Vier Flüchtlinge haben es geschafft, in Deutschland anzukommen

Kehler Musterschüler mit großen Plänen

Autor: 
Redaktion
Lesezeit 7 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
27. September 2020

(Bild 1/3) Waad (links) möchte Apothekerin werden, seit sie zehn Jahre alt ist, und Pharmazie studieren, während Amina (17) sich vorgenommen hat, Ärztin zu werden. ©Stadt Kehl

Amina, Waad, Mustafa und Hanano sind vor fünf Jahren nach Deutschland gekommen. Mittlerweile sprechen alle vier sehr gut Deutsch und sind Musterschüler mit großen Plänen.

Lieblingsfächer? „Fast alles.“ Stundenlanges Lernen jeden Tag? „Kein Problem – Lernen ist mein Hobby.“ Was Amina, Mustafa, Waad und Hanano über ihren Schul­alltag in Kehl erzählen, ist wohl der Traum eines jeden Lehrers: Sie gehen gerne zur Schule, sind hochmotiviert und haben klare Ziele. Für drei der Jugendlichen endete die Flucht vor dem Krieg 2015 in Deutschland; Waad kam 2016 mit ihrer Familie aus Aleppo an. Unterstützung erfahren die Jugendlichen und ihre Familien vom städtischen Integrationsmanagement-Team.

Gute Zeugnisse

Mustafa hat sein Zeugnis mitgebracht: Mathe: sehr gut, Geschichte: sehr gut, Biologie: sehr gut, Physik: gut, Englisch: gut – schlechtere Noten gibt es nicht. Am Ende der achten Klasse in der Hebelschule hat er einen Preis bekommen. „Und eine Urkunde“, sagt er stolz. Drei Urkunden hat er schon zu Hause. Seine Schullaufbahn in Kehl hat er in einer sogenannten Vorbereitungsklasse an der Guggenmos-Schule begonnen, wo er vor allem Deutschunterricht hatte.
 
„Am Anfang“, sagt der heute 16-Jährige aus Afghanistan, „war es sehr schwer“ – und meint vor allem das Erlernen der deutschen Sprache. „Mathe ist in Deutschland sehr leicht“, ergänzt er. Mindestens zwei Stunden pro Tag lernt er, denn nach dem Werkrealschul-Abschluss soll noch lange nicht Schluss sein: „Ich möchte Abitur machen“, erklärt Mustafa, danach will er studieren.
 
Sein Berufswunsch kommt nicht von ungefähr: In der siebten und achten Klasse hat er ein ein- und ein zweiwöchiges Praktikum absolviert. „Praktika gibt es in Afghanistan nicht“, sagt Mustafa. Für ihn waren sie enorm wichtig: Bauzeichner, hat er für sich entschieden, ist nicht ganz das, was er sucht; Automechatroniker dagegen kann er sich gut vorstellen: „Das hat mir sehr gut gefallen, das ist abwechslungsreich.“

Mustafa wächst mit fünf Geschwistern auf; drei sind älter, zwei jünger als er. „Alle sind gut in der Schule“, erzählt er, die Eltern achteten sehr auf die Noten. „Meine Eltern sind stolz auf mich – und meine Lehrer auch“, freut er sich. 
Dass er heute so gute Schulleistungen erbringen kann, führt er auch auf den ergänzenden Deutschunterricht und die Hausaufgabenhilfe zurück, die er in der Villa Riwa bekommen hat. In seiner Freizeit spielt Mustafa Fußball in der Sportgemeinschaft Sundheim. „Das will ich auf jeden Fall weitermachen“, sagt er, „hier habe ich auch viele deutsche Freunde“.

Amina hat in der Corona-Zeit ihren Hauptschulabschluss an der Tulla-Realschule gemacht – „mit 2,4“ – und ist jetzt auf die Hebelschule gewechselt, um den Werkrealschul-Abschluss draufsatteln zu können. Der Durchschnitt soll dann noch besser sein, hat sie sich vorgenommen, denn die Fernziele heißen: Abitur, Medizinstudium, Ärztin. Die 17-Jährige aus Afghanistan mag alle Schulfächer gerne, am liebsten hat sie jedoch nach eigenem Bekunden Bio, Physik und Sport. 

Im Oktober 2015 kam sie mit ihrer Familie nach Deutschland; seit 2017 lebt sie in Kehl. „In der sechsten Klasse war es schwer“, erinnert sie sich, „dort waren nicht so nette Menschen.“ Ab der Siebten ging es besser, und „die Achte und die Neunte waren sehr gut“, konstatiert sie. Fußball spielen und Turnen zählt sie als Hobbys auf, allerdings hat sie wegen der Prüfungen damit aufgehört. 

Wenn sie um 15.30 Uhr aus der Schule nach Hause kommt, hat sie sich selber ein vierstündiges Lernprogramm auferlegt. Am Anfang habe sie nicht gewusst, wie sie schaffen sollte, Deutsch zu lernen, blickt Amina zurück, „doch meine Eltern und meine Lehrer haben mich sehr unterstützt“. Sie ist die älteste von fünf Geschwistern und muss dennoch oft nicht im Haushalt helfen: Sie solle lieber lernen, sagen ihre Eltern. 

Flucht mit der Oma

- Anzeige -

„Es war schwer, Freunde zu finden. Es hat lange gedauert.“ Hananos Blick ist ernst, als er von der ersten Zeit in Deutschland berichtet. „Ich hatte Angst, es war alles so neu hier“, sagt der inzwischen 17-Jährige Syrer, der mit seiner Oma geflohen ist. „Ohne Eltern.“ Mittlerweile ist sein Vater auch in Kehl. Aber Hanano hat es geschafft: Am 1. September hat er eine Ausbildung bei der Firma Sahri in Sundheim begonnen. 

Kennengelernt hat er das Unternehmen und den Chef im Rahmen seines Berufspraktikums. „Das hat mir sehr gut gefallen.“ Und als er an den Beruflichen Schulen seinen Hauptschulabschluss gemacht hat, „hat mich der Chef gleich eingestellt“. Den Abschluss zu Corona-Bedingungen zu machen, „war natürlich schwer“, stellt Hanano trocken fest: „Aber ich hab’s zum Glück geschafft.“ Für Hobbys hat der 17-Jährige keine Zeit, sagt er. Er will vor allem lernen und nach der Ausbildung vielleicht noch Abitur machen und Ingenieur werden.

„Ich lerne sehr gerne“

Auch Waad hat ein großes Ziel: „Pharmazie studieren“, sagt sie mit einer Bestimmtheit, die keinen Zweifel zulässt. „Ich lerne sehr gerne – vier bis sechs Stunden, jeden Tag“, berichtet sie. „Lernen ist mein Hobby. Ich mach‘ Abitur, auf jeden Fall.“ 2016 kam sie mit ihrer Familie über Zell a.H. zuerst nach Gengenbach in die Erstunterbringung. „Ich war so glücklich, dass wir dem Krieg in Aleppo entkommen waren.“ Sehr schnell kam sie in Kontakt mit einer Sprachpatin, zu der sie auch Kontakt hielt, nachdem sie 2017 nach Kehl zugewiesen wurden: „Edda Kohnert hat mir sehr geholfen; ich gehe immer noch hin“, sagt Waad mit einem dankbaren Lächeln auf den Lippen. 

Seit sie zehn Jahre alt sei, wisse sie, dass sie Apothekerin werden will, erzählt Waad. Noch in Gengenbach hat sie angefangen, samstags und in den Schulferien als Praktikantin in einer Apotheke zu hospitieren. Auch von Kehl aus ist sie regelmäßig hingefahren. „Wenn Corona vorbei ist, möchte ich unbedingt weitermachen.“ 

Ihren Werkrealschul-Abschluss hat Waad inzwischen in der Tasche – ebenso wie eine Zusage vom Abendgymnasium in Offenburg. So kann sie einen 450-Euro-Job und die Schule verbinden. Wenn nach Arbeit und Lernen noch Zeit bleibt, bäckt Waad gerne oder liest geschichtliche Romane auf Deutsch und auf Arabisch. Oder sie trifft sich mit ihren beiden deutschen Freundinnen – „die kenne ich seit der achten Klasse“.

„Guter Wohnraum erleichtert das Lernen“, wissen die Integrationsmanger und sind daher froh, dass die Stadt Kehl – unterstützt von der städtischen Wohnbaugesellschaft – immer auf ein dezentrales Unterbringungskonzept in Wohnungen gesetzt hat. Johanna Bung und Svenja Gerbendorf haben die vier Familien bei der Wohnungssuche unterstützt. Mustafas Familie sucht inzwischen nach einer größeren Wohnung, um den sechs Kindern mehr Raum zum ungestörten Lernen bieten zu können. 

Wenn die Sprachkenntnisse der Eltern noch nicht ausreichen, besuchen die Integrationsmanagerinnen auch Elterngespräche in den Schulen. „Bei Hanano durfte ich hören, dass er der Zweitbeste in der Klasse ist – auch im Verhalten“, berichtet Svenja Gerbendorf. Dies habe der Lehrer betont. Auch bei Mustafa steht bei Verhalten und Mitarbeit „Sehr gut“ im Zeugnis.

Wie bei allen Familien mit minderjährigen Kindern versucht das Integrationsmanagement-Team zu erreichen, dass die Jugendlichen, die fließend Deutsch sprechen, nicht die ganze Last der administrativen Angelegenheiten tragen und alle Behördengänge erledigen müssen und damit allzu früh in eine Erwachsenenrolle gedrängt werden. Im Falle von Hanano haben sich Svenja Gerbendorf und Fares Mousa zudem um den Antrag auf Familiennachzug gekümmert.  

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kehl

vor 10 Stunden
Zwei getrennte Orchestergruppen spielen wieder vereint
Musikverein Leutesheim präsentierte beim Open-Air-Auftritt am Samstag die gesamte Bandbreite seines Könnens. Auch der Nachwuchs bekam seine Chance mit einem Liebeslied.
vor 13 Stunden
Kleinkunst-Preisträger mit glücklichem Händchen
Der Kleinkunst-Preisträger Günter Fortmeier zeigte am Samstag bei seinem Gastspiel im Rahmen der „Kult-Tour“ im „Mühlen-Café“ Willstätt die ganze Palette seines Könnens.
vor 15 Stunden
Eggs Filmecke
Mit „Greenland“ kommt mitten in der Corona-Krise ein Katastrophen-Film auf die Kehler Kinoleinwand. Der setzt überraschenderweise weniger auf Action als auf Drama.
vor 16 Stunden
Drei Kinder und ein Taxi-Unternehmen hochgezogen
Dorothea und Wolfgang Bürkel aus Kehl feiern heute ein ganz besonderes Fest – Eiserne Hochzeit. Ein Jubeltag, der immer seltener wird, denn dafür muss man 65 Jahre verheiratet sein.
vor 19 Stunden
Julia Gutwein, Tanja Ruch und Frank Näger covern Perlen der Popmusik
Das Calamus setzte am Freitag seine Event-Reihe mit der Band „Jacouzzi“ fort. In schönem Ambiente genossen zahlreiche Gäste einen Abend mit feiner Kost und exzellenter Musik.
vor 23 Stunden
Willstätt
Theorie trifft auf Kommunalpraxis: Die Gemeinde Willstätt bot Studenten der Hochschule Kehl die Chance, die Praxis der Kommunalpolitik hautnah zu erleben.
26.10.2020
Kehl - Bodersweier
Der TV Bodersweier kommt bislang recht gut durch die Corona-Krise. Dies zeigte sich auf der Hauptversammlung. Im Vorstands-Team gab es nur geringfügige Veränderungen.
25.10.2020
Kehl
Die Gewinner des Vormonats der Treue-Punkte-Aktion der Stadtmarketing- und Wirtschaftsförderungs-GmbH bekamen jetzt ihre Preise von Wirtschaftsförderin Fiona Härtel überreicht. 
24.10.2020
Kehl
Kreatives Arbeiten in einem Wachstumsmarkt: Kehl Marketing bietet dualen Studienplatz für BWL-Tourismus. Bis zum 20. November nimmt die Stadt Bewerbungen für einen dualen Studienplatz an.
24.10.2020
Kehl
Der Schulgarten der Moscherosch-Schule Willstätt hat ein neues Tor erhalten. Angefertigt wurde es im Technik-Unterricht im Rahmen eines Schulprojekts.
24.10.2020
Kehl
Offener Brief des Vorsitzenden der Naturlandstiftung Baden, Marco Lasch, an die Kehler Bürger, Organisationen und Gemeinderäte zur geplanten Forsteinrichtung. 
24.10.2020
Kehl
Die Kehler Bürgerinitiative veranstaltet am 3. November ihre Hauptversammlung. Gesprochen wird unter anderem über das Thema „Schlacke-Zwischenlager Auenheim“.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • Bei Möbel Seifert in Achern werden fünf Jahre lang Serviceleistungen bei Polstermöbeln garantiert.
    21.10.2020
    Große Herbstaktion bei Möbel Seifert: 5 Jahre Service für neue Polstermöbel
    Möbel Seifert in Achern ist dafür bekannt, dass Angebot und Service ständig optimiert werden. Nach der Sortimentserweiterung um die HOME-Kollektionen werden aktuell bis zum 14. November Herbst-Aktionswochen geboten. Sie beinhalten Sparpreis-Angebote in allen Sortimenten sowie Serviceleistungen bei...
  • Das Team der Postbank Finanzberatung und der Postbank Immobilien Ortenaukreis.
    20.10.2020
    Das Postbank Immobilien Team Ortenaukreis bietet Kompetenz rund um die eigenen vier Wände
    Ein neuer Job in einer anderen Stadt oder unerwarteter Nachwuchs - Gründe, die eigene Immobilie zu verkaufen oder sich eine Neue zu suchen, gibt es viele. Um die Ausschau nach geeigneten Interessenten oder Angeboten schneller voranzutreiben, ist es ratsam, auf die Unterstützung von Profis zu zählen...
  • Petra Brosemer ist Immobilienfachwirtin und Inhaberin von Brosemer Immobilien in Zell am Harmersbach.
    16.10.2020
    Fair, transparent und ehrlich: Brosemer Immobilien vermittelt Werte
    Wenn ein Haus oder eine Wohnung die Eigentümer wechseln, dann ist das sehr viel mehr als nur ein Gang zum Notar. Eine Immobilie zu vermitteln heißt auch immer, zwischen Menschen zu vermitteln. „Wir können beides“, sagt Petra Brosemer, Immobilienfachwirtin und Inhaberin von Brosemer Immobilien in...
  • Die App heyObi bietet viele Vorteile für die Kunden.
    12.10.2020
    Herunterladen und 10 % Rabatt kassieren – nur im Oktober / 7 Obi-Märkte in der Region sind dabei
    Die kostenlose heyObi-App ist der digitale Begleiter im Alltag und bietet Inspiration sowie zahlreiche Tipps und Tricks rund um Haus und Garten. Registrierte Nutzer der App genießen weitere attraktive Angebote, wie zum Beispiel die digitale Beratung von Fachberatern, zielgerichtete Navigation in...