprächspartner auch zu ihrer Einstellung zu den jeweiligen Nachbarn und deren Mundart befragt. Der Blick auf die Details fördert Erstaunliches und auch Bedenkliches zutage. Wer glaubt, dass die offene Staatsgrenze und die stärkeren politischen und wirtschaftlichen Verflechtung zu einer Vermischung oder Aufweichung der Dialekte führt, sieht sich getäuscht. „In vielen Regionen, vor allem am südlichen Oberrhein, ist eine sprachliche Abgrenzung zu beobachten“, sagt Julia Breuninger. „Das Elsässische wird dort nicht als alemannischer, sondern als französischer Dialekt gesehen.“ In Kehl sei durch die wechselvolle gemeinsame Geschichte eine größere dialektale Verbundenheit zu spüren.

Viele mundartliche Ausdrücke seien hier auf beiden Rheinseiten ähnlich. Was die Verbundenheit mit den elsässischen Nachbarn angeht, zeigt sich aber ein anderes Bild: „Es waren eher die Älteren, die die gemeinsamen Wurzeln betonten“, so Julia Breuninger. Bei den Jüngeren habe sie öfter Vorurteile und Klischees über „die Franzosen“ gefunden: „Die“ kommen hier nur her zum Einkaufen, „die“ fahren bescheuert Auto, „die“ bringen Kriminalität über die Grenze. Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Aspekt, der im ganzen Untersuchungsgebiet nur in Kehl zu finden war: „Die Jüngeren haben teilweise dialektaler gesprochen als unsere älteren Gesprächspartner“, berichtet Julia Breuninger, was ihr auch einige Dorfbewohner bestätigt hätten. Ob die verstärkte Ausprägung des Dialekts mit den Ressentiments gegenüber den linksrheinischen Nachbarn zu tun habe, könne man nicht belegen, so die Wissenschaftlerin. Allerdings: „Einige der krassesten Anmerkungen habe ich in Kehl gehört“, gibt sie zu bedenken.

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