Hilfe für Kenia

Willstätt: Verein „Kifafa“ will Waisenhaus neu ausrichten

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29. Oktober 2020

Die vom Willstätter Verein „Kifafa“ betreuten Kinder im Waisenhaus in Kendu Bay am Victoriasee waren vor Corona froher Dinge. Doch im März mussten die meisten von ihnen wegen der Pandemie das Waisenhaus verlassen. ©Verein "Kifafa"

Die Wirtschaftskrise und die Corona-Epidemie in Kenia erschweren auch die Arbeit des Willstätter Vereins „Kifafa“, der sich vor Ort um epilepsiekranke Kinder und Aids-Waisen kümmert.

Seit über 25 Jahren kümmert sich der Verein „Kifafa“ in Kenia um epilepsiekranke Kinder und Jugendliche und Aids-Waisen. Leicht waren die Umstände, unter denen die Vereinsverantwortlichen vor Ort Hilfe leisten, wohl noch nie. Zwar ist die politische Lage nach den jüngsten Machtkämpfen derzeit einigermaßen stabil; dafür machen der Konjunkturabschwung, der den Wirtschafts-Boom der vergangenen fünf Jahre abrupt beendet hat, die Auswirkungen des Klimawandels (Dürreperioden und heftige Regenfälle), Korruption und eine Anfang 2020 einsetzende Heuschreckenplage den Menschen im Land zu schaffen. Arbeitslosigkeit, Hunger und Elend (vor allem in den Slums der Hauptstadt Nairobi) haben enorm zugenommen. 

Waisenhaus geschlossen

In diesem Jahr kamen auch noch die Folgen der Corona-Pandemie hinzu. Die Schulen im Land sind bis auf einzelne Klassen landesweit geschlossen. Auch musste das Waisenhaus in Kendu Bay am Victoriasee, das der Verein 2007 eröffnete, auf Anordnung der kenianischen Regierung im März schließen. Alle Kinder, bis auf eins, mussten zu ihren Verwandten, Großmüttern und Eltern ziehen. Sie wurden unter dem Jahr von „Kifafa“ mit regelmäßigen Maislieferungen und Hygiene-Artikeln versorgt. Drei Kinder durften inzwischen wieder zurück ins Waisenhaus. Wann das Waisenhaus den Normalbetrieb wieder aufnehmen kann, ist derzeit nicht absehbar.

Krise bringt neue Erkenntnisse

Die Krisensituation habe jedoch auch neue Erkenntnisse gebracht, berichtete Vorsitzender Joachim Eiberle auf der jüngsten Hauptversammlung. So waren alle Mädchen alles in allem bei ihren Verwandten gut und sicher untergebracht und betreut. „Dies erscheint uns Anlass, unser Konzept des Waisenhauses reflektiert zu diskutieren“, so Eiberle. Dies soll im Rahmen in einer Vorstandsklausur geschehen.

Ziel ist eine konzeptionelle Neuausrichtung der Arbeit des Vereins. Die Hilfsangebote für die Kinder und deren Familien sollen effektiver ausgerichtet werden. Das Waisenhaus soll zu einem „Sozialen Zentrum“ mit vielfältigeren Hilfsangeboten entwickelt werden.

Guter Start fürs Trainings-Center

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Gut angelassen hat sich das Trainings-Center im Waisenhaus. Hier werden junge Frauen und alleinerziehende Mütter im Nähen, Schneidern und Körbe flechten unterrichtet. Sie können von zu Hause aus arbeiten und ihren Lebensunterhalt verdienen. Die Schließung des Waisenhauses wegen der Corona-Pandemie beendete jedoch diese Aktivitäten.

Immer mehr Selbstversorgung

Durch den Kauf weiterer Grundstücke ist das Waisenhaus immer besser in der Lage, sich und die dort lebenden Menschen selbst zu versorgen. Die Produktion eigener Lebensmittel wie Gemüse, Papaya, Avocado und Tomaten und die Haltung von rund 70 Hühner und Enten, die Eier und Fleisch liefern haben die Ausgaben für Lebensmittel seit 2019 stark reduziert. Zudem werden im Waisenhaus sechs Kühe und zehn Schafe sowie zwei Ziegen gehalten.

Ein weiteres wichtiges Thema war der Streit um den Mindestlohn, berichtet Eiberle. Eine solche Regelung gibt es in Kenia zwar bereits seit 2007. Doch erst seit Mitte 2019 wird diese Regelung jedoch durch den Staat strenger kontrolliert. Bei Nichtbeachtung drohen sogar Gefängnisstrafen.

Im Waisenhaus herrschte die Sorge vor, dass „Kifafa“ den Mindestlohn nicht bezahlen könnte. Rechnet man jedoch die Krankenversicherung, Rentenversicherung, das tägliche Essen im Waisenhaus, die Übernahme von Patenschaften für die Kinder der Mitarbeiterinnen und die zinslosen Kredite hinzu, werden die Kriterien sogar übererfüllt. Dies hat die Partnerorganisation „Kifafa Care and Support Child Project“ in Nairobi, mit der „Kifafa“ zusammenarbeitet, inzwischen auch bestätigt.

Vorstand bestätigt

Die Finanzlage des Vereins ist laut Kassenwart Werner Jockers stabil. Rücklagen konnten gebildet werden.
Bei den Wahlen wurde Joachim Eiberle für weitere zwei Jahre als Vorsitzender wiedergewählt. Auch auf den übrigen Posten des geschäftsführenden Vorstands gab es keine Veränderungen. 

Hintergrund

Bäume gegen die Bodenerosion

Ursprünglich war die Gegend um Kendu Bay durch einen tropischen Urwald geprägt. Davon ist heute nichts mehr zu sehen. Die spärliche Bepflanzung mit Bäumen reicht nicht aus, um den heftigen Regenfällen und Trockenperioden entgegenzuwirken. Bodenerosion und Hunger sind die Folgen. 

In diesem Jahr konnte der Verein „Kifafa“ damit beginnen, eine kleine Baumschule im Waisenhaus aufzubauen. Die künftigen Bäume sollen der Beschattung dienen und der Bodenerosion entgegenwirken. Neben Schattenbäumen werden auch Obstbäume wie Mango, Jackfruit, Avocado und Papaya angepflanzt. Die Abnehmer werden zum einen die Familien der Patenkinder und Nachbarn des Waisenhauses sein. Außerdem will der Verein mit den örtlichen Schulen und Krankenhäusern zusammenarbeiten, um eine Bepflanzung der Region mit Bäumen zu ermöglichen. Ein Baumsetzling kostet etwa 10 Cent. Die Setzlinge werden kostenlos vom Verein verteilt – nur für die Pflanzung und Bewässerung sind die Abnehmer zuständig.

Stichwort

„Kifafa“ in Zahlen

◼ Medikamentenprogramm: Kifafa unterstützt seit 2016 vier Epilepsie-Ambulanzen mit Medikamenten – drei in der Hauptstadt Nairobi und eine in Kendu Bay. Die Medikamentenpreise steigen weiter. So bestellte der Verein für fast 4800 Euro Medikamente über die Hilfsorganisation KAWE.

◼ Patenkinder: Anfangs betreute „Kifafa“ zeitweise über 200 Patenkinder außerhalb des Waisenhauses. Derzeit sind es laut Vereinsangaben noch 99. Dies sei eine leistbare Größenordnung für den Verein, hieß es auf der Hauptversammlung. Der Verein zahlt etwa das Schulgeld und Lernmaterialien oder auch die Krankenversicherungsbeiträge. Die nun erreichte Patenkinderzahl soll möglichst stabil gehalten werden.

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