Kehl

Vollblutjazzer in der Jazz-Cantine

Autor: 
Gerd Birsner
Lesezeit 5 Minuten
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14. Februar 2020

Insonga, das sind Claude Bähr (Saxophon) und sein Sohn Jonas an der Gitarre, dazu der Kontrabassist Nicolas Dreyfus und Schlagzeuger Clément Martin (von rechts). ©Gerd Birsner

Die Straßburger Jazzer Insonga spielten am Donnerstag im Rahmen der Jazz-Cantine-Reihe im Café Restaurant am Yachthafen auf und begeisterten die Zuhörer.

Insonga? Wer das googelt, findet Mädchen, die so heißen, ein afrikanisches Restaurant in Leipzig – oder man stößt auf einen Fußballclub in Kigali, der Hauptstadt von Ruanda, mit einem hauseigenen Stadion, in das gerade mal 1000 Zuschauer reinpassen.

So viele passen nicht in das Café Restaurant im Yachthafen, in dessen drangvoller Enge jeden zweiten Donnerstag im Monat ein paar Tische zur Seite geräumt werden, um Platz zu schaffen für die heimische Jazzmusikerszene beidseits des Rheins. Voll ist es da allemal, zumal der „Jazz-Cantinen-Papa“ Gunnar Sommer von Anfang an bereits ein gutes Händchen in der Auswahl der Jazz-Cantinen-Künstler gehabt und so die Reihe im Kehler Kulturhimmel mehr als etablieren konnte.

Diesmal hatte er dieses Händchen mal wieder über den Rhein ausgestreckt, und so stehen vier Straßburger Vollblut-Jazzer vor den Yachthafen-Fensterscheiben.

Father and son – Papa und Sohn: Claude Bähr, der sechzigjährige Saxophoner und sein Filius Jonas. Letzterer hatte sich allerdings nicht in die Fußstapfen von Papa begeben. Er findet sich wieder an der fetzig aussehenden Ibanez-Jazz-Gitarre, aus der er überzeugende und Respekt verschaffende Töne zaubert (– das saxophoneseke Erbe von Papa Claude hatte er übrigens seiner Schwester überlassen). 

Zwei Generationen also –auch der rundbebrillte Clément Martin, der stolz darauf ist, dass er sein kleines, aber feines Set sogar im TGV nach Paris mitnehmen kann, ist bereits im reiferen Alter. 

Der ist kein Reinhauer, eher ein trommelnder Leisetreter, ein unauffälliger, immer sachdienlich spielender Zuhörer, der auf die feinen Nuancen seiner Band hört und unaufdringlich darauf reagiert.  Und wenn  er wie vor der Pause bei der Stevie-Wonder-Nummer „Isn‘t she lovely“ zum Solo ansetzt, zeigt er, dass er es drauf hat. Und wie. 

Das ist aber auch fast schon die einzige Nummer, die das vielschichtige, gewiefte Jazz-Cantinen-Publikum mits(w)ingen könnte. Isonga hat sich den weniger bekannten, aber doch äußerst melodiösen Jazz-, Jazzrock- und Blues-Nummern verschrieben. 

Pragmatische Basslinien

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Mit „Optimum Propensity“, ein Titel aus der Feder  von Jerry Bergonzi, zeigen die vier Straßburger Jazzer, die Auftrittsmöglichkeiten wie die in der Jazz-Cantine im großen Straßburg  vermissen, gleich mal auf, wo es diesen Abend langgeht: Nicolas Dreyfus zupft pragmatisch und sensibel schnurrende, messerscharf hüpfende Basslinien, die sich gewaschen haben, und zusammen mit dem Rhythmus des Schlagzeugs das Fundament legen zu den Soli von „Papa Sax“ und „Sohn Slowhand“, bei dessen fulminanten Gitarrensoli man fast Angst haben muss, dass er sich Knoten auf seine Finger spielt. Chapeau!

Es sechzehntelt und tirolelet in einem überschnellen Affenzahntempo. Aber nicht nur auf dem Gitarrenbrett. Bei Sam‘s Blues zum Beispiel läuft Papa Claude Bähr zur Hochform auf, er schmeißt seinem Filius an der Gitarre mächtige Melodiebrocken hin, die der mit einer Leichtigkeit erwidert, die kundige Gitarristenmünder offen stehen lässt. 

Es wechselt hin und her zwischen Papa und Sohn, es wird rasend schnell, fast atemlos, um dann wieder mit Feeling unisono in Formel-Eins-Geschwindigkeit auf der Ziellinie des Songs das Thema zu intonieren. Und wenn Papa Claude dann wie bei der Stevie-Wonder-Nummer Sopran-Saxophon und Solo-Part in die Hand nimmt, wird es butterweich und wir erliegen dem tonalen Ansatz-Schmelz des bärigen Sechzigjährigen, dessen Ton auch tatsächlich an die Saxophonisten der guten alten Sechziger Jahre erinnern. 

Die vier Straßburger Musiker haben sich also dem Jazz und dem Blues verschworen. Ihr Ansinnen ist, weit weg von den ohrwurmingen Standards, die man kennt, zu jazzen und zu bluesen. Und in der Tat lassen die vier den oft gehörten A-Train zu Hause, geben Watermelon Man an diesem Abend frei und  skandieren nicht „I did it my way“ – also jene Standards, die an solchen Abenden selten ausgelassen wurden. Gut so.

Es ist dabei in höchstem Maße erstaunlich, wie leise so eine E-Gitarre werden kann, wenn Jonas seinem Nebenmann Nicolas bei dessen ausgefuchsten Soli auf seinem „Brennbaren“ – sprich Kontrabass  – austobt. Und wenn dann noch Schlagzeuger Clément auf seinen Trommeln dazu fast schon mucksmäuselt, dann spürt man erst so richtig die Urkraft der einzelnen Töne seiner Bass-Soli. Und falls es Jonas einfällt, auf der Gitarre zu solieren, passiert genau dasselbe.

Man lässt sich also gegenseitig Raum, man zeigt nicht von A bis Z, was man so drauf hat, sondern lässt sein absolutes Können nur dann aufblitzen, wenn Platz gegeben ist,  sich und seine Virtuosität auszubreiten.

Zugegeben, es ist bestimmt nicht einfach, auf den wenigen Quadratmetern sich auszubreiten, so dass das Jazz-Quartett wenig Blickkontakt zu sich selbst aufnehmen kann. Das, was aber rüberkommt, ist eine musikalische Einheit auf hohem Niveau, das eben keine Gassenhauer braucht, um dem Publikum ein bewunderndes „Aah“ hervorzulocken.

Und so wird mit fulminanter Energie, kurvenreichen Melodielinien, einem stimmungsvollen, individuellen Sound und ausgefuchsten melodischen Ideen und lauthals leisen Tönen ein toller „Insonga“-Jazz-Abend gestaltet – „Buddha-Pop“-Zugabe inbegriffen. 

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