Geothermie bei Straßburg
Dossier: 

Stadt Kehl fasst ihre Erkenntnisse nach den Beben zusammen

Autor: 
Redaktion
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06. Dezember 2020
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Die durch die Geothermie-Bohrungen auf dem Areal der ehemaligen Raffinerie Reichstett/Vendenheim im Norden Straßburgs ausgelösten Erdstöße haben auch viele Bürger diesseits des Rheins aufgeschreckt. ©Hans Roser

Nach dem Erdbeben im Norden Straßburgs am Freitagmorgen fasst die Kehler Stadtverwaltung ihren Wissensstand zu den durch geothermische Prozesse ausgelösten jüngsten Beben zusammen.

Am Freitag, 4. Dezember, kam es um 6.59 Uhr zu einem Erbeben mit einer Stärke von 3,5 auf der Richterskala. Ein weiteres mit einer Stärke von 2,7 wurde um 11.10 Uhr registriert. Das Epizentrum des ersten Bebens lag laut einem Bericht der Zeitung „Dernières Nouvelles d’Alsace“ in vier Kilometer Tiefe unter der Gemeinde La Wantzenau, also in der Nähe der Geothermie-Anlage des Unternehmens Fonroche auf dem Areal der ehemaligen Raffinerie Reichstett/Vendenheim im Norden Straßburgs; das zweite ereignete sich wohl in fünf Kilometer Tiefe. Beide Erdstöße werden von Seismologen als von Menschen induziert eingestuft. Das erste Erdbeben vom Freitag war das stärkste, das seit Beginn der Geothermie-Aktivitäten im Ballungsraum Straßburg registriert wurde. Auch in Kehl, Rheinau und sogar noch weiter entfernt schreckten die Erschütterungen viele Bürger auf. Schon in den Wochen zuvor waren mehrere kleinere Erdstöße in dem Gebiet registriert worden.

Gemeinderäte sind informiert

Anlass genug für die Stadt Kehl, aus den ihr zugänglichen Quellen die Informationen über die jüngsten Erdbeben zusammenzufassen. „Weil schon die Erdstöße im November, vor allem aber die Beben am Freitag auch in Kehl Besorgnis ausgelöst haben, ist es mir wichtig, unseren Wissensstand mit der Bevölkerung zu teilen“, wird OB Toni Vetrano in einer Pressemitteilung vom Samstagabend zitiert. Er habe auch die Mitglieder des Gemeinderats entsprechend informiert.

Schon vor einem Jahr heftiges Beben

Bereits vor Jahresfrist, am 12. November 2019, war es nördlich von Straßburg zu einem ersten Erdbeben mit einer Stärke von 3,2 auf der Richterskala gekommen, das auch in Kehl spürbar war. Zwischen dem 28. Oktober und dem 11. November 2020 hat die Erde im Norden von Straßburg erneut mehrfach gebebt – laut Stadtverwaltung mindestens fünfmal. Gleich nach dem ersten Erdstoß hat das Unternehmen Fonroche eingeräumt, dass diese durch Aktivitäten auf dem Gelände der Geothermie-Zentrale ausgelöst worden sei.

Am 18. November hat sich der Direktor des Geothermie-Unternehmens Fonroche, Jean-Philippe Soulé, gegenüber Medienvertretern geäußert: Nach seiner Sicht der Dinge sei das Beben vom 12. November 2019 nicht durch den Betrieb der geothermischen Anlage ausgelöst worden. Ursache für die neuerlichen Erdstöße seien die am 1. Oktober 2020 begonnenen Tests gewesen, die dazu dienten, die Ursache für den Erdstoß im vergangenen Jahr zu finden. So sei der Erdstoß am 28. Oktober mit einer Stärke von 2,6 auf der Richterskala dadurch ausgelöst worden, dass die Injektionen gestoppt worden seien. Das Beben sei eine Reaktion gewesen, die man nicht erwartet habe, sagte Soulé gegenüber dem Fernsehsender France 3.

Danach habe man zum einen begonnen, die Ursache für das Beben zu suchen und zum anderen nach einem Verfahren zu forschen, um die Tests fortsetzen zu können. Nach Soulés Angaben wurde nur ein Sicherheitskreislauf (Stabilisierungszirkulation) in Gang gebracht, weil ein komplettes Einstellen der Injektionen seinen Aussagen zufolge weitere Erdstöße auslösen könnte.

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Kritik der EDS

Die EDS, also das Unternehmen, welches das Geothermie-Kraftwerk in Illkirch betreibt, hatte sich ebenfalls zu den Vorkommnissen geäußert und den Druck, mit dem das Wasser eingepresst wird, als zu hoch bezeichnet. In Illkirch arbeite man nur mit etwa dem halben Druck und stoße in deutlich geringere Tiefen vor. Fonroche arbeitet offensichtlich in Tiefen von bis zu 5000 Meter.

Vom Regierungspräsidium Freiburg wurde der Stadt Kehl am Freitag, 4. Dezember, eine E-Mail des Fonroche-Direktors Soulé von Freitagmorgen, 8 Uhr weitergeleitet. Demnach sind die Beben vom Freitag im Zusammenhang mit der Stabilisierungszirkulation aufgetreten, die mit 38 Kubikmeter pro Stunde und einem stabilen Druck von 61 bar betrieben worden sei. Weitere Beben seien möglich, bis die Stabilisierung eingetreten sei. Jetzt soll die Stabilisierungszirkulation ausschleichend bis zum Stillstand heruntergefahren werden: Am Freitagmorgen wurde die eingepresste Wassermenge bereits um 1,5 auf 36,5 Kubikmeter pro Stunde reduziert. Dieses Vorgehen sollte am Freitagmorgen noch genehmigt werden – das Herunterfahren geschehe sehr langsam, um das geothermische Reservoir nicht zu destabilisieren. 

Ein Monat bis Stillstand

Bis zum kompletten Stillstand werde etwa ein Monat vergehen, heißt es dazu ergänzend in einem Bericht der „Dernières Nouvelles d’Alsace“. Dort stellt Fonroche auch klar, dass dieser als Vorsichtsmaßnahme herbeigeführte Stillstand nicht bedeute, dass die Geothermie-Zentrale in Vendenheim aufgegeben werden soll.

Präfektin: Alle Aktivitäten sofort stoppen

Die Präfektin des Unter-Elsass, Josiane Chevalier, hat am Freitagnachmittag nach einer Abstimmung mit den Bürgermeistern der betroffenen Gemeinden im Umfeld der Geothermie-Zentrale und mit der Präsidentin der Eurométropole Strasbourg eine sofortige Einstellung der Aktivitäten auf dem Gelände gefordert. Per Pressemitteilung teilte sie zudem mit, dass die regionale Umweltbehörde noch am Freitagvormittag ein Spezialisten-Team auf das Gelände geschickt hat, um die Vorfälle zu untersuchen. Sie haben dort sämtliche wissenschaftlichen Erkenntnisse/Daten mitgenommen, um eine Analyse vornehmen zu können. Die Aktivitäten von Fonroche, die zu einem Stillstand führen sollen, werden laut Pressemitteilung von Experten beurteilt und von staatlichen Stellen täglich überwacht. Außerdem wird eine Untersuchung der Vorgänge durch die zuständigen Behörden eingeleitet.

Info

Info-Abend wird live übertragen

Am Freitag, 11. Dezember, soll eine Veranstaltung live ins Internet übertragen werden, an der Vertreter von Fonroche, staatlicher Behörden und unabhängige Experten teilnehmen. Diese Veranstaltung war bereits vorgesehen, bevor sich die jüngsten Erdbeben am Freitag ereignet hatten. Die VEranstaltung soll um 19 Uhr beginnen.

Hintergrund

Landrat sieht Abstimmungsbedarf

Unterdessen hat sich auch der Landrat des Ortenaukreises und Präsident des Eurodistriktrates, Frank Scherer, in die Debatte um die Risiken der Nutzung der Geothermie diesseits und jenseits des Rheins eingeschaltet. 

Bekanntlich hatte der Eurodistriktrat das Thema bereits vergangene Woche bei seiner Vollversammlung in Offenburg diskutiert. „Die Menschen im Eurodistrikt stellen sich zu Recht die Frage nach Absicherung und Entschädigung und haben einen Bedarf an transparenter Aufklärung zu diesem Thema“, wird Scherer in einer Pressemitteilung zitiert.

Um diesem Bedarf auch politisch Nachdruck zu verleihen, werden sich Scherer und Vizepräsidentin Jeanne Barseghian mit der Bitte um Information und grenzüberschreitender Abstimmung mit einem gemeinsamen Schrei­ben an die Präfektur Bas-Rhin und das Regierungspräsidium Freiburg wenden, heißt es weiter.

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