Kehl

Kriegs »Visuelle Symphonie«

Ellen Matzat
Lesezeit 3 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
22. November 2015

(Bild 1/2) Nur noch bis zum kommenden Freitag ist »Metropolis« in der Kirche St. Johannes Nepomuk in Kehl zu sehen. ©Ellen Matzat

Noch bis Freitag ist die sehr außergewöhnliche visuelle Symphonie »Metropolis« von Tilmann Krieg in der Kirche St. Johannes Nepomuk zu sehen. Sie endet am 28. November mit einer Finissage.

»Visuelle Symphonie« hat der international renommierte Fotograf und Künstler Tilmann Krieg seine Foto-, Video- und Soundinstallation genannt. Dabei handelt es sich nicht nur um eine kirchenraumfüllende Bildprojektion aus fünf Beamern, sondern um ein komplexes, symphonisches Werk in zwölf Sätzen. Mehr als 1200 Besucher haben die allabendlichen Aufführungen in St. Johannes Nepomuk bisher bewundert. Noch bis nächsten Freitag laufen die Vorstellungen jeden Abend ab 19 Uhr (außer heute) und enden am 28. November mit einem Abschlusskonzert (mit dem Organisten Thomas Strauß aus Oppenau und dem Percussionisten Daniel Schay aus Offenburg).
»Ein guter Erfolg, mehr als ich gedacht habe«, freut sich Tilmann Krieg. Besucher kommen von weit her, etliche Kulturmanager und Kuratoren waren hier, es gab einen Rundfunkbeitrag in SWR-Kulturradio sowie einen Fernsehbeitrag in der »Landesschau Baden-Württemberg«.
»Ich hatte die Vision, einen so großen Raum, wie die St.-Johannes-Nepomuk-Kirche-mit meinen Bildern zu füllen«, erklärt Krieg den Start des Projekts. »Zuerst hatte ich eine Aufführung unseres Projekts ›Klangbilder‹ vorgeschlagen, ein Abend mit den Musikern Thomas Strauß, Daniel Schay und Peter Erdrich.« Pfarrer Thomas Braunstein wünschte sich hingegen eine eigenständige Arbeit des Künstlers Tilmann Krieg – »etwas, das die Kirche füllt«.
So entstand die Idee einer »Visuellen Symphonie«, die den Künstler besonders in den vergangenen vier Monaten intensiv beschäftigte. »Das Projekt wurde immer komplexer. Wenn man so etwas anfängt, tun sich immer mehr Türen auf, was man noch alles in das Projekt integrieren wollte«, so Krieg.
Allein bei der Bildauswahl aus über 400 000 Fotos aus aller Welt musste er sehr diszipliniert vorgehen. In der Projektion laufen in 57 Minuten auf fünf Projektoren rund 7000 Bilder durch den Kirchenraum. Manche verweilen, manche sind kaum wahrnehmbar. Bilder und Architektur gehen eine Verbindung miteinander ein und lösen sie wieder auf. Flüchtiges setzt das Festgefügte in Bewegung, während es andererseits von der Räumlichkeit in einem gewissen Rahmen gehalten wird.
»War das inhaltliche Konzept die eine Herausforderung, so war die technische Umsetzung die weit schwierigere«, sagt Krieg. Zu sechs Kapiteln hat er die Sounds selbst gemacht, die anderen teilweise mit klassischen Musikstücken oder moderner Experimentalmusik von Michael Vierling unterlegt.
Die zwölf Kapitel unterscheiden sich stilistisch und inhaltlich. Dabei spannt der Künstler einen Bogen vom Anbeginn der Welt bis in eine Zeit nach unserer Existenz. Dazwischen entfaltet sich das bunte, faszinierende oder manchmal auch erschreckende Kaleidoskop unseres modernen, menschlichen Lebens. »In dem Stück hat alles eine Bedeutung«, betonte Krieg »es ist gefüllt mit Bezügen  auf unsere weltanschauliche, religiöse und philosophische Kultur«.

Hintergrund

Metropolis

Dunkel beginnt im ersten Satz das »Chaos«, bevor »Desert« einen unwirtlichen Empfang bereitet. Die Erde ist wüst und leer. Dann klingt Musik von Mendelsohn – farbige Bilder fliegen vorüber, Urwald, Blumen, Vögel. »Creation« – Schöpfung – heißt das Kapitel, erinnert an das Paradies,  bis  am Ende der Hahn dreimal kräht.
»Work« spricht eine ganz andere Sprache: Die Soundcollage vermittelt Industriehallenatmosphäre, Maschinen stampfen, Stahl kocht – durch Verfremdung entstehen faszinierende grafische Effekte. »Meine Arbeit bezieht sich bewusst auf den gleichnamigen Film von Fritz Lang aus dem Jahr 1921.Wie sich damals die Menschen den Herausforderungen der Industrialisierung stellen mussten, ist heute das große gesellschaftliche Thema die Globalisierung mit ihren Chancen, aber auch Gefahren.« Auch zu Goethes Faust stellte Krieg einen Bezug her, »dem Drang des Menschen seine Welt zu gestalten aber auch sie auszubeuten«.
Nacheinander entwickeln sich die einzelnen Sätze der »Visuellen Symphonie« und bestechen durch präzise Abgrenzung, sowohl inhaltlich, als auch in ihrer Stilistik: »Pride« handelt von Vergnügen und Stolz, »Metropolis« zeigt Weltstädte mit ihren Hochhauslabyrinthen, unterlegt von geheimnisvollen Klängen. Im Kapitel »War« zerstört sich der Mensch selbst – zu den wunderschönen Klängen des Agnus Dei von Jacques Loussier. Die Musik endet wie ein Schrei zu Gott: »Dona nobis pacem! – Gib uns endlich Frieden«. Es folgt Stille, bevor ein kleiner Totentanz das Kapitel »Spirituality« einläutet.
Dann regt sich wieder Leben: in den Katakomben der Metrostationen. Menschen hasten durch die Gänge, Züge kommen an, fahren ab – für Krieg die Reise des Lebens – platonisches Höhlengleichnis in moderner Interpretation.
»Reflections« meint den geistigen Überbau des Menschen, Kultur Kunst, Philosophie. Symmetrische Bilder, fast wie Mandalas schweben über der Kirchendecke. In der klanglichen Kommentierung – wieder von Michael Vierling –  hört man, wie Glas zerschlagen wird, erst vorsichtig, dann immer heftiger. Die Bilder  beginnen zu zittern, der Zuschauer merkt, wie fragil unsere Existenz und unsere Kultur sind. Dann beginnt die Musik  aus »La Mer« von Debussy. Gesichter scheinen auf, fliegen vorbei, immer schneller. »Das Leben des Menschen ist wie eine Blume in der Wüste – wenn der Wind darüber hinweggeht, findet man ihre Stätte nicht mehr.« Wolken ziehen auf, Regen fällt, Wasser stürzt von Wänden und Decke, der Ozean ergießt sich in den Raum. Der Kreis schließt sich. Ein kosmischer Stern strahlt im Dunkel – etwas Neues beginnt.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kehl

Ihr Geschäft schließt Gott sei Dank nicht: Birgit Feldmann, Inhaberin des Reformhauses in der Kehler Innenstadt.
vor 4 Stunden
Kehler Stadtgeflüster
Zeitenwende – das Wort ruft bei manchen Unruhe hervor. Nicht immer müssen Befürchtungen wahr werden – aber oft genug treiben diese merkwürdigen Zeiten auch die seltsamsten Blüten, wie unser aktuelles "Stadtgeflüster" zeigt.
Engagierte Laien- und Berufsmusiker von beiden Rheinufern haben 1999 das Kammerensemble Kehl-Strasbourg gegründet. Im März des gleichen Jahres gibt das Ensemble bereits sein erstes Konzert.
vor 13 Stunden
Kehl
Das Kammerensemble Kehl-Strasbourg und der Philharmonische Chor Straßburg führen das Requiem von Gabriel Fauré auf. Gefeiert werden damit zwei Jubiläen der beiden Gruppen.
Symbolbild: Drogenkontrolle an Europabrücke in Straßburg.
vor 17 Stunden
Straßburg/Kehl
Nach der begrenzten Freigabe von Cannabis gibt es ein Signal der Sicherheitskräfte an der deutsch-französischen Grenze. Das Nachbarland fährt weiter einen restriktiven Kurs.
Pilzbefall, Verwitterung und Feuchtigkeitsschäden haben der Altrheinbrücke in Verlängerung der Großherzog-Friedrich-Straße zugesetzt. Der 1987 erbaute Übergang muss deshalb durch einen Neubau ausgetauscht werden.
vor 19 Stunden
Kehl
Die Fuß- und Radwegbrücke über den Altrhein wird neu gebaut. Sie soll um rund einen Meter breiter werden als der 1987 erbaute Übergang.
Otto und Selma Rosenberg gelang die Flucht nach Argentinien.
vor 22 Stunden
Kehl
In Teil 18 unserer Stolperstein-Serie stellen wir heute die Familie Rosenberg vor.
Die neuen Stifter mit der Führungsriege der Bürgerstiftung Willstätt (v. li.): Stiftungsrats-Vorsitzender Joachim Parthon, Elke Wörner-Heilbrunner, Isabel Parthon, Gerda Lux und Annemarie Fuchs, Schwester und Ehefrau des zum Ehrenstiftungsrat ernannten Gerhard Fuchs, Kuno Siegenführ, Dieter und Heike Nicola, Birgit Besmehn-Heringer und Bürgermeister und Vorstandsvorsitzender der Bürgerstiftung Christian Huber. Es fehlen Mona Beil, Fabio Schumann und die jüngste Stifterin Annemarie Stöhr (1 Jahr alt).
24.05.2024
Willstätt
Eine weitere Ehrung für Gerhard Fuchs: Auf der jüngsten Stifterversammlung der Bürgerstiftung Willstätt in der Festhalle seines Geburtsorts Legelshurst wurde der Ehrenbürger der Gemeinde Willstätt zum ersten Ehrenstiftungsrat ernannt.
Säuleneiben säumen seit einiger Zeit den Fußweg auf der Westseite des Friedhofs in Bodersweier. Aufgrund von Trockenschäden werden auch die verbliebenen Scheinzypressen auf der Ostseite, die im Hintergrund zu sehen sind, weichen müssen.
24.05.2024
Kehl - Bodersweier
In Bodersweier gilt die Friedhofsallee als Besonderheit. Weil die Altbepflanzung jedoch über die Jahre an Standsicherheit eingebüßt hat, ist ein Ersatz erforderlich. Erste Neubepflanzungen sind bereits erfolgt.
Schnapsbrenner Karl Hummel aus Leutesheim ist auch ein Spezialist in Sachen Obstbäumen. Im Auftrag der Ortschaft wird er den umfangreichen Bestand auf Mistelbefall untersuchen.
24.05.2024
Kehl - Leutesheim
Misteln entziehen den Bäumen Nährstoffe
Kirsten Putz ist in Kehl die neue Ansprechpartnerin der Suchtberatungsstelle.
23.05.2024
Kehl
Kirsten Putz ist die neue Ansprechpartnerin für die Außenstelle Kehl der Suchtberatungsstelle des AGJ-Fachverband für Prävention und Rehabilitation der Erzdiözese Freiburg.
Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung an Grundschulen kommt in zwei Jahren. Die Stadt Kehl muss hierfür noch die Voraussetzungen schaffen.
23.05.2024
Kommunwalwahl
Wahlprüfsteine zur Kommunalwahl 2024 der Kehler Zeitung, der vierte Teil. Jeden Freitag fühlen wir den Listen und Parteien, deren Kandidaten zur Gemeinderatswahl antreten, auf den Zahn. Heute geht es um die Zukunft der Kindergärten und Schulen.
Michael Nguyen liebt seine Heimatstadt Kehl, ist aber beruflich zu viel unterwegs, um sich weiterhin regelmäßig in den Gemeinderat sich einbringen zu können.
23.05.2024
Kehl
Michael Nguyen, angetreten für die Junge Liste, hat sich nicht mehr aufstellen lassen. Die eigene Firma bringt es mit sich, dass er viel auf Reisen ist – zu viel, um regelmäßig mitarbeiten zu können.
Erst vor zweieinhalb Jahren hat Patrik Hauns die Leiterstelle des Fachbereichs 2 (Bildung, Soziales und Kultur) bei der Stadt Kehl angetreten. Jetzt ist er gegangen.
23.05.2024
Personalie mit Folgen
Die Stadt Kehl muss sich auf die Suche nach einem neuen Leiter für den Fachbereich II machen. Patrik Hauns hat seine Tätigkeit beendet, über die Gründe schweigt sich das Rathaus aus.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • Das gediegene neue Corporate Design von Sport Kuhn spiegelt sich auch in der Fassadengestaltung wider.  
    21.05.2024
    Sport Kuhn: Führungstrio geht mit Drive in die Zukunft
    Seit vergangenem Sommer steht die vierte Generation bei Sport Kuhn in Offenburg an der Spitze und hat in den wenigen Monaten viele Änderungen angestoßen. Immer im Mittelpunkt: der Kunde.
  • Finanz- und Versicherungsmakler Tino Weissenrieder betreut mit dem Team der "W&K Wirtschaftsberatung" in Lahr einen bundesweiten Kundenstamm.
    21.05.2024
    Rundum beraten: W&K Wirtschaftsberatung Tino Weissenrieder
    In Unternehmen werden viele Entscheidungen getroffen – strategische, finanzielle und technologische. Doch wer stellt die Weichen für die Zukunft der Unternehmer? Die "W&K Wirtschaftsberatung" Tino Weissenrieder hilft mit Kompetenz und Erfahrung weiter.
  • Das Geheimnis des Erfolgs ist der große Zusammenhalt der Familie. Jeder bringt sich mit seinen Erfahrungen und Talenten ein (von links): Erika und Erhard, Brigitte und Hubert Benz sowie Anja Vetter und Alexander Benz mit ihrem kleinen Lukas. 
    29.04.2024
    Top-Life Gesundheitszentrum: Alle Altersgruppen willkommen!
    Das Top-Life Gesundheitszentrum in Berghaupten feiert in diesem Jahr ein außergewöhnliches Firmen-Jubiläum. Es basiert auf dem Alter aller sieben Familienmitglieder, die zum Erfolg des Unternehmens beitragen.
  • Physiotherapeutin Luise Wolf schätzt die Zusammenarbeit und innovativen Ansätze bei ihrem Arbeitgeber. 
    22.04.2024
    Top-Life Berghaupten: Hier steht der Mensch im Mittelpunkt
    Das Gesundheitszentrum Top-Life in Berghaupten bietet ein Komplettpaket rund um Gesunderhaltung, Rehabilitation, Prävention und Wellness. Physiotherapeutin Luise Wolf ist Teil des motivierten Teams und gibt im Interview Einblick in ihre abwechslungsreiche Arbeit.