Kehl

50 Jahre Kehler Bahnhof: Reiselust und Jahren des Grauens

Autor: 
Alexander Gehringer
Lesezeit 5 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
23. November 2016

Mitte Mai 1940 sprengten französische Pioniere den Westteil der Eisenbahnbrücke – nur eine von mehreren Zerstörungen, die das Bauwerk zwischen 1870 und 1944 erlitt. ©Redaktion

Vor 50 Jahren sprangen die Signale des heutigen Kehler Bahnhofs erstmals auf Grün. In unserer zehnteiligen Serie laden wir zur großen Reise in die Kehler Eisenbahngeschichte ein: von 1844, als der erste Dampfzug die Stadt erreichte, über die Zeit legendärer Fernzüge bis zur Gegenwart des Bahnhofs im vereinten Europa.

Die erste Kehl-Straßburger Eisenbahnbrücke bescherte dem Zugverkehr der Region ab 1861 einen kräftigen Aufschwung. Es wurden durchgehende Tarife vereinbart, für die Pferderennen in Iffezheim sogar Sonderzüge aus Paris geführt. Die Linie Kehl–Appenweier – schon seit 1847 zweigleisig – war gut ausgelastet.

Ein vorläufiges Ende fand diese Blütezeit am 22. Juli 1870: Am dritten Tag des Deutsch-Französischen Krieges sprengten badische Pioniere die Drehbrücke auf Kehler Seite. Dabei stürzten die Statuen »Vater Rhein« und »Mutter Kinzig« in den Rhein; als Nachbildungen kehrten sie um 1873 aufs Brückenportal zurück, fielen aber dann dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer. Die originale »Mutter Kinzig« wurde 1897 geborgen und ziert heute den Marktplatz.

Erheblicher Schaden 

Auch der Kehler Bahnhof erlitt im 1870er-Krieg erhebliche Schäden, wurde jedoch originalgetreu wiederhergerichtet. »Vier einfache, ionische Säulen, durch Bögen verbunden«, so beschrieb der 1890 geborene Kehler Hans Knobloch den Eingang um die Jahrhundertwende. »Flache Stufen führten hinein. Die Bahnhofshalle war groß, viereckig, die Wände ringsum mit Fahrplänen beklebt. Das Licht kam durch Fenster unter dem überhöhten Dach. Es folgte ein breiter Gang mit der Fahrkartenausgabe.« Der Komplex inklusive Zoll, Bezirksamt, Amtsgericht und Bahnverwaltung war damals mit 211 Metern das längste Gebäude Kehls. Wie zuvor die Brücke, erhielt auch der Bahnhof 1906 eine Statue als Wahrzeichen: Die »Heuwenderin«, gestiftet von Agnes Trick und geschaffen von Albert Schulz, schmückte bis zum Zweiten Weltkrieg den Vorplatz.

Unterdessen dampften die Züge erneut auf Hochtouren. Nachdem das Elsass seit 1871 deutsch und die Brücke 1874 komplett     repariert war – auf Kehler Seite jetzt ohne Drehteil –, fuhren viele Straßburger vor allem sonntags ins Renchtal, aber auch nach Kehl, was den Gaststätten wieder regen Zulauf brachte. Die Bürger Mittelbadens besuchten im Gegenzug gerne Straßburg. Zudem legten die Badischen Staatsbahnen einen weiteren Grundstein für Kehls Wirtschaft: Unter ihrer Regie entstand von 1897 bis 1900 der Rheinhafen.

Eine Schlüsselrolle kam dem Grenzübergang im Ersten Weltkrieg zu. Allein vom 2. bis 18. August 1914 überquerten 616 deutsche Militärzüge den Rhein Richtung Westfront, nach Kriegsende rollten mehr als 100 Lokomotiven und 7300 Güterwagen als Reparationslieferungen nach Frankreich. Brücke und Bahnhof hatten den Krieg unbeschadet überstanden. Am 9. November 1918, zwei Tage vor Kriegsende, war es jedoch zu einem Zwischenfall gekommen: Ein Zug mit aufständischen Matrosen geriet unter Beschuss durch Kehler Pioniere, ein Matrose wurde getötet.

- Anzeige -

Hissen der Trikolore

Mit Beginn der französischen Besetzung am 29. Januar 1919 verschwanden Badischer Greif und Deutscher Adler von der Bahnbrücke, die Trikolore wurde gehisst, vor dem Bahnhof gingen französische Geschütze in Stellung. Der Versailler Vertrag sprach Frankreich die Brücke zu. Nachdem kurzzeitig Legelshurst als Grenzstation fungierte, wurde Kehl im Frühjahr 1920 zum Grenzbahnhof mit Zollstellen, in dem fortan auch Fernzüge wie der Orient-Express regulär hielten. Neues gab’s zugleich in der Verwaltung des Zugverkehrs: Die Großherzoglich Badischen Staatsbahnen gingen in der Deutschen Reichsbahn auf.

Der Orient-Express war es auch, der 1923 für eine folgenschwere Verstimmung sorgte: Als er auf deutscher Seite wegen Kohlenmangel nicht fuhr, besetzten die Franzosen aus Rache die Bahnhöfe Offenburg und Appenweier. Von Februar bis Dezember war Kehl vom Reichsbahnverkehr abgeschnitten; die Schmalspurbahn Lahr–Kehl–Bühl musste genügen.

Nach Ende der Besetzung 1930 wurden Mittel- und Südbatterie als Bahnbrücken-Festungen aufgegeben; die Nordbatterie war schon 1888 der Kaserne gewichen. An Frieden war jedoch weiterhin nicht zu denken – vielmehr folgte eine Zeit, in der der Bahnhof beklemmende Szenen sah: Heinrich Mann (1933) und Sigmund Freud (1938) retteten sich von hier aus ins Exil. Am 10. November 1938 wurden die Kehler Juden qualvoll zum Bahnhof getrieben, in Güterwagen gezwungen, ins Konzentrationslager Dachau deportiert und dort tagelang misshandelt. Auch der Weg ins Internierungslager Gurs am 22. Oktober 1940 führte für 22 jüdische Bürger über den Kehler Bahnhof.
Zu dieser Zeit war die Eisenbahnbrücke bereits ein weiteres Mal zerstört worden: Beim Westfeldzug hatte das französische Militär am 22. Mai 1940 einen Pfeiler gesprengt. Die Kehler Bürger hatten davon nichts mitbekommen; sie waren schon im September 1939 evakuiert worden, ab Juni 1940 kehrten sie mit Sonderzügen zurück und wurden im Bahnhof von Behörden, Wehrmacht und Partei empfangen.

In Trümmern

Die im Juni 1942 wiederhergerichtete Brücke hielt nur noch zwei weitere Jahre: Im September 1944 lag sie nach dem Rückzug der Wehrmacht völlig in Trümmern. »Mit der Sprengung verschwand eine der schönsten neugotischen Gitterbrücken Europas«, bedauerten die Autoren des Buchs »Die Lange Bruck« noch 1989. Beim Artilleriebeschuss im November 1944 schlug dann auch für das Bahnhofsgebäude die Stunde – 100 Jahre nach Beginn der Kehler Bahn-Ära.
 

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kehl

vor 5 Minuten
Kehl
Mit dem Fahrrad unterwegs waren am Mittwoch Vertreter der Stadt Kehl und der Gemeinde Willstätt. Zweck der Tour: die Radwegverbindungen auf Schwachstellen zu untersuchen.
vor 3 Stunden
Schwarzwild-Gewöhnungsgatter Hohnhurst
Die Jägervereinigung Kehl-Achern wehrt sich gegen die Kritik am geplanten Schwarzwildgewöhnungsgatter im Endinger Wald zwischen Hohnhurst und Eckartsweier.
vor 12 Stunden
Müllproblem
Am Dienstag hat sich in der Stadthalle eine neue Gruppe formiert, die der Vermüllung der Stadt den Kampf ansagen will. Oberstes Ziel ist die Müllvermeidung durch Sensibilisierung der Bürger.
vor 12 Stunden
Konzert
Die nigerianische Sängerin Efe tritt morgen, Sonntag, im Café-Restaurant „Yachthafen“ auf. Los geht das Konzert um 14 Uhr.
vor 17 Stunden
Kehl
Wegen eines herrenlosen Koffers hat die Polizei den Kehler Bahnhofsvorplatz am Montag abgesperrt. In dem Koffer fanden die Beamten fünf Pakete Haschisch.
vor 18 Stunden
Fitness
In diesem Jahr steht Deutschland an der Spitze der Europäischen Woche des Sports vom 23. bis 30. September. Die Kehler Turnerschaft beteiligt sich daran mit einer eigenen Veranstaltung.
vor 20 Stunden
Kehler Stadtgeflüster
Von Gender-Gerechtigkeit in der Gastronomie, einem neuen Klangerlebnis und dem Bäumchen-wechsel-dich-Spiel im Kehler Einzelhandel handelt in dieser Woche unser Stadtgeflüster.
18.09.2020
Artenschutz
Die bedrohte Zugvogelart  der Flussseeschwalbe ist auf menschliche Hilfe angewiesen. Auf dem Floß sollen die Vögel brüten.
18.09.2020
Kehl - Odelshofen
Odelshofens Ortsvorsteher Markus Murr stellte auf der Ortschaftsratssitzung am Montag  die Anmeldungen der Ortschaft für den Doppelhaushalt 2021/22 vor.
17.09.2020
Reihe: Kehler Künstler
In unserer losen Reihe „Kehler Künstler im Gespräch“ erzählt Suzanne Da Costa-Kunz,  wie sich der Lockdown für sie persönlich anfühlte und wie der Unterricht trotzdem weiterlief.
17.09.2020
Aktion "Stadtradeln"
Die Leutesheimer wünschen sich einen Radweg nach Linx, der ganzjährig befahrbar ist. Dies zeigte sich bei einer Erkundungstour im Rahmen des „Stadtradelns“. Denn in Linx sitzt der große Arbeitgeber Weber-Haus.
17.09.2020
Öffnungszeiten erweitert
Die Kinder- und Jugendabteilung ist wieder benutzbar – aber nur nach vorheriger Anmeldung.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • Curvy Queen bietet trendy Mode bis Kleidergröße 60.
    16.09.2020
    Coole Looks bis Kleidergröße 60 / Drei tolle SSV-Shoppingtage
    Das Bekleidungsgeschäft Curvy Queen in der Offenburger Platanenallee bietet eine große Auswahl an Plus-Size-Mode. Vom 17. bis 19. September gibt es beim Sommerschlussverkauf die starke Mode zu reduzierten Preisen.
  • Voller Einsatz für die Patienten: Das Reha-Sport-Team vom Offenburger RehaZentrum - Sabrina Weidner, Sarah Figy, Mario Truetsch und Lars Bilharz (v. l.)
    15.09.2020
    Neue Kurse starten im Oktober – jetzt anmelden!
    Fit werden, fit bleiben: Dieses Ziel hat sich das Team des RehaZentrums in Offenburg für seine Kunden auf die Fahnen geschrieben. Hier bekommt jeder sein maßgeschneidertes Therapie- und Fitnessprogramm. Wer langsam wieder in Bewegung kommen will oder an einer Grunderkrankung, wie Rückenschmerzen...
  • Alexander Benz (von links), Michel Roche, Thomas Kasper, Erhard Benz und Erika Benz stehen an der Spitze des Top-Life.
    07.09.2020
    Top-Life Berghaupten: Die Adresse für Gesundheit und Fitness
    Gesundheit und Fitness haben eine Adresse in der Ortenau: Seit 1996 ist das Top-Life Gesundheitszentrum Benz KG in Berghaupten Ansprechpartner Nummer eins, wenn es in der Region um private Gesundheitsvorsorge, Wellness und medizinische Versorgungsangebote geht.
  • Die Vereine im ewo-Gebiet haben die Chance, für ihre Nachwuchsmannschaften zu gewinnen.
    28.08.2020
    Vereinsaktion #Ballwechsel: Energiewerk Ortenau und Partner suchen trickreiche Teams und deren Fans
    Ballkünstler gesucht! Das Energiewerk Ortenau (ewo) startet zusammen mit starken Partnern die Vereinsaktion #Ballwechsel: Wer seinen Club vorschlägt, eröffnet ihm die einmalige Chance, ein Fest und jede Menge Equipment im Gesamtwert von mehr als 5000 Euro zu gewinnen. Alles, was die meistgevoteten ...