Kehl
Dossier: 

"Vorzügliche Verkehrsverbindungen"

Autor: 
Klaus Körnich
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24. November 2011
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Foto: Stadtarchiv Kehl - Der Traum von der Tram im Minutentakt: Das große Foto zeigt eine Juxpostkarte, die den Zwei-Minuten-Takt für die Straßenbahn über den Rhein fordert.

Foto: Stadtarchiv Kehl - Der Traum von der Tram im Minutentakt: Das große Foto zeigt eine Juxpostkarte, die den Zwei-Minuten-Takt für die Straßenbahn über den Rhein fordert.

Was bei der Diskussion um eine Weiterführung der Tram gerne vergessen wird: Es gab schon einmal eine Straßenbahn-Verbindung von Straßburg nach Kehl. Ausgang des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts galten die Verkehrs-Verbindungen über den Rhein als - vorzüglich - , wie es in einem zeitgenössischen Buch heißt.

Die Initiative für die Straßenbahn über den Rhein war im 19. Jahrhundert von Straßburg ausgegangen, das nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 zur Metropole des unter direkter Verwaltung des deutschen Kaisers stehenden Reichslands Elsass-Lothringen ausgebaut wurde. Obwohl Kehl und Straßburg damals zu Deutschland gehörten, dauerte es jedoch 26 Jahre von den ersten überlegungen bis zur Einweihung der Tramlinie über den Rhein. Grund waren jahrelange Streitigkeiten über Bau und Finanzierung einer festen Brücke über den Rhein.

Am 1. Januar 1898 passierte die erste dampfbetriebene Straßenbahn die neue Brücke, die auch von Fußgängern und Kutschen benutzt wurde. Die Stadt Kehl beteiligte sich nicht an der Finanzierung. Geldgeber waren Straßburg, die Straßburger Straßenbahngesellschaft und die Länder Baden und Elsass-Lothringen. Die Strecke in Kehl führte durch die Hauptstraße bis zum Gasthaus "Zum Rehfus" (heute Polizei).

Verkehrsknotenpunkt Kehl

Mit der neuen Verbindung über den Rhein wurde Kehl zum Verkehrsknotenpunkt: Am 1. April 1898 nahm die Straßburger Straßenbahngesellschaft die Strecke Kehl-Ottenheim in Betrieb. Wer mit der elektrischen Straßenbahn von Straßburg nach Kehl kam, konnte hier in die Lokalbahn nach Ottenheim umsteigen - oder nach Bühl. Bereits 1892 hatte die Straßenbahngesellschaft nämlich die dampfbetriebene Trambahnlinie Kehl-Lichtenau-Bühl eröffnet. Großherzog Friedrich I. nahm am 4. Januar 1892 an der Einweihungsfahrt der Bühler Linie teil.

Auf Straßburger Seite war die erste Straßenbahnstrecke bereits 1878 eingeweiht worden. Betreiber war die Straßburger Pferde-Eisenbahn-Gesellschaft (ab 1888 Straßburger Straßenbahngesellschaft). Die Bahn fuhr zunächst als Pferdebahn durch die Innenstadt von Straßburg. Im Zuge des Baus der neuen Brücke wurde die Bahn quer durch die Stadt Kehl entlang der Hauptstraße bis zum Dorf Kehl (Haltestelle -Zum Rehfus«) elektrifiziert. Dagegen wehrten sich etliche Kehler, weil ihre Häuser zum Befestigen der Oberleitungen dienen sollten. Nachdem die Straßenbahngesellschaft Schmerzensgelder bezahlt hatte, nahm am 14. März 1898 die elektrische Tram ihren Betrieb auf.

Straßenbahnen bis Mitternacht

Der Ausbau der Straßenbahn ging bis zum Ersten Weltkrieg weiter: So wurde 1908 nahe des Kehler Staatsbahnhofs eine Wartehalle mit Toilettenanlage - der so genannte Nebenbahnhof - gebaut und bei der Villa Schmidt einstand ein zentrales Lokalbahndepot. Außerdem errichtete die Straßenbahngesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine direkte Verbindung zum Hafen. Wegen der stetig steigenden Zahl an Fahrgästen und einer enormen Nachfrage nach Gütertransporten stimmte vor 100 Jahren, also 1911, der Kehler Gemeinderat einem zweiten Gleis durch die Hauptstraße zu. Das Vorhaben wurde aber wegen des Krieges nie umgesetzt.

Die Zahl der Straßenbahnen, die den Rhein überquerten, war beachtlich. 1914 verkehrte die Straßenbahn zwischen den Innenstädten Kehls und Straßburg im Zehn-Minuten-Takt. Von 6 Uhr morgens bis Mitternacht brachte sie Arbeiter, Geschäftsleute, Schüler, Studenten und Kunden in die elsässische Hauptstadt und zurück. "Die Verkehrs-Verbindungen mit dem nahen Straßburg sind vorzügliche", stand im Adressbuch der Gesamtgemeinde Kehl von 1914 schwärmerisch.

Der Erste Weltkrieg stoppte abrupt den Straßenbahnausbau auf beiden Seiten des Rheins. Nachdem Deutschland den Krieg verloren hatte und Straßburg wieder französisch geworden war, wurde die Straßburger Straßenbahngesellschaft in die heute noch bestehende Compagnie des Transport Strasbourgeois (CTS) umgewandelt. Die rechtsrheinischen Strecken wurden 1923 in die Verwaltung des Landes Baden-Württemberg übernommen. Die Straßenbahnverbindung über den Rhein ist bis heute nicht mehr aufgenommen worden.

Quelle: "Im Zeichen der Vereinigung - Kehl im deutschen Kaiserreich", herausgegeben von der Stadt Kehl

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