Gutach

Badische Verfassung war ein Meilenstein der Geschichte

Autor: 
Claudia Ramsteiner
Lesezeit 4 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
01. Oktober 2018

Ralf Bernd Herden, Jurist, Historiker und ehemaliger Bürgermeister von Bad Rippoldsau-Schapbach, spricht morgen, am Tag der Deutschen Einheit, über die Badische Verfassung, die in diesem Jahr ihr 200. Jubiläum feiert. ©Freilichtmuseum Vogtsbauernhof

Vor 200 Jahren entstand die Badische Verfassung. Das ist morgen, am Tag der Deutschen Einheit, Thema der Heubodenakademie im Freilichtmuseum Vogtsbauernhof. Der Jurist und Historiker Ralf Bernd Herden aus Bad Rippoldsau-Schapbach wird dabei auf die Vorgeschichte, die Rahmenbedingungen und die Folgen eingehen. In einem Interview mit dem Offenburger Tageblatt macht er schon mal Lust auf die Veranstaltung.

Die Badische Verfassung gilt als eine der ersten und liberalsten in Deutschland. Warum waren die Badener die schnellsten?

Ralf Bernd Herden: Es war einerseits eine staatsorganisatorische Entwicklung, welche über die Organisationsedikte (1803) und die Konstitutionsedikte (1807) zur Notwendigkeit einer staatlichen Neuorientierung geführt hat. Dies war das kontinuierliche Element der Entwicklung. Hinzu kam aber als treibender Faktor die blanke Not: Die Kriegslasten der napoleonischen Kriege, das Jahr ohne Sommer 1816, massive Auswanderungen. Und ein möglicherweise drohender Zerfall des Landes.

Welche Motive hatte Großherzog Karl, die Verfassungsgebung einzuleiten?

Herden: Ob Karl Motive hatte, bezweifle ich. Eher ist der kranke und schwache Großherzog motiviert worden. Von Ministern und Beamten, welche die vier Kernprobleme erkannt hatten: Die familiär-dynastischen Gefahren (Sicherung der Erbfolge der morganatischen Hochberg-Linie), die finanziell-fiskalischen Gefahren (Leere Kassen, drohender Staatsbankrott), die patriotisch-nationalen Notwendigkeiten (Baden musste auf den Weg zur Nation, zur Einheit, gebracht werden) und schließlich international-existenzielle Gründe (Gefahr der Zerstückelung, Begehrlichkeiten der Nachbarn, Pufferstaatsituation).

Gab es da auch Gegenwind?

Herden: Eigentlich nicht, im Gegenteil. Es gab 1815 sogar eine Art Verfassungsbewegung –  zu der Adel, Ritterschaft und Bauern sowie Professoren gehörten. Der einzige klar erkennbare Verfassungsgegner war der Onkel Karl Friedrich Ludwigs und spätere Großherzog Ludwig I., der als preußischer General, früherer badischer Kriegs-, Finanzminister und Forstminister  seines Vaters Karl Friedrich sehr wohl wusste, wo die Harke hängt und welche Bindungen ihm die Verfassung seines Neffen auferlegt hat. Er hat mehrfach versucht, die Kammern »auszutricksen«. Die Verfassung aufzuheben, das war ihm klar, hätte er nicht wagen können. Sie galt ja übrigens bis zur Abdankung Großherzog Friedrichs II. am 22. November 1918.

Die Badische Verfassung bestand aus 83 Paragrafen. Was war daran wegweisend?

- Anzeige -

Herden: Sie ist eigentlich die Begründerin des Parlamentarismus in Deutschland. Die klare Positionierung der beiden Kammern war für ihre Zeit einmalig. Und auch die Zusicherung staatsbürgerlicher und politischer Rechte an die Badener war wohl der erste, umfangreichste Grundrechtskatalog in Deutschland. Wobei man die Grundrechte damals mit den heutigen Grundrechten nicht vergleichen kann, und die Auslegungen schon gar nicht. Und nie zu vergessen: Die Verfassung gewährte Karl, von Gottes Gnaden – nicht das badische Volk.

Die Württembergische Verfassung entstand ein Jahr später. Waren die Badener dafür die Wegbereiter?

Herden: Die Württemberger hatten ja bereits 1514 den Tübinger Vertrag, der eine ständische (auch nicht demokratische) Mitbestimmung vorsah. Da waren sie Baden weit voraus. Doch kann man sicher sagen: Die süddeutsche Verfassungsbewegung jener Zeit – auch in Bayern – ging sicherlich auf gemeinsame Wurzeln zurück: Dies waren vor allem die Folgen der napoleonischen Kriege.

Aber nicht nur die Frauen, sondern auch die Unterschicht war gar nicht wahlberechtigt?

Herden: Wahlberechtigt war der »Zahlberechtigte«, das heißt, der vermögende Steuerzahler. Um dessen Zustimmung zum Staat ging es in erster Linie, nicht um demokratische Erwägungen im heutigen Sinn. Nur rund 20% der badischen Bevölkerung waren wahlberechtigt. Demokratische Gedanken spielten erstmals  rund dreißig Jahre später eine Rolle – in der Revolution von 1848. Dort trat auch der Gegensatz zwischen monarchistisch-konstitutionellen Liberalen und republikanisch-radikaldemokratischen Linken erstmals zu Tage. 
Ihm sollte rund fünfzehn Jahre später das Aufkommen der Arbeiterfrage folgen – Lassalle und Marx betrachten das ja auch differenziert. Die Frage der Suffragetten (des Frauenwahlrechts) und der Emanzipation der Frau kam dann im Zuge der Arbeiterbewegung ins öffentliche Bewusstsein – erst ab dem Ende des 19. Jahrhunderts.

Was ist mit dem blutigen Ende der Revolution 30 Jahre später? War das nicht ein schrecklicher Rückschritt?

Herden: Es war ein schreckliches Ereignis, trotzdem war es kein Schritt zurück: 1848 war ein Meilenstein auf dem Weg zur Demokratie. Die Badener waren da meist noch human und boten verurteilten Revolutionären die Wahl: Zuchthaus oder Auswanderung. Die meisten Todesurteile fällten preußisch dominierte Militärgerichte, die Preußen blieben als Besatzer ja bis 1851. Der Badener galt noch 1870 als »unsicherer Kantonist«: Oberkommandierender der Belagerung von Straßburg war der preußische General von Werder, der badische Kriegsminister von Beyer musste das Feld räumen. Beyer war selbst preußischer General, er war 1867 als preußischer Militärbevollmächtigter nach Karlsruhe gekommen und war dann 1868 zum badischen Kriegsminister ernannt worden.

INFO: Die Heubodenakademie zu 200 Jahren Badische Verfassung beginnt morgen, Mittwoch, um 11 Uhr, im Freilichtmuseum Vogtsbauernhof.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kinzigtal

Die Häberlesbrücke ist zwischenzeitlich durch ein provisorisches Geländer gesichert, bis die Betonpfeiler als Träger der Beleuchtung und Montagestützen des vormaligen Geländers fertiggestellt sind.
vor 21 Stunden
Schiltach
Die Pfeilersanierung der Häberlesbrücke hat begonnen. Der Vorschlag, die Anzahl der Laternen zu reduzieren, wurde vom Gemeinderat abgelehnt.
Nicht immer werden Masken konsequent getragen.
25.09.2021
Wolfach
Jeden Samstag gibt es von den Kinzigtalredakteuren einen ironisch-satirischen Wochenrückblick. Dieses Mal geht es
Das neu gewählte Vorstandsteam des Fördervereins Sterntaler (von links oben): Kassiererin Jacqueline Neumaier (neu), Vorsitzende Marion Ruf, Beisitzerin Tamara Rodrigues, zweiter Vorsitzender Frank Bürger, Beisitzerinnen Ines Krämer (zweite Reihe von links), Sybille Schumacher und Sabrina Brucker und Beisitzerin Monika Häringer (vorne). Auf dem Bild fehlt Schriftführerin Bettina Kohler.
25.09.2021
Hofstetten
Beim Hofstetter Förderverein Sterntaler müssen neue Mitglieder für den Vorstand gefunden werden - sonst wird der Verein Geschichte sein. Vorsitzende Marion Ruf macht nur noch ein Jahr weiter.
Steinachs Bürgermeister Nicolai Bischler
25.09.2021
Halbzeit-Interviews (4)
Steinachs Bürgermeister Nicolai Bischler wurde am 4. Dezember 2017 vereidigt. Für seine „zweite Halbzeit“ hat er sich viel vorgenommen, wie er im Gespräch mit dem Offenburger Tageblatt verrät.
Luftfiltergeräte wie hier an einer Grundschule in Oberachern soll es an der Hofstetter Grundschule nicht in jedem Klassenzimmer, aber in jeder Kindergartengruppe geben. 
25.09.2021
Hofstetten
Der Gemeinderat Hofstetten hatte nochmals über die Beschaffung von mobilen Luftreinigungsgeräten für Schule und Kindergarten zu entscheiden. Im ersten Anlauf war dies abgelehnt worden.
Die Mitarbeiterin des Caritashauses Jenny Grießbaum (von links), die Auszubildenden Kai Schöner, Anna-Lena Flaig, Malte Waldenmeyer und Anne Schmid (Caritas) freuen sich über die gelungenen Sozialprojekte.
24.09.2021
Haslach im Kinzigtal
Zwölf Auszubildende und duale Studenten des Schiltacher Unternehmens Hansgrohe haben von Dienstag bis Freitag an einem ehrenamtlichen Sozialprojekt teilgenommen, für dessen Art und Umsetzung sie sich mehrheitlich selbst entschieden hatten.
Für Radfahrer endet der Fuß-/Radweg stadteinwärts und mündet in die Hauptstraße – eine gefährliche Stelle für sie und die Autofahrer.
24.09.2021
Schiltach
Die Verkehrsführung im Bereich Tankstelle und Lebensmittelmärkte entlang der Hauptstraße ist für alle Straßenverkehrsteilnehmer konfliktreich. Die Situation bleibt schwierig.
Schiltach Bürgermeister Thomas Haas verleiht den Ehrenschild an Historiker Hans Harter, dem seine Partnerin Beatrix Beck als Kulturschaffende zur Seite steht.
24.09.2021
Schiltach
Historiker Hans Harter ist in Schiltach unverzichtbarer Partner in Sachen Kultur und historischer Forschungsarbeit. Für sein Engagement wurde ihm die höchste Auszeichnung der Stadt verliehen.
Noch ein Monat, dann soll es das Heimatkärtle für alle geben. Die ersten echten Karten wurden am Mittwoch vorgestellt.
24.09.2021
Wolfach
Projektleiter Reinhold Waidele warb am Mittwoch im Gewerbeverein um weitere Teilnehmer für den Start des Heimatkärtles – erhielt aber auch Kritik angesichts der Kosten für kleine Händler.
Annette Götz hat ihren Kurs "Bodyart" auch schon online angeboten. Jetzt geht es wieder "richtig" los - allerdings mit bisher noch wenig Interesse. 
24.09.2021
Hausach
Die Hausacher Außenstelle der Volkshochschule hat selbst für die bisher sehr beliebten Angebote noch kaum Anmeldungen.
24.09.2021
Wahlkreis Schwarzwald-Baar: Fragen und Antworten
Die Mittelbadische Presse fühlt Bundestagskandidaten aus dem Wahlkreis Schwarzwald-Baar auf den Zahn. Zu den Themen Rente, Wirtschaft, Corona und Afghanistan sind die Kandidaten aufgefordert, ihre Meinung auf den Punkt zu bringen.
Kathrin Krichels Jazzchor „Passatempo“ begeisterte am Mittwochabend mit seinen kraft- und ausdrucksvollen Songs.
24.09.2021
Wolfach
Doppelte Unterhaltung der Musikschule Offenburg/Ortenau im Wolfacher Schlosshof: Der Jazzchor „Passatempo“ und das Erwachsenen-Blasorchester begeisterten die Zuhörer am Mittwoch gleichermaßen.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • Wer aus seinem Garten ein Wohnzimmer für draußen machen will, findet in der "Holz im Garten"-Ausstellung der B+M HolzWelt GmbH in Appenweier viele Spielarten für die "Einrichtung". 
    vor 22 Stunden
    B+M HolzWelt Appenweier: Beste Produkte, beste Beratung
    Holz ist ein lebendiger Werkstoff, klimaneutral und vielseitig dazu. Wie facettenreich die Verwendung ist, demonstriert die B+M HolzWelt GmbH in Appenweier eindrucksvoll auf mehr als 15000 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Dazu gibt's Beratung aus einem Guss.
  • Die Überseecontainer des REDDY Cube ziehen am Check-In-Kreisel am Acherner Stadteingang die Blicke auf sich. 
    22.09.2021
    Innovatives Shopkonzept sorgt für Wow-Effekt beim Küchenkauf
    Ein einzigartiger Auftritt, ein einzigartiges Konzept und eine einzigartige Beratung: All das vereint der REDDY Cube in Achern. Dieses starke Paket sorgt für einen absoluten Wow-Effekt beim Küchenkauf.
  • Das Autohaus Roth KG beschäftigt über 70 Mitarbeiter an drei Standorten in der Ortenau. Nun soll das Team weiter wachsen.
    17.09.2021
    Verstärkung gesucht: Autohaus Roth stellt ein
    Das Autohaus ROTH steht für persönliche Betreuung sowie kundenorientierten Service - und das seit 45 Jahren! Für die Standorte in Offenburg und Oppenau wird Verstärkung gesucht. Das Unternehmen freut sich auf interessante Bewerbungen.
  • Junge Schulabgänger haben in der Ortenau gut lachen: Ihnen stehen eine Vielzahl an Wegen für die passende berufliche Zukunft offen.
    10.09.2021
    Bereits heute an die berufliche Zukunft denken
    Duale Ausbildung, duales Studium oder Studium? Für Schulabgänger ist es nicht einfach, sich für den passenden beruflichen Werdegang zu entscheiden. Denn gerade in der Ortenau gibt es erfolgreiche Unternehmen aller Branchen, die unzählige Karrieremöglichkeiten bieten.