Holocaust

Kehl: Mehr Stolpersteine gegen das Vergessen

Redaktion
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10. Juli 2020

(Bild 1/2) Schülerinnen aus der Zeitzeugen-AG und Bäcker Günter Rapp legten Rosen am Stolperstein für Alfred Rapp nieder – dieser wurde 2019 vor dem Café ins Pflaster eingelassen. Alfred Rapp war das erste sogenannte Euthanasie-Opfer aus Kehl, dem mit einem Stolperstein gedacht wird. In der Mitte Künstler Gunter Demnig, rechts Uli Hillenbrand, der Leiter der Zeitzeugen-AG. ©Stadt Kehl

Corona ist es geschuldet, dass am Mittwoch Stolpersteine in Kehl nicht verlegt, sondern übergeben wurden: In einer Zeremonie im Café Rapp nahm OB Toni Vetrano aus der Hand von Künstler Gunter Demnig die Stolpersteine in Empfang, die an Elsa Cheit, Klara Wertheimer und Rosa Mayer erinnern.

Ins Pflaster in der Fußgängerzone und in der Oberländerstraße eingelassen werden sie im Herbst und im Frühjahr. Allerdings nur, wenn das möglich ist, was in Kehl zur Verlegung von Stolpersteinen gehört: Dass Jugendliche sich intensiv mit der Vergangenheit der Opfer der Nazi-Diktatur beschäftigen und die Gedenkstunde mitgestalten. Und dass nicht in Europa lebende Nachfahren bei der Verlegung anwesend sein können.

Der Unterricht wird nachgeholt

Weil Corona über Monate normalen Unterricht verhindert hat, konnte sich die neunte Klasse der Tulla-Realschule nicht auf die Verlegung der Stolpersteine für Klara Wertheimer und Elsa Cheit vorbereiten. Das werden die künftigen Zehntklässler im neuen Schuljahr nachholen; sie sind die Paten für die beiden Stolpersteine, die ihren Platz in der Fußgängerzone finden werden – vor dem Kaufhaus Woolworth und der Volksbank.

Die beiden Frauen waren Cousinen und entstammten der jüdischen Familie Bensinger, wie Karl Britz am Mittwoch berichtet hat. Sie waren verwandt mit der Familie von Rosa Bensinger, für die Gunter Demnig 2017 gegenüber, vor der Parfümerie Douglas, fünf Stolpersteine verlegt hat. 

Das Leben und Sterben von Elsa Cheit

Elsa Cheit wurde 1881 als Tochter von Jakob und Pauline Bensinger geboren. Sie wuchs mit 15 Geschwistern auf. 1906 heiratete sie den aus Lemberg stammenden Hersch Cheit. 1912 kam die 31-Jährige wegen einer psychischen Erkrankung in die Psychiatrie nach Straßburg und von dort in die Heilanstalt Stephansfeld bei Brumath. Über die Heilanstalt Illenau in Achern gelangte sie in die Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen, wo sie 18 Jahre verbrachte. Von hier aus wurde sie am 12. August 1940 nach Grafeneck transportiert, wo sie noch am gleichen Tag in einer zur Gaskammer umgebauten Garage ermordet wurde.

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Das Leben und Sterben von Klara Wertheimer

Ihre Cousine Klara Wertheimer, 1888 geborene Tochter von Simon und Theresia Bensinger, war mit Adolf Wertheimer verheiratet und lebte in Karlsruhe. 1931 wurde sie aufgrund einer akuten Psychose in die Heilanstalt Illenau eingeliefert. Von dort wurde sie 1938 auf die Insel Reichenau verlegt. Am 27. Juni 1940 wurde sie nach Grafeneck gebracht und wie ihre Cousine noch am selben Tag ins Gas geschickt.

Dank der unermüdlichen Nachforschungen der Archiv- und Museumsleiterin Dr. Ute Scherb wisse man heute von 25 Menschen aus der Kernstadt und 16 aus den Ortschaften, die mit ihrem Leben nicht mehr zurechtgekommen und daher einer Pflegeanstalt anvertraut worden seien, so Vetrano. Sie alle seien in Grafeneck auf die gleiche Weise umgebracht worden. Die Suche nach Informationen gestalte sich äußert schwierig, weil die Morde oft selbst in den Familien verschwiegen würden. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit lasse sich daher sagen, „dass es in unserer Stadt noch viel mehr Menschen gab, die den grausamen Tod in der Gaskammer von Grafeneck sterben mussten“.

2019 wurde vor dem Café Rapp der erste Stolperstein für ein „Euthanasie-Opfer“ verlegt: für Alfred Rapp, ermordet am 31. Mai 1940 in Grafeneck. Dies sei auch der Grund dafür, warum sich die Gruppe zur Stolpersteinübergabe hier zusammengefunden habe, so der OB. 

Das Leben und Sterben von Rosa Mayer

Rosa Mayer kam 1874 als erste Tochter von Heinrich und Mathilde Murr in Ulm zur Welt. Sie heiratete den Kehler Bankbeamten Max Mayer und wohnte mit ihm in der heutigen Oberländerstraße. Rosa Mayer nutzte die Evakuierung von Kehl 1939, um nach Ulm zurückzukehren. Ende Juli 1940 wurde sie jedoch wieder nach Kehl zurückgeschickt. Am 22. Oktober erfolgte ihre Deportation nach Südfrankreich ins Lager Gurs. Sie überlebte den Zweiten Weltkrieg um wenige Monate und starb am 14. Juli 1945 im ehemaligen Internierungslager in Masseube. Von Zeitzeugin Regina Müll haben die Schülerinnen erfahren, dass die „liebenswürdige ältere Dame“ Rosa Mayer für sie wie eine Oma war. Rosa Mayer, die im gleichen Haus wohnte wie Regina Müll, habe diese oft zu sich eingeladen.

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