Haslach
Dossier: 

Corona-Pandemie kann Konflikte verstärken

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07. Juni 2020

Sybille Schmider ist seit einem Vierteljahr Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle der Caritas Kinzigtal. ©Gerd Lück

Seit 2. März ist Sybille Schmider die neue Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle der Caritas in Haslach. Die Diplomsozialarbeiterin und Systemische Familientherapeutin aus Hausach war kaum im Amt, da lähmte das Coronavirus das öffentliche Leben. Wir sprachen mit der neuen Leiterin über die veränderten Bedingungen und deren Auswirkungen auf die Beratung.

Sie sind nun drei Monate Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle in Haslach Wie haben Sie sich beruflich eingelebt?

Mein Einstieg in die neue Aufgabe war super organisiert, weil ich noch mehr als vier Wochen von Gabriele Dettling-Klein, meiner Vorgängerin, eingearbeitet und begleitet werden konnte. Das, zusammen mit dem freundlichen und offenen Empfang im Team der Beratungsstelle und den Frühen Hilfen und überhaupt im gesamten Caritashaus, hat mir das Einleben leicht gemacht.

 Mit welchen Problemen kommen die Eltern und Paare vorwiegend zu Ihnen?

Eltern wenden sich unter anderem an uns mit Fragen rund um die Erziehung und die Begleitung der Entwicklung der Kinder hin zu eigenständigen jungen Erwachsenen. Aber auch, weil sie Konflikte haben, sich trennen möchten oder  nachdem sie sich getrennt haben mit Sorgen wegen der psychischen Belastungen ihrer Kinder. Oft kommt es auch zu gegenseitigen Vorwürfen bezüglich unterschiedlicher Erziehungsansichten oder Haltungen, wie man am besten mit den Kindern umzugehen habe. 

Hat sich da seit der Corona-Pandemie etwas verändert?

Die Probleme und Fragen, die unsere Klienten zu uns führen, haben sich im Zuge der Pandemie grundsätzlich wenig verändert. Es ist jedoch offensichtlich, dass das subjektive Stresserleben mit dem Andauern der coronabedingten Einschränkungen zunimmt. Da die Klienten vor dem Hintergrund des eigentlichen Beratungsanliegens ohnehin zumeist belastende Lebensphasen durchschreiten, bedeuten zusätzliche Stressoren, wie beispielsweise die Sorge um den Arbeitsplatz, dass sich die erlebte Belastung vervielfacht.

Durch die Maßnahmen, die mit der Pandemie einhergehen, erfahren die Menschen Unsicherheiten und plötzliche Veränderungen, auf die sie sich nicht gut vorbereitet fühlen und wofür ihnen nicht ausreichend hilfreiche Handlungsoptionen zur Verfügung stehen. Eine solche Gemengelage wirkt sich mitunter auch auf den Beratungsprozess aus. So begegnen sich zum Beispiel Eltern, die zuvor noch im gemeinsamen Ringen um Lösungen vereinigt waren, nunmehr vorwürflich und anklagend.

Sie sind ja dann auch auf telefonische Beratung umgestiegen. Geht das gut ohne Sichtkontakt?

Die plötzliche Umstellung auf Telefonberatung hat erstaunlich gut funktioniert. Wie hilfreich und gelingend die reine Telefonberatung erlebt wurde, war jedoch sehr unterschiedlich. Beratungen stellen sich unterschiedlich komplex dar – unter anderem abhängig vom Anliegen der Klienten, von den Haltungen und Einstellungen aller Beteiligten sowie den formulierten Beratungszielen. 
Auch ob sich das Klientensystem auf ein oder zwei Personen beschränkt, oder ob mehrere Beteiligte, also etwa ganze Familien, in den Beratungsprozess integriert sind, dürfte ein Faktor sein. Während der Pandemie haben viele Klienten zurückgemeldet, dass sich Telefonberatung für sie leichter in den Alltag integrieren lässt. Andere haben sich mit dieser Methode eher schwer getan. 

Haben Sie konkrete Erfahrungen aus dieser Zeit mit in die Zukunft genommen?

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Die Erfahrungen aus der Zeit der Kontaktbeschränkung haben uns gezeigt, dass das Angebot telefonischer Beratung, auch als Videotelefonie, zukünftig für bestimmte Klienten ein passendes und willkommenes Verfahren darstellen könnte, auch wenn wir uns als Beratende an diesen Gedanken vielleicht noch gewöhnen müssen. Und dass die Telefonberatung leichter erscheint, wenn es vor der Umstellung einen oder mehrere persönliche Kontakte gab. Es ist aber vermutlich die Mehrheit der Klienten, die den Eindruck haben, dass sie von der Face-to-Face-Beratung viel besser profitieren können. Und es gibt  Beratungs- und Therapiekonstellationen, für deren Gelingen menschliche Begegnung unverzichtbar erscheint. Inzwischen finden Beratungen und Therapien wieder zunehmend in der Beratungsstelle statt, was alle Beteiligten sehr genießen. Die guten Erfahrungen mit anderen Beratungsarten, die wir in der Zeit der Kontaktbeschränkung gemacht haben, wollen wir mitnehmen und im Sinne der Klienten ausbauen und nutzen. So können wir zum Beispiel bedarfs- und anliegenorientiert zwischen Beratungen hier vor Ort und Telefonberatung abwechseln. Telefonberatung kann auch eine gute Möglichkeit darstellen für getrennt lebende Eltern, die in großer räumlicher Distanz zueinander wohnen.

Wie wirkt sich die Einschränkung der Kontakte auf die Familien aus? Ergeben sich daraus neue Konfliktsituationen oder gar Bedrohungslagen?

Wachsende Ängste und Sorgen, beengte Wohnverhältnisse, fehlende Tagesstruktur durch Schule und Beruf sind Faktoren, die eine Zunahme von Konflikten in Familien begünstigen können. Rund zwei Drittel der Familien gelingt es (laut einer aktuellen Studie des DJI), ohne eskalierende Konfliktspiralen durch diese Krise (und durch andere) zu kommen. Wurde das Zusammenleben schon vor der Pandemie als herausfordernd erlebt, kann es wegen der Kontaktbeschränkungen nach außen und der dadurch entstandenen notwendigen Nähe zu einer Verschärfung der häuslichen Situation und möglicherweise auch zu massiven Konflikten kommen.
In der Beratungsstelle beobachten wir bisher nicht, dass häusliche Gewalt oder innerfamiliäre Bedrohungslage zunehmend thematisiert werden. Die Familien berichten allerdings schon, dass insbesondere Konflikte unter Geschwistern oder bei der Erledigung der Schulaufgaben zunehmen, je länger die Kontaktbeschränkungen anhalten, keine regelmäßige Tagesstruktur vorhanden ist und Freizeitangebote ebenfalls nicht stattfinden. Wie viele Fachleute im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe befürchten wir vermehrte Gewalt. Wahrscheinlich bleibt sie zunächst im Dunkeln, vor allem, wenn Kinder im häuslichen Umfeld von Gewalt betroffen sind. Kinder haben durch die Kontaktbeschränkungen keinen Zugang zu einer erwachsenen Person außerhalb der Kernfamilie, der sie sich in der Not anvertrauen können.

Die meisten Kinder konnten ja mehr als zwei Monate keine Kita und keine Schule besuchen. Wie meistern das die Eltern?

Familien mit Platz, Außengelände und Unterstützungsnetzwerk aus Freunden und Familie konnten diese Zeit deutlich leichter meistern. Pausen, Rückzugsräume und Auszeiten für die Erwachsenen sind Möglichkeiten zur Entlastung in der herausfordernden Alltagsgestaltung zwischen Homeschooling und Homeoffice. Einige Eltern haben berichtet, dass sie sich bewusster als vor der Pandemie kleinere Erholungsphasen einplanen und diese strikter einhalten.

Andere Eltern erzählten auch, dass ihr Arbeitgeber spontan Homeoffice ermöglicht habe und die Doppelbelastung durch die Schulbetreuung berücksichtigen würde. Auch kamen viele Rückmeldungen, dass durch Kurzarbeit vor allem Väter mehr Zeit für die Belange der Kinder hätten.  In der Beratung unterstützen wir die Eltern dabei, mehr solche Möglichkeiten im anspruchsvollen Coronaalltag zu entdecken.

Besonders Eltern, die durch die Auswirkungen der Pandemie mehr Druck verspüren, weil sie an sich selbst den hohen Anspruch stellen, ihrem Job vollkommen gerecht zu werden, dazu den Haushalt zu schmeißen und ein perfekter Lehrer für die Kinder zu sein, suchen in der Beratung nach Möglichkeiten, sich Entlastung und Sicherheit zu verschaffen.

 Das Netz ist voll von Verschwörungstheorien. Müssen sie in der Beratungsstelle auch mehr auf diffuse Ängste reagieren?

Nein, bisher haben wir nicht vermehrt mit Menschen zu tun, die aufgrund von Verschwörungstheorien diffuse Ängste entwickeln. Manche Klienten, die vor der Pandemie bereits durch Ängste in ihrem Alltag eingeschränkt waren, berichten nun aber von Verschlimmerungen. Etwa, dass sie sich nicht mehr aus dem Haus trauen oder beim Einkauf Atemnot bekommen. Außerdem kam es zu einigen Anfragen junger Erwachsener mit Fluchterfahrung, die von Ängsten berichteten, die sie in ihrem Alltag einschränken und im Verlauf der Pandemie aufgetreten sind, und die deshalb unsere Hilfe in Anspruch genommen haben.

Über diesen Shortlink gelangt man direkt auf die Psychologische Beratungsstelle auf der Caritas-Webseite: www.bo.de/JFi.de

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