Willstätt

Vor 60 Jahren: Letztes Pferderennen auf Willstätter Langmatt

Autor: 
Nina Saam
Lesezeit 4 Minuten
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13. Juli 2018

(Bild 1/2) Egal ob Hindernisrennen (Foto) oder Trabrennen: Die Tribünen entlang der Rennstrecke des »Hanauer Landwirtschaftlichen Rennvereins Willstätt« auf den Langmatt-Wiesen waren immer dicht mit Zuschauern belegt. ©Archiv Gemeinde Willstätt

Die Willstätter Pferderennen waren einst ein gesellschaftliches Ereignis, zu dem aus dem ganzen Hanauerland die Besucher herbeiströmten. Die Kinzig-Regulierung setzte dem traditionsreichen Renngeschehen heute vor exakt 60 Jahren ein Ende. 

Sieglinde und Olga, Nordstern und Edeltraud hießen ein paar der Pferde, die am 13. Juli 1958 auf den Langmatt-Wiesen in Willstätt gegeneinander antraten. Es sollte das letzte Willstätter Pferderennen sein. 

Das gesellschaftliche Groß­ereignis im Dorf

Jahrzehntelang war das Pferderennen das gesellschaftliche Groß­ereignis im Dorf. Sonntags fanden die Pferderennen verschiedener Kategorien mit Wetteinsatz statt; der Montag diente der »Volksbelustigung«, wie es hieß. »Ich bin auf der 100-Meter-Bahn gelaufen«, erinnert sich Willstätts Schuhmacher Gerhard Schlenz (79). Aber auch im Sackhüpfen, in Box- und Ringkämpfen oder dem Reiten ohne Sattel maß sich die Jugend des Hanauerlandes, bevor es zum Kehraus-Tanz ins Festzelt ging.

Anfangs nur selbst gezüchtete Pferde badischer Landwirte

Ins Leben gerufen wurde das Willstätter Pferderennen anno 1890 von dem im selben Jahr gegründeten »Hanauer Landwirtschaftlichen Rennverein Willstätt«. Anfangs durften nur selbst gezüchtete Pferde badischer Landwirte teilnehmen. Später waren auch linksrheinisch geborene Tiere startberechtigt. Mit den edlen Vierbeinern aus Elsass-Lothringen kamen auch vermehrt Reiter und Besucher von der anderen Rheinseite auf die Rennwiesen nahe der Kinzig. Das Offizierskorps des Blauen Regiments No. 15 der Garnison Straßburg wurde 1893 von den weiblichen Gästen inoffiziell zu den schneidigsten Reitern der deutschen Armee gekürt – so will es jedenfalls die Überlieferung. 

Sogar Herzog Ludwig von Bayern schickte ein Pferd

1904 startete sogar ein Pferd seiner Königlichen Hoheit Herzog Ludwig von Bayern im Hanauer Jagdrennen. Seit 1906 waren auch Wetten auf den Rennausgang erlaubt, was die Beliebtheit steigerte und Geld in die Vereinskasse spülte.

Im Ersten Weltkrieg lag das Renngeschehen brach. Erst in den 1920er-Jahren fanden wieder Rennen statt. Um die Attraktivität zu steigern, ließ man sich immer wieder etwas Neues einfallen. Mal war es ein bunter Trachtenzug, bei dem prachtvoll geschmückte Wagen und Gespanne an den Preisrichtern vorbei defilierten, mal wurde ein Kunstflieger engagiert, der die Besucher zwischen den Rennen unterhielt. 

1925 über 10 000 Besucher

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Auch die mittlerweile integrierte Zuchtpferdeschau mit Prämierung zog immer mehr Zuschauer an. 1925 wurden über 10 000 Besucher registriert, wovon natürlich auch das Dorf Willstätt profitierte, das damals 1330 Einwohner zählte. Gastwirte, Handwerker und Kaufleute hatten an den Renntagen einen guten Umsatz, weshalb sie das Fest auch gerne sponserten. 

Bürgermeister stifteten die Preise

Die Preise wurden zumeist von den Bürgermeistern der umliegenden Orte gestiftet, die sich das gesellschaftliche Groß­ereignis natürlich nicht entgehen ließen. Die meisten waren ohnehin Mitglied im Willstätter Rennverein. Der schillerndste Mäzen der Pferderennen war in dieser Zeit der Korker Essigfabrikant Ernst Kiefer, der sein Geld mit Alkoholschmuggel machte und 1929 den Freitod wählte, als seine Machenschaften ruchbar wurden. 

Nach 1933 beherrschten wieder Uniformen das Bild, als Offiziere der Wehrmacht, der SA und der SS an den Rennen teilnahmen. Im Zweiten Weltkrieg mussten Rosse und Reiter an die Front, das Hufgetrappel auf der Langmatt verstummte.

Sägewerk-Arbeiter bauten Tribünen auf

Sechs Jahre nach Kriegsende wurde die Tradition der Willstätter Pferderennen wiederbelebt. »Das war im Vorfeld immer viel Arbeit«, so Gerhard Schlenz. »Die Arbeiter vom Sägewerk Fehrenbach haben frei bekommen, um die Tribünen und die Banden aufzubauen.« Er selbst war mit anderen Jungs unterwegs, um die Programmhefte für 30 Pfennig das Stück unters Volk zu bringen. Rund 8000 Zuschauer fanden sich am 15. Juli 1951 auf der Langmatt ein, um das Spektakel zu verfolgen. Zwischen den Rennen fanden Modeschauen statt, wo Nachkriegsdeutschland zeigen konnte, was so im Kleiderschrank hängt.

Kinzig überflutete oft die Rennwiese

Ende der 1950er-Jahre waren die Tage der Willstätter Pferderennen gezählt. Dass seit 1890 nur 46 Pferderennen stattfinden konnten, war nicht nur den Kriegsereignissen geschuldet. So manches Rennen war buchstäblich ins Wasser gefallen, weil die Kinzig die Rennwiesen geflutet hatte. Auch im Dorf hatte man dann nasse Füße bekommen. Um die Hochwassergefahr zu bannen, wurde die Kinzig in ein neues Bett verlegt – das geradewegs mitten durch den Rennplatz führte. 

Letztes Rennen am 13. Juli 1958

Am 13. Juli 1958 galoppierten die letzten Pferde über die Langmatt-Wiesen. »Die Brücke stand schon auf der Wiese, und das Rennen führte drumherum«, erinnert sich Gerhard Schlenz. Im Jahr darauf floss die Kinzig in ihrem neu geschaffenen Bett unter der Brücke hindurch – und die Willstätter Pferderennen waren Geschichte. Auf eine Neuauflage der Rennen an einem anderen Platz wurde verzichtet – auch weil es um die Finanzen des Vereins schlecht bestellt war und der Verein sich schließlich auflöste. 

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