Kehl

War Carl Johann Rehfus-Oberländer ein Rassist?

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21. Januar 2015

(Bild 1/3) Carl Johann Rehfus-Oberländer (1855 bis 1926), Chef der Kehler Hutfabrik, war ein leidenschaftlicher Jäger und Schriftsteller. Nach ihm ist... ©Stadtarchiv

Die Oberländerstraße könnte künftig für Gesprächsstoff in Kehl sorgen. Grund sind zwei Veröffentlichungen des früheren »Stern«-Reporters Werner Schmitz, der dem Kehler Unternehmer Carl Johann Rehfus-Oberländer (1855 bis 1926) Rassismus vorwirft.

Herausgeber und Autor Werner Schmitz fragt in seinem 2014 erschienen Buch »Auf Safari«: »Ob die braven Bürger von Kehl wissen, wen sie da verehren? Hoffentlich nicht.« Am 7. Januar legt Schmitz im Internet nach. Er wiederholt dort seinen Buchbeitrag unter der Überschrift »Kehler Ehrung für Rassisten«.

Gemeint ist Carl Johann Rehfus-Oberländer, ein Mitglied der bekannten Rehfus-Familie. Nach ihr ist der Rehfusplatz in der Kahllach benannt. Dort befand sich von 1867 bis 1963 die Hutfabrik Rehfus & Cie., die in ihren guten Zeiten 170 Kehlern Arbeit und Brot gab. »Sie schafften dort gerne, denn das Betriebsklima war gut und familiär,« schreiben Werner Liegibel und Rolf Kruse in den »Kehler Familiengeschichten«, Band 1, erschienen 2004. Die Leiter der Fabrik, von 1880 bis 1926 eben jener Carl Johann Rehfus-Oberländer, fühlten »sich nicht abgehoben einer besseren Schicht zugehörig«, sondern sahen sich »als Mitarbeiter unter Mitarbeitern«, heißt es dort weiter.

Ihrer Zeit voraus
Die Familie Rehfus war ihrer Zeit voraus. 1783 hatte der Verleger Johann Gottlieb Müller, ursprünglich Bärstecher mit Namen, wenige Jahre nach seinem Konkurs Maria Magdalena Rehfus, Tochter des begüterten »Adler«-Wirts, geheiratet. Müller arbeitete damals mit Beaumarchais zusammen, der in Kehl die Schriften Voltaires herausgab. Dank dem Rehfus’schen Kapital expandierten Müllers Verlage. In Kehl erschien ab 1785 das »Wissenschaftliche Magazin der Aufklärung«.

Sehr wahrscheinlich wurden Müllers Schriften auch in den Rehfus-Familien gelesen und geschätzt. Das republikanische Gedankengut der Schriften galt als revolutionär. Nach der Niederschlagung der Badischen Revolution 1849 ermittelten die Behörden deshalb gegen einen Johannes Carl Rehfus wegen Verbreitung »aufrührerischer« Schriften. Schon dessen Onkel Wilhelm Ferdinand Rehfus hatte sich bei der Obrigkeit unbeliebt gemacht; in seinem Gasthaus gingen Demokraten ein und aus.

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Sohn des »aufrührerischen« Johannes Carl war Carl Johann, nach dem die Oberländerstraße benannt ist. Auch ihm scheint »Aufruhr« nicht fremd gewesen zu sein. 1879 erschien in Kehl die erste Ausgabe des »Rheinboten«, ein demokratisches Wochenblatt, aus dem später der »Volksfreund« hervorging, ab 1904 Presse-organ der SPD. Am »Rhein-boten« war ein Fabrikant »Karl Rehfus« (»Die Ortenau« 1989, Seite 508) beteiligt. Wir wissen allerdings nicht: War es Vater Johannes Carl oder sein Sohn Carl Johann, also der Rehfus-Oberländer? Aber eines ist schon klar: Nicht alle Kehler waren (und sind) brav.

Nun wirft Schmitz »unserem« Rehfus-Oberländer nicht seine demokratische Gesinnung, sondern Rassismus vor. Rehfus hat 1903 das Buch »Eine Jagdfahrt nach Ostafrika« herausgegeben. Darin veröffentlicht er Aufzeichnungen eines Elefantenjägers namens August Knochenhauer. Erheblich mehr Seiten stammen allerdings aus seiner Feder, und darin lässt er seinen Gedanken über die einheimische Bevölkerung in Deutsch-Ostafrika, eine der letzten deutschen Kolonien, freien Lauf.

Diese Gedanken sind, vorsichtig formuliert, nicht auf der Höhe unserer Zeit, manches klingt abscheulich. Wer sich ein Bild machen will: »Eine Jagdfahrt nach Ostafrika« kann kostenlos vollständig bei Google Books heruntergeladen werden. Wer beurteilen will, ob die Kehler sich ihrer Oberländerstraße schämen müssen oder nicht, braucht also das Buch »Auf Safari« nicht zu kaufen oder zu lesen.

Straßennamen Thema
Die Frage »Ob die braven Bürger von Kehl wissen, wen sie da verehren?« und die Antwort »Hoffentlich nicht« ist mithin kein echter »Aufreger«, sondern ein geschickter »Aufmacher«, mit dem Werner Schmitz für sein Buch werben will.

Im Übrigen möge er die Kehler nicht für dumm verkaufen, sie können lesen. Schmitz’ Hoffnung, sie würden nicht erfahren, »wen sie da verehren«, ist unbegründet. Auch im Kehler Rathaus hat es sich herumgesprochen, wer Carl Johann Rehfus-Oberländer war. Nach Auskunft von Annette Lipowsky, Pressesprecherin der Stadt, soll der Komplex »Straßennamen«  dem Gemeinderat als ein Gesamtpaket vorgelegt werden.

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