Willstätt

Moscherosch-Schau im Willstätter Rathaus eröffnet

Autor: 
Michael Müller
Lesezeit 3 Minuten
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07. September 2018

(Bild 1/3) Feierliche Einweihung der Moscherosch-Ausstellung im Willstätter Rathaus (v. links): Werner Hetzel (Moscherosch-Darsteller), Gertraud Schäfer (Witwe von Moscherosch-Forscher Walter E. Schäfer), Willstätts Bürgermeister Marco Steffens, Julian Wieder (Student an der Universität Heidelberg), Thomas Schmidt (Deutsches Literaturarchiv Marbach), Dirk Werle (Uni Heidelberg) und Martin Frank (Deutsches Literaturarchiv Marbach). ©Michael Müller

Willstätts größter Sohn hat nun einen ständigen Platz im prominentesten Gebäude der Gemeinde gefunden: Am Mittwoch wurde die Ausstellung über Johann Michael Moscherosch im neuen Rathaus feierlich eingeweiht.

Es sei ein besonderer Abend, begrüßte Willstätts Bürgermeister Marco Steffens die geladenen Gäste zur Einweihung der Ausstellung über Johann Michael Moscherosch: Willstätts berühmtester Sohn bekomme nun »die Würdigung, die ihm schon lange zusteht«.

Wissenschaflicher Input

Das Gestaltungskonzept erstellte das Büro »Zwo-elf« aus Karlsruhe, das sich auf visuelle Kommunikation und die Gestaltung von Ausstellungen spezialisiert hat. Den wissenschaftlichen Input lieferten das Deutsche Literaturarchiv Marbach, das sich auch zur Hälfte an den Kosten beteiligt, und die Uni Heidelberg. Einige Studenten des Germanistischen Seminars der Uni weilten unter den Gästen.

Wertvolle Leihgaben

Ebenfalls nach Willstätt gekommen war Gertraud Schäfer, die Witwe des 2014 verstorbenen Baden-Badener Germanisten Walter E. Schäfer. Ohne dessen Vorarbeiten wäre die Ausstellung nicht denkbar gewesen, betonte Steffens. Gertraud Schäfer hat der Ausstellung einige wertvolle Buch-Stiftungen als Leihgaben zur Verfügung gestellt. In der Eingangs-Vitrine sind zudem derzeit zwei von Walter Schäfers wissenschaftlichen Werken ausgestellt. 

Deutsch als Kultursprache etabliert

Die Ausstellung widme sich einem jener Dichter, »die man selten oder kaum noch verlegt, die kein Gegenstand der Bildungspläne sind und die auch an den Universitäten nicht allzu oft behandelt werden«, betonte Thomas Schmidt vom Deutschen Literaturarchiv Marbach. Dabei sei Moscherosch eine der wichtigsten Figuren der deutschen Literaturgeschichte – allein schon deshalb, weil er dazu beigetragen habe, Deutsch als Kultursprache überhaupt erst zu etablieren. Zudem zähle Moscherosch zu den Wegbereitern der Literaturgattung Roman, betonte Co-Kurator Dirk Werle vom Germanistischen Seminar der Uni Heidelberg. Grimmelshausens »Simplicissimus« sei ohne Moscheroschs Pionierarbeit nicht denkbar. 

Überzeugter Europäer

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»Aus Willstätt nach Europa« ist die Ausstellung überschrieben. Das sei auch durchaus gerechtfertigt, so Werle. Moscherosch sei zwar ein »Sprachpatriot« gewesen, der sich bemüht habe, die deutsche Sprache und Kultur gegen modische Einflüsse aus anderen Sprachen und Kulturen zu verteidigen; zugleich seien aber viele seiner Schriften Übertragungen von Vorbildern aus dem Spanischen, dem Französischen und dem Englischen.

Wie entsteht Satire, und welche Funktion hat sie?

Schließlich habe die Ausstellung auch einen Bezug zur Gegenwart, so Thomas Schmidt. Moscherosch war nicht zuletzt Satiriker – und die Ausstellung gehe auch der Frage nach, »wie in Zeiten der Bedrohung und der Verunsicherung Satire entsteht und welche Funktion sie in einer Gesellschaft haben kann«. 

Komprimierte Information

Die Moscherosch-Ausstellung komprimiert die Informationen auf einer Fläche von nur etwas mehr als zwölf Quadratmetern. Das sei eine anspruchsvolle Aufgabe, so Schmidt, weil kein Detail zufällig sei und alles miteinander zu einem dichten Netz verknüpft ist. 

Literaturgeschichtliches Kleinod

Mit der Ausstellung gebe Willstätt Moscherosch den bestmöglichen Ort und einen neuen Platz im kulturellen Gedächtnis, so Schmidts Resümee. Zudem bekomme Willstätt »auch ein Stück seiner eigenen Geschichte zurück«. Das Literaturland Baden-Württemberg habe mit der Ausstellung »ein Kleinod mehr«.

Begleitet wurde die Feier mit Musik des Freiburger Lautisten Christian Zimmermann.

Stichwort

Wie sich die Ausstellung aufbaut

Für die Ausstellung wurden mehrere Stellwände zu einem abgeschlossenen Raum gruppiert. Jede hat ein Schwerpunktthema. Da geht es um Moscherosch als Grenzgänger zwischen den Kulturräumen, als Augenzeuge der Gräuel des Dreißigjährigen Krieges, als Satiriker und Erfolgsautor, um Moscheroschs Weltanschauung und die Bandbreite seines literarischen Schaffens, das bis zum Elternratgeber reicht, um seine Wirkung in der Literaturgeschichte und seinen Einfluss auf Autoren wie die Gebrüder Grimm oder Günter Grass. 

Auf dem Boden des Ausstellungsraums ist eine Karte zu sehen, auf der die Wirkungsorte Moscheroschs dargestellt sind. Vitrinen zeigen ein Wörterbuch, Nachdrucke seiner Werke oder einen Brief, in dem er einen Überfall auf sich beschreibt. Die Infos gibt es auch zum Hören und Gucken: So wird sein Hauptwerk, die »Wunderliche und Wahrhafftige Gesichte Philanders von Sittewalt«, in einer Medienstation mit Touchscreen und Einhand-Hörern vorgestellt.

Am Durchgang zum Gemeindearchiv ist eine »Prolog-Wand« erstellt, die in die Ausstellung einführt und den Bezug Moscheroschs zu Willstätt erläutert und auf Moscheroschs Bedeutung als Satiriker und Wegbereiter der Gattung Roman eingeht. Davor steht eine Vitrine, in der wechselnde Objekte ausgestellt werden sollen, die mit Moscherosch in Zusammenhang stehen.

Hintergrund

Moscherosch: Wie eine kleine Gemeinde ihren großen Sohn wiederentdeckte

Lange Jahre war Johann Michael Moscherosch im kulturellen Gedächtlis seiner Heimatgemeinde Willstätt so gut wie gar nicht präsent. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts beginnt die Wiederentdeckung Moscheroschs. Einige der wichtigsten Stationen

1907: Einweihung des Moscherosch-Denkmals bei der Kirche

1974: Einweihung der Moscherosch-Schule (Namensträger Moscherosch)

1982: Walter E. Schäfer veröffentlicht eine Biografie über Johann Michael Moscherosch. Der Germanistik-Professor aus Baden-Baden hat sich seit den 60er-Jahren mit Moscherosch befasst und fast seine gesamte wissenschaftliche Arbeit dem Willstätter Barockdichter gewidmet.

1993: In einem Briefwechsel diskutieren Willstätts damaliger Bürgermeister Artur Kleinhans, Walter E. Schäfer und Thomas Scheuffelen vom Deutschen Literaturarchiv Marbach über die mögliche Einrichtung einer »Moscherosch-Stube« im geplanten Heimatmuseum.

2001: Willstätt feiert mit einem großen Fest den 400. Geburtstag Johann Michael Moscheroschs. Das Fest verleiht der Moscherosch-Rezeption in Willstätt einen ganz neuen Schwung.

2007: Erste Gespräche zwischen Bürgermeister Artur Kleinhans und Frank Schmidt vom Deutschen Literatur­archiv über die Einrichtung einer Moscherosch-Ausstellung.

2015: Eröffnung des Literarischen Radwegs »Per Pedal zur Poesie«, der von Willstätt über Oberkirch nach Renchen führt.

16. Mai 2015: Der Willstätter Gemeinderat beschließt die Einrichtung und Mitfinanzierung der Moscherosch-Ausstellung.

14. März 2018: Vorstellung und Billigung der Ausführungsplanung für die Ausstellung im Willstätter Gemeinderat.

5. September 2018: Eröffnung der Moscherosch-Ausstellung.

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