Kehl

Streit um Badekleidung: Muslimas enthüllen den Burkini

Autor: 
Martin Egg
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24. Mai 2016
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Bianca Mische (links) und Samia Cherni zeigen in der Redaktion ihre Burkinis.

Bianca Mische (links) und Samia Cherni zeigen in der Redaktion ihre Burkinis. ©Martin Egg

Die Diskussion um das Tragen von »Burkinis« hat in den vergangenen Tagen viel Raum eingenommen. Sowohl in der Kehler Zeitung als auch in den sozialen Medien wird darüber engagiert debattiert. Nun kommen zwei betroffene Frauen zu Wort.

Die spätestens seit der umstrittenen Abstimmung im Kehler Gemeinderat geführte Diskussion um das Tragen sogenannter Burkinis in öffentlichen Bädern (die Kehler Zeitung berichtete mehrfach) hat auch einen Nebeneffekt: Sie vermittelt vielen muslimischen Frauen, aber auch dem Bäderpersonal, ein Gefühl von Rechtssicherheit, das so in dieser Form offenbar zuvor nicht bestanden hatte – so ähnlich sehen das jedenfalls Bianca Mische und Samia Cherni: »Seit Jahren fragen wir nach, ob wir schwimmen gehen dürfen, und jedes Mal hieß es, es sei verboten«, beteuert Cherni. Zu viel Wasser würden die Burkini-Gewänder das Bad kosten, außerdem seien die Pumpen zu alt, habe es geheißen. Deshalb sei sie zusammen mit ihrer Tochter zum Baden nach Offenburg ausgewichen. Gemeinsam mit 15 bis 20 anderen Frauen muslimischen Glaubens haben Mische und Cherni bereits Ende März, also vor der Diskussion in Auenheimer Ortschaftsrat und Kehler Gemeinderat, den Oberbürgermeister schriftlich um eine Stellungnahme gebeten und warte seither auf Antwort.

Muslima seit 20 Jahren 

Cherni ist 46 Jahre alt, in Tunesien geboren, und lebt seit 20 Jahren in Deutschland. In Regensburg studierte sie BWL, in Kehl arbeitet die Frau als Lehrerin in einer VAB-O-Klasse; sie unterrichtet also Kinder ohne Deutschkenntnisse. Mische (38), die in einer Offenbuger Kita als Erzieherin arbeitet und seit zwölf Jahren in Kehl wohnt, ist Berlinerin. Sie ist Deutsche, wuchs ihren eigenen Angaben zufolge atheistisch auf und schloss sich vor 20 Jahren dem Islam an – noch bevor sie ihren algerischen Ehemann kennenlernte.

Der »Burkini«, um den derzeit in Kehl diskutiert wird, ist in den Augen Misches »nicht das Thema, sondern nur Mittel zum Zweck« – ein Stellvertreterkrieg vor dem Hintergrund konkurrierender Weltanschauungen. Wie zum Beweis, dass in diesem Zusammenhang auch Hygiene kein Thema ist, packen Mische und Cherni ihre Badekleidung auf den Tisch. Reines Elastan, von Baumwolle keine Spur. Zwei Modelle hat Mische mit in die Redaktion der Kehler Zeitung gebracht: Eines mit bereits angenähter Kopfbedeckung, ein anderes ohne dieses Merkmal – dazu einen Bikini, den sie darunter trägt. Den gebe es aber auch bereits integriert, erklärt die Besitzerin. Damit der Burkini auch beim Sprung ins kalte Nass den Körper bedeckt, wird er mit kleinen Gummibändern am Badehöschen befestigt. So ein Burkini ist aufwendiger, als man denken mag.

»Schleiereulen« 

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Bianca Mische, die wie Cherni im christlich-muslimischen Arbeitskreis engagiert ist, ist um Aufklärung bemüht. Deshalb mischt sie sich auch in die um den Burkini entbrannte Diskussion auf der Facebook-Seite der Kehler Zeitung ein, wo Frauen, die wie sie ein Kopftuch tragen, als »Schleiereulen« verunglimpft wurden. 

Ob sie solche Worte und die in diesen Zeiten offen zu Tage tretende Ablehnung in den sozialen Medien beeindrucken? »Nicht mehr so wie früher«, beteuert Mische. »Nach all den Jahren weiß man, wann man Erfolg hat in einer Diskussion«, muss die Deutsch-Muslimim sogar schmunzeln. Dass das Kopftuch gleichbedeutend mit »nicht deutsch« ist, fällt Mische ab und zu auf, wenn sie beispielsweise in Geschäften unterwegs ist und die Verkäuferin so tue, als habe sie sie nicht verstanden.

Unterdrückungssymbol? 

Ist das Kopftuch das Symbol einer Unterdrückung der Frau? Mische plädiert hier für eine differenzierte Form der Betrachtung. Ja, es gebe Länder wie Afghanistan oder Saudi Arabien, wo Frauen durchaus Unterdrückung erfahren würden, doch »die Freiheit der Frau hat viel mit ihrem Zugang zu Bildung zu tun. Jemand, der seine Rechte kennt, ist nicht so leicht zu unterdrücken.« Vielerorts seien muslimische Frauen im Aufbruch, sagt sie.

Bevormundet fühlt Mische sich stattdessen durch die entstandene Kopftuch-Debatte: »In dem Moment, in dem man uns vorschreibt, wie wir uns kleiden sollen und wenn man verlangt, dass wir uns entkleiden sollen, werden wir von einer ganz anderen Seite unterdrückt.« Weil immer beide Seiten gefordert sind, appelliert Mische aber auch »an unsere Moscheegemeinde, sich stärker zu öffnen«, um so das interkulturelle Verständnis zu fördern.

Kommentar

Richtigem Feminismus geht es um mehr

Dass die Diskussion um Burkinis im Schwimmbad so kontrovers und auch mit starken Worten geführt wird, ist nicht verwunderlich. Schließlich –  seien wir ehrlich – geht es im Kern gar nicht um Hygiene, oder gar darum, ob diese Kleidungsstücke im Becken viel Wasser aufsaugen. Es ist eine Kulturdebatte, es geht um das Verhältnis der westlichen Gesellschaft mit dem Islam und umgekehrt. Und man kann die Totalverhüllung durchaus als sichtbares Zeichen einer Frauenrolle verstehen, die mit dem modernen Bild der Frau in unserem Land schlecht vereinbar ist. Darüber zu streiten, ist richtig und wichtig, es schärft auch den Blick dafür, wie viele Rechte sich die Frauen bei uns erstritten haben, die es weiterhin zu verteidigen und zu erhalten gilt.  Dazu gehört auch, sich im knappen Bikini sonnen zu können, ohne ein schlechtes Gefühl zu haben - wenngleich Alice Schwarzer jetzt vielleicht den Kopf schütteln würde, denn richtigem Feminismus geht es um viel mehr. Die Debatte offenbart aber auch eine fast schon hysterische Angst mancher Zeitgenossen, da besteht ein großer Unterschied zwischen gefühlter und tatsächlicher Bedrohung. Eine starke Gesellschaft kann auch mit einigen Muslimas im Burkini umgehen. Und was wäre Alternative für diese Frauen, wäre das Tragen eines Burkinis hier untersagt?  Sie gingen gar nicht Baden, oder müssten weite Fahrwege auf sich nehmen. Also gönnen wir ihnen doch die Abkühlung im Sommer.

 

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florian.wuerth@reiff.de

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