Kehl

»Unsere Forscher«: Carsten Schradin ist Ökophysiologe

Autor: 
Nina Saam
Lesezeit 3 Minuten
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08. Januar 2016

Verhaltensforscher Carsten Schradin ist Dozent an der Hector Kinder Akademie. Er vergleicht Konflikte und Kooperation in Tier- und Menschenfamilien. ©Nina Saam

Der Kehler Carsten Schradin arbeitet als Verhaltensforscher und Ökophysiologe in Straßburg. »Variabilität und Flexibilität gibt es auch bei den Ortenauern«, hat er herausgefunden.

Carsten Schradin ist auf die Maus gekommen. Ursprünglich hat der aus Filderstadt bei Stuttgart stammende Biologe für seine Doktorarbeit über väterliches Verhalten Affen ins Visier genommen, doch Freiland-Forschungen an des Menschen genetisch nächsten Verwandten sind häufig nicht sehr aussagekräftig, da meist nur eine einzelne Gruppe untersucht werden kann. Also suchte er nach einem Tier, das ebenfalls durch väterliche Fürsorge auffällt und einfacher zu  beobachten ist. Er stieß in einer älteren Publikation auf die in Südafrika beheimatete Striemengrasmaus. 

Fasziniert von Nagern
Mit Sack und Pack zog der junge Forscher 2001 in das Naturreservat Goegap im Südwesten Südafrikas – und ist, fasziniert von seinem Studienobjekt, bis heute Leiter der Forschungsstation. »Striemengrasmäuse weisen wie Menschen eine hohe soziale Flexibilität auf«, sagt Carsten Schradin. »Vom Sozialverhalten her sind sie damit näher am Menschen als Affen, die in festgefügten Sozialsystemen zusammenleben.« Die südafrikanischen Nager kennen wie der Mensch verschiedene Lebensformen, leben mal monogam, mal polygam, in Großfamilien oder alleinerziehend. »Jede Mäusegeneration muss mit anderen Gegebenheiten zurechtkommen«, erläutert er. Gleichzeitig verfügen die Mäuse über eine hohe physiologische Flexibilität, indem sie beispielsweise bei großer Hitze und Trockenheit ihren Stoffwechsel runterfahren. Die Langzeitstudien in den extremen klimatischen Bedingungen der Halbwüste liefern wertvolle Aufschlüsse über die evolutionäre Entwicklung – auch für die Zukunft: Dank des Klimawandels werden Dürren weltweit zunehmen. München, Zürich, Südafrika und nun Straßburg: Carsten Schradin forscht seit 2012 im Bereich Evolutionäre Ökophysiologe am Institut Pluridisciplinaire Hubert Curien, einer Einrichtung des CNRS (Centre National de la Recherche Scientifique). Seine Freiland-Mäuse besucht er noch zweimal im Jahr – jeweils in den Schulferien, da monatelange Aufenthalte im südafrikanischen Nirgendwo mit zwei Schulkindern nicht mehr zu bewerkstelligen sind. Der Kehler sieht sich aber nicht nur als Forscher, sondern auch als Mentor junger Wissenschaftler. »Ich nehme das Wort Wissenschaft wörtlich«, sagt er. »Wir schaffen Wissen, und meine Aufgabe ist es auch junge Kollegen zu fördern und für gute Publikationen zu sorgen.« Oder ältere zu erschüttern. Er hat festgestellt, dass es in manchen Fachjournalen von nicht bewiesenen Annahmen nur so wimmelt. »Über die ›sexy‹ Tierarten – Löwe, Elefant und so weiter – wissen wir relativ gut Bescheid. Doch bei den ›unscheinbaren‹ Arten wird vieles nur angenommen, da Feldstudien sehr aufwendig sind«, weiß er. Deshalb vergleicht er Studien zu Sozialsystemen bei Säugern, die oft zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. »Die Variabilität ist bei Säugetieren größer als wir denken«, hat er herausgefunden. »Vielleicht müssen wir die evolutionäre Theorie vom Sozialverhalten überdenken.« Sein Ziel: Eine Datenbank, die über die soziale Flexibilität jeder Säugetierart Aufschluss gibt.

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Grzimek-Fan

Carsten Schradin wusste schon als Grundschüler, dass er Verhaltensforscher werden wollte – inspiriert durch die Sendungen des Tiermediziners und Verhaltensforschers Bernhard Grzimek. Seine  Begeisterung gibt er inzwischen als Dozent der Hector Kinder Akademie selbst weiter. Er vergleicht Konflikte und Kooperation in Tier- und Menschenfamilien. Der 43-Jährige lebt gerne in Kehl, ist aber auch froh, das Angebot einer großen Metropole gleich nebenan zu haben. Nicht nachvollziehen kann er, dass es Kehler gibt, die noch nie in Straßburg waren: »Für manche ist Offenburg die Metropole«, sagt er kopfschüttelnd, »aber Variabilität und Flexibilität gibt es eben auch bei den Ortenauern.«

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