Salon Voltaire

Professor Ulrich Eith über Gewalt in der Gesellschaft

Autor: 
Simona Ciubotaru
Lesezeit 3 Minuten
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22. Januar 2020

Professor Ulrich Eith. Vorne: Die Vorsitzende des Club Voltaire, Farideh Nowrousi. ©Simona Ciubotaru

 „Gewalt in unserer Gesellschaft“ war das Thema des Freiburger Politikprofessors Ulrich Eith im Salon Voltaire am Montag.

Angriffe auf Polizei, Feuerwehr, Rotes Kreuz, auf Politiker bei ihrer Amtsausübung, Hasstiraden und beleidigende, frontale Attacken in den sozialen Netzen werden immer hemmungsloser und aggressiver – das habe es in diesem Ausmaß vor zehn Jahren noch nicht gegeben, trug Eith vor.

Was läuft schief in unserer Gesellschaft und wie kann man dagegen steuern, das war die zentrale Frage, auf die der Politologe Antworten zu geben versuchte.

Niedrige Instinkte

„Wir sind aus sozialen Netzwerken gewöhnt, dass dort die niedrigen Instinkte ausgelebt werden“, sagte Eith. Inzwischen sei jedoch die Aggression aus der Anonymität herausgetreten, die Hemmschwelle gefallen. Gewalttätigkeit, ob physisch oder verbal, ziehe sich nun durch alle sozialen Schichten hindurch, die Gesellschaft radikalisiere sich überall in Europa.

In Deutschland seien jedoch nicht die Wirtschaftslage oder das Bruttoeinkommen entscheidend, ob rechtsradikales Gedankengut Fuß fasst und wuchert.

Gerade in Kreisen gut betuchter Leute, im baden-württembergischen Bildungsbürgertum würden diskriminierende, rassistische und chauvinistische Positionen inzwischen offen ausgedrückt. Das führe zu einer Spaltung der Gesellschaft.    

Wie entsteht Gewalt, welche Faktoren begünstigen die Enthemmung? An erster Stelle würde das subjektive Gefühl der Individuen aus allen sozialen Schichten stehen, so Eith. Je mehr man besitze, desto mehr habe man auch zu verlieren – sehr verschiedene Ängste werden von populistischen Politikern und Parteien manipuliert und benützt.

Das wäre vielleicht eine Erklärung der massiven Zunahme an Anhängern einer rechtsradikalen Partei wie der AfD, die große Erfolge registriert.

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„Nicht alle, die die AfD gewählt haben, sind auch rechtsradikal“, erklärte Eith.  Es seien mehrheitlich normale, ehrliche Bürger, die sich von den anderen Parteien mit ihren Sorgen und Ängsten allein gelassen fühlen – da hätten diese Parteien versagt.

Verunsicherung

Dieses Feeling werde von mehreren Faktoren beeinflusst und verstärkt: Verunsicherung durch diffuse Bedrohungen nach dem Ende des Ost-West-Konflikts (Terror, Migration, Klimaveränderung), Angst um den Arbeitsplatz durch Globalisierung, Energiewende und Digitalisierung.

Hinzu kämen die gesellschaftlichen Veränderungen durch Wertewandel, eine Verfestigung sozialer Ungleichheiten und das Gefühl des „Nicht-beachtet-Werdens“ durch die Regierungsparteien.   

Das starke Konkurrenzdenken und die Entsolidarisierung im Kapitalismus, die Gewöhnung an soziale Netzwerke und internetbasierte Kommunikation, die zunehmende Attraktivität von „starken Führern“ als „Lösung“ gegen Zukunftspessimismus und Demokratieskepsis würde viele Bürger dazu bringen, im populistischen Gedankengut eine „Rettung“ und ein Erfolgsmodell  zu sehen.

Das führe zur Gefährdung der Demokratie, die eine offene, pluralistische Gesellschaft voraussetzt, im Gegensatz zum rechtsradikalen Populismus mit seinem Bestreben nach einer geschlossenen Gesellschaftsform, die auf starren Traditionen und Riten basiert.

Seine Repräsentanten glaubten zu wissen, was der „Wille des Volkes“ sei, propagierten virulent Volksverschwörungstheorien und ein dichotomes Weltbild mit einer „Wir-Gruppe“ als Bezugspunkt.

Gegen diese Entwicklung in Richtung einer „illiberalen“ Demokratie, mit Wahlen und Mehrheitsentscheidungen ohne garantierten Rechtsstaat, ohne Minderheitenschutz und freie Presse, ohne unabhängige Justiz und einem ausgeprägten System politischer Kon­trolle und Gegenmacht seien Gegenstrategien notwendig.

Eith nannte dazu die Verschärfung der Rechtsrahmen, konsequentere Strafverfolgung, zivilgesellschaftliche Auseinandersetzungen, Regeln aufstellen und Grenzen setzen und eine fürsorglichere soziale Politik der Anerkennung, zudem die Wiederbelebung des politischen Dialogs, mit konfliktreichem diskursivem Streiten und der Reflexion des Demokratieverständnisses.

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