Kehl

Mediziner, Historiker, Musiker, Mensch

Autor: 
Edgar Bassler
Lesezeit 4 Minuten
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20. November 2008
Foto: Rolf Hoffmann - Für seine Verdienste als Mediziner und Historiker ist Rolf Kruse am 19. November 2004 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt worden; rechts Kehls Oberbürgermeister Günther Petry, der die Ehrung vornahm..

Foto: Rolf Hoffmann - Für seine Verdienste als Mediziner und Historiker ist Rolf Kruse am 19. November 2004 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt worden; rechts Kehls Oberbürgermeister Günther Petry, der die Ehrung vornahm..

Der frühere Leiter der Epilepsiekinderklinik in Kork, Rolf Kruse, wird heute 80. Jahre alt.
Kehl. Wenn in der Ruhe die Kraft liegt, dann gilt das in besonderer Weise für den früheren Chefarzt der Epilepsie-Kinderklinik in Kork und ehemaligen Präsidenten des Historischen Vereins Kehl, Rolf Kruse. Heute kann er seinen 80. Geburtstag feiern. Konsequent, voller Arbeitseifer und von großer geistiger Beweglichkeit beschreiben ihn Weggefährten. Und man darf hinzufügen: bei allen seinen Verdiensten, die er sich erworben hat, ist er doch immer der freundliche und bescheidene »Herr Kruse« geblieben Zwei Menschen haben die Grundlagen dafür geschaffen, dass aus den Korker Anstalten von einst heute die Spezialeinrichtung geworden ist, die europaweit als Zuflucht für epilesiekranke Kinder, Jugendliche und Erwachsene bekannt und anerkannt ist: Ansgar Matthes und Rolf Kruse. 1969 war Kruse seinem Kollegen und Freund Matthes nach Kork gefolgt; gemeinsam bauten sie auf, was heute als »Epilepsiezentrum Grad IV« die Vorausetzungen für den höchstmöglichen europäischen Standard eines solchen Zentrums erfüllt. Ein Pionier »Mit vollem Recht kann Herr Professor Dr. med. Rolf Kruse zu den Pionieren der pädiatrischen Epileptologie (der wissenschaftlichen Erforschung kindlicher Epilepsien) in der deutschen Nachkriegszeit gezählt werden«, würdigte ihn der frühere Ärztliche Direktor in Kork, Hansjörg Schneble, vor wenigen Jahren. Geboren in Leipzig, wo er zu seiner Schülerzeit im berühmten Thomanerchor sang, studierte Rolf Kruse zuerst vier Semester Musik, ehe er zur Medizin wechselte. Studienorte waren Leipzig, Hamburg und Heidelberg. Dort ließ er sich Anfang der 60er Jahre zum Facharzt für Kinderkrankheiten ausbilden. In seiner Habilitationsschrift analysierte und erklärte er eine bis damals rätselhafte Form kindlicher Epilepsien, die 1967 mit dem namhaften Preis der Stiftung Michael ausgezeichnet wurde. Zehn Jahre später wurde ihm der Friedrich-von-Bodelschwingh-Preis verliehen. Akribisch forschend hatte Kruse die Erklärung dafür gefunden, warum Epilepsiekranke, die über lange Zeit anfallhemmende Medikamente einnehmen müssen, Gefahr laufen, an einer Art Knochenerweichung zu erkranken. Die wirksame Therapie lieferte Rolf Kruse gleich mit. Der Mediziner veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten. 1983 wurde er zum Präsidenten der »Deutschen Liga gegen Epilepsie« gewählt. Und anno 1994 ernannte ihn die »Gesellschaft für Neuropädiatrie«, die er mitgegründet hatte, zu ihrem Ehrenmitglied. Beistand und Helfer Neben dem Forscher und Hochschullehrer stand der Arzt und Mensch, der vielen epilepsiekranken Menschen Beistand und Helfer war. So war es für den Historischen Verein in Kehl ein echter Glücksfall, als Kruse nur zwei Jahre nach seiner Pensionierung als Chefarzt im Jahr 1993 das Präsidentenamt übernahm. Er lenkte den Blick der Mitglieder grenzüberschreitend auf den historisch bedeutsamen Raum Straßburg. Er regte die Intensivierung der Zusammenarbeit zwischen Verein und Kehler Schulen an; so wurde für die Kehler Realschule ein Preis ausgelobt, der die beste Leistung im Fach Geschichte würdigen sollte. Ein besonderes Anliegen war und ist ihm aber die Auseinandersetzung mit der Zeit des Dritten Reiches. »Wir dürfen uns nicht drücken um die Geschichte des Dritten Reiches und um die Geschichte der Juden; das ist die Geschichte, die bewusst werden sollte«, wies er nicht nur dem Historischen Verein in Kehl mit dieser Aussage die Richtung. Jahrelang setzte er sich dafür ein und arbeitete daran, dass das schriftliche Vermächtnis des früheren jüdischen Mitbürgers in Kehl, Nicolas Rosenthal, als Buch (»Hagada des 20. Jahrhunderts« – ein Vermächtnis«) herausgegeben werden konnte. Wesentlich auf Rolf Kruses Anregung geht die Gründung eines bundesweiten Arbeitskreises »Epilepsie in der erzählenden Literatur« zurück. Hier ist es die Verbindung zwischen wissenschaftlicher und literarischer Perspektive, die ihm am Herzen liegt; in seiner Tätigkeit als Mediziner in Kork war es die Verknüpfung zwischen musikalischer und medizinischer Arbeitswelt, die ihm vor Ort unverzichtbar war. So leitete der leidenschaftliche Musiker bei Festlichkeiten im Epilepsiezentrum häufig den Mitarbeiterchor. Dem Vater nachgeeifert Rolf Kruse, der Mediziner, Historiker und Musiker ist immer Mensch geblieben. Und es mag ihm als eine Güte des Schicksals erscheinen, dass seine drei Söhne, jeder auf seine Weise, dem Vater nachgeeifert sind: einer als Musiker, einer als evangelischer Theologe und der älteste Sohn als Historiker.

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