Kultur / Philosophie

Michael Schmidt-Salomon im Club Voltaire

Autor: 
Nina Saam
Lesezeit 3 Minuten
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10. April 2018

Der Philosoph und Autor Michael Schmidt-Salomon sprach im Club Voltaire über die Grenzen der Toleranz. ©Nina Saam

Eine offene Gesellschaft muss tolerant sein, aber auch klare Grenzen formulieren, um funktionieren zu können. Über die Grenzen der Toleranz und die Leitprinzipien einer offenen Gesellschaft sprach am Montag Michael Schmidt-Salomon im Club Voltaire.

Vor zwei Jahren hat der aus Trier stammende Philosoph und Autor Michael Schmidt-Salomon sein Buch »Die Grenzen der Toleranz – warum wir die offene Gesellschaft verteidigen müssen« veröffentlicht, das angesichts der wachsenden Polarisierung und Abschottung einzelner Gruppen bis hin zu ganzen Gesellschaften aktueller denn je ist. Demagogen und Populisten schürten einen »Empörialismus«, in dem Stimmungsmache mehr zähle als rationale Argumente, so der Philosoph.

Vielfalt der Meinungen

Dabei sei eine gewisse Streitkultur in offenen Gesellschaften durchaus erwünscht: »Die Vielfalt der Meinungen ist der Nährboden des zivilisatorischen Fortschritts«, so Schmidt-Salomon. »Gesellschaften, die jeden Widerspruch im Keim ersticken, verharren im kulturellen Stillstand.« Doch einen zivilisierten Widerstreit könne es nicht ohne klare Spielregeln geben, die von allen Beteiligten Toleranz abverlangten. Doch was muss toleriert und was darf nicht mehr toleriert werden? Und was muss man akzeptieren, also nicht nur dulden, sondern gutheißen? 

Leitprinzipien

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Vier Leitprinzipien für eine offene Gesellschaft hat Schmidt-Salomon ausgemacht: Neben der Liberalität, die sich am Ideal der Freiheit orientiert, ist es die Egalität der Menschen – dazu gehören auch die, deren Meinung man nicht teilt: »Rassisten und Faschisten sind in einer offenen Gesellschaft eine Last, die es zu ertragen gilt«, so Schmidt-Salomon. Essenziell sei auch das Prinzip der Säkularität. Es dürfe keine Religion bevorzugt oder benachteiligt werden, geschweige denn eine »höhere Instanz« geben, die über den Grundwerten der Gesellschaft steht. Und schließlich der Wert der Individualität jedes Einzelnen und seine unantastbare Würde.

Das Tolerierbare schwächen
Um eine offene Gesellschaft zu verteidigen, müsse man das Akzeptierbare stärken, das Tolerierbare schwächen und das Nicht-Tolerierbare unterbinden. Von der Politik werde meist nur Letzteres verfolgt, wie die Debatten um ein Verbot von Burkas oder Kopftüchern zeigten – und was Schmidt-Salomon kritisch sieht: »Jedes Verbot richtet sich nicht nur gegen die Intoleranz, sondern auch gegen die Toleranz.« Er setzt auf die ersten beiden Punkte, die nicht mit diesem Paradoxon zu kämpfen haben. Sein Schlagwort lautet »Abschreckung durch Freiheit«. Man müsse beispielsweise den hier Schutz suchenden Muslimen unmissverständlich klar machen, was sie in einer offenen Gesellschaft erwartet: »Religionen stehen nicht über dem Gesetz, Männer und Frauen haben gleiche Rechte und die Verehrung Allahs gilt nicht mehr als die Verehrung des Karlsruher SC«, so Schmidt-Salomon. Diese »Freiheitsandrohungen« gälten auch für konservative Kräfte im Innern der Gesellschaft, die mit diesen Maximen ebenfalls an die Grenzen ihrer Toleranz stoßen könnten. 

Zu idealistisch?

In der folgenden Diskussion kam vor allem die Frage auf, ob das Konzept nicht zu idealistisch gedacht sei. »Wenn Menschen nicht als Individuum wahrgenommen werden, identifizieren sie sich in Gruppen«, sagte Schmidt-Salomon. »Und Irrsinnstaten werden immer kollektiv begangen.« Deshalb gelte es zum einen, das einzelne Individuum und zum anderen die Ebene der »einen Menschheit« zu stärken. Bei allen Zweifeln ob der derzeitigen nationalistischen Tendenzen zeige gerade die jüngere Geschichte, dass eine Evolution stattfinde: »Denken Sie nur daran, wo die Gesellschaft vor 50 Jahren stand«, so Schmidt-Salomon.
Oder, wie Club-Voltaire-Vorsitzende Ilse Teipelke abschließend aus dem Leitbild der Giordano-Bruno-Stiftung zitierte, deren Vorstandssprecher Schmidt-Salomon ist: »Wir sind nicht die Krone der Schöpfung, sondern die Neandertaler von morgen.«  
 

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