"systemrelevant"

Katalog der Kehler Künstlerin Ilse Teipelke veröffentlicht

Autor: 
Redaktion Kehl
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30. Oktober 2020

(Bild 1/2) Der Katalog „systemrelevant“ von Ilse Teipelke. ©Katalog

Der Katalog der Kehler Künstlerin Ilse Teipelke mit Biografie und Überblick der Arbeiten von 1962 bis 2020 ist ab sofort im Buchhandel erhältlich.

Er ist ein wahrhaft „starkes Stück“, der Katalog von Ilse Teipelke. Das 290 Seiten dicke Werk gibt einen Überblick über das Schaffen der in Bodersweier lebenden Künstlerin in fast sechs Jahrzehnten. Die Publikation ist ab sofort erhältlich.

„Systemrelevant“: Den Titel für ihren in dieser Pandemiezeit erscheinenden Katalog hat Ilse Teipelke sicher mit Bedacht gewählt. Er verrät das kämpferische Naturell der Künstlerin, die sich von klein an zu wehren weiß und mannhaft ihre Ziele verfolgt – und erreicht. Die 1946 in Preetz südöstlich von Kiel in einer „behelfsmäßig eingerichteten Entbindungsstation“ geborene Ilse kommt als viereinhalbjähriges Mädchen mit ihrer aus Tschechien geflüchteten Familie nach Offenburg.

Will nie mehr Ilse heißen

Dort sprechen die Leute eine andere Sprache als die Teipelkes und die Kinder lachen Ilse aus und äffen sie nach. Und mehr noch: Auf dem Nachhauseweg von der Schule rufen sie ihr den Spottreim hinterher: Ilse, Bilse, niemand willse… sodass Ilse nicht mehr Ilse heißen will, nie mehr. Doch „später schlug ich zurück“, schildert Teipelke in der von ihr auf rund 30 Seiten in packender Prosa geschriebenen Biografie. „Ich war zwar klein, aber meine Kampffähigkeit war anerkannt…“

Diese Kampffähigkeit hat sich Ilse Teipelke bis heute erhalten. Und so kämpft sie wo in der Corona-Krise allen möglichen – systemrelevanten – Branchen und Berufen Unterstützung gewährt wird für die eher vergessenen Kunstschaffenden. Ihr Kämpferherz tritt immer wieder zutage: Etwa als es gilt, zu ihrer schwarzen Schulfreundin zu halten, wenn sie sich als Künstlerin für Frauen engagiert, die mehr sind als „nur Kurven, kein Kopf, Strapse und schwellende eingeschnürte Formen“. 

Ebenso, wenn sich dieses Engagement zu einem ungeplanten anrührenden Ritual entwickelt wie bei ihrer Ausstellung 1978 in der Galerie Pro in Stuttgart, wenn sie sich gegen Krieg und für Migranten einsetzt, wenn sie ihre Gedanken zum Verhältnis Mensch-Natur sichtbar werden lässt, am Beispiel des „tanzenden Bären“ das Tierwohl zum Thema macht – und wenn sie sich mit künstlerischen Ausdrucksformen um die Zukunft von Kindern und Jugendlichen gemeinsam mit diesen kümmert.
Den Titel des Katalogs ziert ein „verschnörkeltes“ Weihwasserkesselchen, das die kritische Einstellung der Künstlerin gegenüber der Amtskirche erahnen lässt.

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Mit Herzblut

Die beiden Umschlagseiten sind ausklappbar und dokumentieren Projekte, die Ilse Teipelke mit Herzblut mit Kindergärten und Schulen realisiert hat. Der Katalog ist eine Lektüre mit kurzweiligem Lesestoff und gleichzeitig Sachbuch und Dokumentation vereint in einem Druckwerk, gestaltet von der Künstlerin zusammen mit Ursula Böhm, sowie Texten neben dem von Ilse Teipelke selbst von Gerlinde Brandenburger-Eisele, Valerie Gerards, Barbara Heuss-Czisch, Anne Junk, Marianne Pitzen, Erika Sieberts, Verena Stefan, Rainer Braxmaier und Wolfgang M. Gall. 

Zahlreiche Fotos und Abbildungen belegen Entwicklung, Ideenreichtum und Schaffenskraft der Künstlerin: Wasserfarbbilder als 13-Jährige oder Filzstiftzeichnungen als 17-Jährige sowie Skulpturen und Portraits in ihrer Akademiezeit 1968 bis 71, was ihr 1975/76 ein Stipendium des Deutschen akademischen Austauschdienstes (DAAD) für das San Francisco Art Institute in Kalifornien einbrachte.

Dann überschneiden sich ihre künstlerischen Phasen der abstrakten Arbeiten ab 1978 aus Gras, Stoff, Wachs, Maisblättern, Holz oder Eisen mit Performances etwa zusammen mit ihrer Freundin, der Tänzerin Gabriele Gooß, sowie Klanginstallationen, mit Rauminstallationen wie in der ehemaligen Synagoge in Kippenheim (2006) und Objekten wie „Im Fluß der Zeit“ 1997 in Offenburg zur Erinnerung an die Wäscherinnen der Revolutionszeit, Keramik, wo sie 2002 in der Kategorie „Plastik“ den Preis der Stadt Offenburg erhält.

Homage an „Liebe“

2011 stellt sie im Duett mit Isolde Wawrin in der Majolika Manufaktur Karlsruhe aus, bis hin zum „Hotel Sehnsucht“ 2013. Ihre Plexiglas-Kollektion 2020 sieht Ilse Teipelke als Homage an ihre „Liebe“ Italien. In diesem September wollte Ilse Teipelke ihre Freundin Verena Stefan, die „große, feministische Schriftstellerin“, in Kanada an ihrem Grab besuchen und ihr „eine Rose bringen“. Aus Pandemiegründen musste die bereits gebuchte Reise abgesagt werden. Ebenso wie die geplante öffentliche Präsentation des Katalogs. Auch das ist 2020 „systemrelevant“.
 

  • Info: Ilse Teipelke, Katalog „systemrelevant“, erhältlich zu 25 Euro bei den Buchhandlungen Baumgärtner in Kehl und Akzente in Offenburg.

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