Tag des offenen Denkmals

Neumühler Bunker präsentiert sich erstmals der Öffentlichkeit

Autor: 
Nina Saam
Lesezeit 4 Minuten
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06. September 2018

(Bild 1/2) Der etwa drei Meter hohe Bunker wurde 1938 gebaut und mit einem Tarnanstrich versehen. Der mittlerweile abgerissene Tarnaufbau kam erst ein Jahr später dazu und der darunterliegende Bunker wurde wie der Fachwerkaufbau weiß getüncht. Der weiße Anstrich links ist der umliegenden Wohnbebauung geschuldet – damit sich das Bauwerk zumindest farblich einpasst, wenn die Bewohner aus dem Fenster schauen. Auf einem Schild ist zu sehen, wie sich der getarnte Bunker jahrzehntelang den Neumühlern präsentierte. ©Nina Saam

Am Sonntag findet zum 25. Mal der Tag des Offenen Denkmals statt, an dem nicht immer zugängliche Bauwerke besichtigt werden können. In Neumühl werden Führungen durch den Tarnbunker aus dem Zweiten Weltkrieg angeboten.

Der Neumühler Wehrmachtsbunker an der Elsässer Straße hat eine bewegte Geschichte hinter sich: 1938 wurde er als einer von 16 Befestigungsbunkern rund um Neumühl errichtet und ein Jahr später mit einem Fachwerk-Tarnaufbau versehen. Er war Teil des Westwalls, der sich über 630 Kilometer an der Westgrenze des Deutschen Reichs erstreckte und aus über 18 000 Bunkern, Stollen und Panzergräben bestand. Heute ist vom Westwall kaum mehr etwas erhalten: In unserer Region sind außer in Neumühl laut Erich Nagel von der Interessengemeinschaft Tarnbunker Neumühl nur noch in Altenheim und Rastatt je ein intakter Bunker vorhanden.

Der Eckartsweierer Ortsvorsteher Erich Nagel war es auch, der maßgeblich daran beteiligt gewesen war, den Neumühler Westwallbunker wieder zugänglich zu machen. Jahrzehntelang schlummerte der Bunker, der nach dem Krieg mit Tonnen von Schutt und Beton verfüllt worden war, unter seiner Fachwerk-Tarnkappe vor sich hin. 2008 stellte der Grundstückseigner einen Antrag auf Abriss, dem das Denkmalamt trotz der Proteste geschichtsbewusster Bürger zustimmte. Der Tarnaufbau wurde abgerissen, vor den 1,50 Meter dicken Betonmauern des Bunkers musste der Bagger jedoch kapitulieren.  

Daraufhin regte sich im Historischen Verein der Wunsch, aus dem Bunker eine Erinnerungsstätte zu machen. Monatelang rückten Mitglieder, allen voran Erich Nagel, mit Presslufthammer und Pickel der Verfüllung zu Leibe. »Ich habe jeden Schuttbrocken bestimmt vier bis fünf Mal in der Hand gehabt«, berichtet er. Inzwischen sind die Räume sauber und begehbar. Ziel ist es, sie so weit wie möglich in den Originalzustand zurückzuversetzen. Dabei hilft Erich Nagel sein handwerkliches Geschick – und die Neumühler Bevölkerung. »Während der Arbeiten kamen immer wieder Leute zu uns und brachten Gegenstände, die aus dem Bunker stammten«, erzählt er. »So ist das halt auf dem Land, da überdauert so manches in den alten Häusern.« Auf diese Weise kamen einige der originalen Bettgestelle, Hocker und Klapptische zurück, eine Drahtschere, die zur Bunkerausrüstung gehörte, und sogar einer der Gasschränke, in dem die Soldaten im Ernstfall ihre mit Giftgas verseuchte Kleidung hätten lagern müssen – so weit ist es jedoch glücklicherweise nie gekommen. Auch der Kampfraum wurde als solches nie genutzt. »Die Soldaten waren ja im Gelände, nur im Gefahrenfall sollten sie sich in den Bunker zurückziehen«, so Erich Nagel. 

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Der Bunker besteht in wesentlichen aus zwei Räumen, dem Kampfraum und einem Schlafraum, die nicht miteinander verbunden sind. Dabei ging es reichlich beengt zu: Jedem der 18 Mann Besatzung standen gerade einmal 0,8 Quadratmeter zu. Erich Nagel hat zwei der Bettenhalter nachgebaut, weitere sollen folgen. Ein Problem ist, dass damals Zollgewinde verwendet wurden: »Da passt nichts, was man kaufen kann«, sagt er. »Zum Glück habe ich in meinem privaten Schraubenkabinett noch so einiges rumliegen.« 

»Fundzustand«
Im Gegensatz zum Altenheimer Bunker, der bei der Restaurierung in den Zustand versetzt wurde, wie er von den Soldaten genutzt wurde, soll beim Neumühler Bunker in Absprache mit dem Denkmalamt der »Fundzustand« konserviert werden. So sind an den Wänden Ruß- und Sprengspuren zu sehen, die davon zeugen, dass die Stahlblenden um die Schießscharten nach dem Krieg weggesprengt wurden. 

Es ist dem geschichtsinteressierten Landwirt ein persönliches Anliegen, das Bauwerk für die kommenden Generationen zu erhalten. Er ist selbst damit aufgewachsen: »Wir hatten auf einem unserer Grundstücke auch eine Bunkerruine«, sagt er. »Das war unser Abenteuerspielplatz, da haben wir die ersten Zigarettle geraucht.« Das geschichtliche Interesse kam erst später – und ist seitdem geblieben. Wichtig ist ihm, dass die Restauration unter der Ägide des Historischen Vereins und der Ortsverwaltung steht: »Als Privatmann hätte ich das nie gemacht. Da wird man schnell in die rechtsradikale Ecke gestellt«, sagt er. Für ihn ist der Bunker einfach ein erhaltenswertes Stück Zeitgeschichte der Region – das inzwischen aus Denkmalschutzgründen sowieso nicht mehr abgerissen werden darf: »Also machen wir etwas daraus«, so Erich Nagel.

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Tarnbau soll neu entstehen

Die Interessengemeinschaft Tarnbunker Neumühl möchte den Bunkertorso wieder mit einem Fachwerk-Tarnaufbau versehen. Im April hatte Friedrich Wein, Architekt aus Horb am Neckar und Mitglied der IG, im Neumühler Ortschaftsrat die Pläne für eine an den Originalzustand angelehnte Aufstockung des Bunkers vorgestellt. In zwei Obergeschossen sollen weitere Ausstellungsgegenstände und ein Besucher-WC untergebracht werden. Angedacht sind auch ein Vortrags- und ein Lagerraum. Für die Finanzierung werden noch weitere Sponsoren gesucht. 

Info

Tag des offenen Denkmals

Der Neumühler Bunker ist am Sonntag, 9. September, von 10 bis 16.30 Uhr geöffnet. Bei einem Rundgang wird Erich Nagel etwas über das Bauwerk, über die Wehrgeschichte und natürlich über die Funktion des Bunkers und die Lebensbedingungen der Soldaten erzählen – je nachdem, was die jeweiligen Besucher wünschen. Auch an eine Bewirtung ist gedacht, die die Vereinsgemeinschaft Neumühl übernehmen wird. 

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