Teil 12 der Kehler Rekord-Serie

Jochen Lutz und Udo Näger holen Rollenfahren-Bestmarke

Autor: 
Hans-Jürgen Walter
Lesezeit 5 Minuten
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22. September 2020

(Bild 1/3) Geschafft! Udo Näger und Jochen Lutz (rechts) reißen die Arme hoch. Sie sind die neuen Weltrekordhalter im 24-Stunden-Nonstop-Rollenfahren. Mit 1416,53 Kilometern haben sie die bis dahin bestehende Bestmarke um fast zwei Kilometer übertroffen. ©Rolf Hoffmann

Beim Stadtfest zum 125-Jährigen der Kehler Zeitung setzen Jochen Lutz und Udo Näger mit 1416,53 Kilometern neue Bestmarke im 24-Stunden-Nonstop-Rollenfahren.

Fast genau zwei Kilometer mehr als die bisherige Bestmarke: Jochen Lutz und Udo Näger haben es geschafft an diesem Samstag, 8. Oktober, 20 Uhr. Sie sind die neuen Weltrekordhalter im 24-Stunden-Nonstop-Rollenfahren auf dem Fahrrad. Ein grandioses Geschenk zum Geburtstag der Kehler Zeitung, die an jenem zweiten Oktober-Wochenende 1988 ihr 125-jähriges Bestehen mit einem Stadtfest feiert, bei dem das Velo im Mittelpunkt steht.

Günter Schäfer und Dirk Regenscheid aus Friesenheim sind faire Sportsmänner. Sie gratulieren ihren Nachfolgern zu dem nach einer außergewöhnlichen Leistung erzielten Erfolg. Zwei Jahre zuvor sind sie im Rampenlicht gewesen. Sie hatten den Weltrekord im 24-Stunden-Radfahren aufgestellt. „Das Ding will ich haben“, ist seinerzeit die Reaktion des jungen Zierolshofener Radsportlers Jochen Lutz. Die Marke von 1414,553 Kilometer gilt es zu knacken!

In dem Offenburger Udo Näger findet Jochen Lutz seinen Verbündeten. Die beiden damals 19-Jährigen trainieren zusammen beim Radsportverein Windschläg. Klatschnass vom Schweiß, erschöpft, aber glücklich und stolz präsentieren sich die beiden jungen Sportler jetzt an diesem Samstagabend im proppenvollen Festzelt auf dem

Marktplatz ihren völlig aus dem Häuschen geratenen Fans. Geschafft! 
Die ersten stürmischen Glückwünsche kommen von Familienangehörigen und Freunden. Die offiziellen kommen sofort danach von Helmut Walther, dem Organisator der Rekordveranstaltung, und vom damaligen Marketingleiter unserer Zeitung, Karl Hansmann.

Alle sind happy! Dabei hat das Ganze alles andere als glücklich begonnen. Drei Monate vor dem Weltrekord-Termin muss Jochen Lutz noch am Knie operiert werden. Doch Kampfgeist und Ehrgeiz haben ihn gepackt. Sobald es wieder möglich ist, wird freitags und samstags auf der Rolle trainiert. Dann ist er da, der große Augenblick: Freitag, 7. Oktober 1988. Um 18 Uhr soll‘s los- gehen. Just in dem Augenblick geht über dem Marktplatz ein Unwetter nieder. Der Strom ist weg. Es ist saukalt geworden. Gift für das lädierte Knie von Jochen Lutz. Der ist zu jener Zeit bei der Bundeswehr. Über diese Schiene kann er Dampfstrahler organisieren, die Wärme ins Zelt bringen.

Endlich ist es so weit. Um 20 Uhr fällt der Startschuss. Die Jagd nach dem Weltrekord beginnt. Das Stadtfest der Kehler Zeitung nimmt seinen fesselnden Auftakt. Zwar bewegen sich die beiden Sportler im Sattel ihrer Rennräder auf der Stelle, doch die Rollen des Simulators bringen sie Kilometer um Kilometer der „Schallgrenze“ näher.

Werden sie die ersten Stunden noch angefeuert, haben sich die Rekord-Aspiranten besonders in der Nacht zu quälen. Als es ruhig geworden ist auf dem Marktplatz – so zwischen 2 Uhr und dem frühen Morgen. In den Pausen gilt es, den toten Punkt zu überwinden, denn zum Ausruhen bleibt kaum Zeit: Die nassen Klamotten müssen runter wegen der Erkältungsgefahr, der Kohlehydrat-Haushalt muss ausgeglichen, der Flüssigkeitsverlust ergänzt werden. Brigida Lutz, die Mama von Jochen, kocht Spaghetti – einen Topf nach dem andern. Die ärztliche Kontrolle ist ebenso notwendig wie das Lockern der Muskeln.

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Kein abrupter Wechsel

Jochen und Udo wechseln sich ab. Zuerst Stunde für Stunde. Jeder fährt dabei jeweils auf „seinem“ Rad. Denn wegen der Pulsfrequenz kann die Tempofahrt beim Wechsel nicht abrupt abgebremst werden. Der Fahrer lässt es langsam ausrollen. Ähnliches gilt für die Ablösung: Der neu beginnende Akteur steigt schon vor seinem Einsatz in den Sattel, um auf Touren zu sein, wenn es für ihn gilt, Kilometer zu machen.

59,022 Kilometer pro Stunde werden die Rekord-Fahrer am Ende im Durchschnitt der 24 Stunden heruntergeradelt haben – penibel beobachtet und kontrolliert nicht nur vom vierköpfigen Wettkampf-Ausschuss, sondern auch von der leistungsfähigen, unbestechlichen Datenverarbeitungsanlage. Eine Bildschirm-Wand im Festzelt zeigt stoisch die bereits heruntergedroschenen Kilometer an und ebenso, wie viele Kilometer fehlen und wie viel Zeit noch bleibt, um den Rekord zu schaffen. Gefüttert mit diesen Informationen können die Zuschauer zunächst mit kühler Zurückhaltung, später mit Interesse und schließlich mit fast unerträglicher Spannung dem Ergebnis entgegenfiebern.

Denn spannend machen es die beiden Radrenn-Talente. Udo radelt in der A-Klasse, der höchsten Amateurstufe. Jochen steht kurz vor der Berufung in die Nationalmannschaft. Zwölf Kilometer werden am Ende fehlen, wenn die beiden Radsportler im bisherigen Tempo weiterfahren. Das hat der Computer am Samstagmorgen ermittelt. Das ist auch der Zeitpunkt, an dem die beiden ganz nahe dran sind, aufzugeben. Wie gut, dass sie aber die Zähne zusammenbeißen und auf die hören, die sie aufmuntern, sie anspornen weiterzumachen.

Trotzdem fehlen am frühen Nachmittag – von den 24 Stunden sind 18 schon vergangen – immer noch sieben Kilometer zum Soll. Der Wechsel-Intervall wird auf 45 Minuten verkürzt. 45 Minuten, in denen pro Minute durchschnittlich ein Kilometer zurückgelegt werden muss, wenn der bestehende Weltrekord fallen soll – fast 20 Meter pro Sekunde. In der Endphase werden die Fahr-Zeiten – und damit auch die Ruhepausen – noch einmal verkürzt: auf 30 Minuten. 

Die letzten Reserven

Getragen von einer Welle der Begeisterung, angefeuert von Hunderten von Fans können die beiden Sportler ihre letzte Kraft, ihre letzten Reserven mobilisieren: 56,3 Stundenkilometer im Schnitt fahren sie in der 14. Stunde am Samstag zwischen 9 und 10 Uhr, in der 18. Stunde zwischen 13 und 14 Uhr sind sie schon ganz nahe an einem 60er-Schnitt. Und in der 21, 22. und 23. Stunde liegen sie ständig über einem Durchschnitt von 60 Kilometern. Selbst die Pessimisten schöpfen jetzt wieder Hoffnung. Das Zelt wird zum Hexenkessel.Dann ein einziger Schrei aus Hunderten von Kehlen. 19 Uhr 58: Der Kilometerzähler hat die magische Marke von 1414,55 Kilometern überschritten. Die Optimisten haben recht behalten. 1416 Kilometer, 53 Meter und 30 Zentimeter haben Jochen und Udo schließlich innerhalb von 24 Stunden zurückgelegt. Neuer Rekord!

Nächste und letzte Folge am DONNERSTAG: Milliarden vom Kehler Zoll für den Bund.

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