Mittleres Kinzigtal

Coronajahr war eine "stetige Herausforderung" - prev

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17. Mai 2021
Sucht zeigt sich nicht erst mit dem sozialen Abstieg – sie beginnt viel früher. Die Übergänge vom „gepflegten Feierabendbier“ zur Abhängigkeit sind schleichend.

Sucht zeigt sich nicht erst mit dem sozialen Abstieg – sie beginnt viel früher. Die Übergänge vom „gepflegten Feierabendbier“ zur Abhängigkeit sind schleichend. ©Ulrich Marx

Die „Fachstelle Sucht“ Offenburg legt den Jahresbericht vor. Das Offenburger Tageblatt sprach mit Andreas Birkenberger, dem Ansprechpartner für Suchtgefährdetee in der Außenstelle Hausach.

„Das Jahr war eine stetige Herausforderung für uns alle“, steht über dem Jahresbericht der Fachstelle Sucht, die auch in Hausach eine Kinzigtäler Außenstelle betreibt. Enorme Unsicherheit bezüglich der Ansteckung und der Wunsch, die Klienten und Mitarbeiter zu schützen, stand in den ersten Wochen im Frühjahr im Vordergrund: „Die Jagd auf Desinfektionsmittel und das Fehlen von wirkungsvollen Masken prägten diese Zeit“.

Gleichwohl zeige der Rückblick auf 2020 auch, welch große Ressourcen freigesetzt wurden. Es habe Phasen gegeben, in denen die Telefonleitungen zusammengebrochen sind und die Telefonrechnungen explodierten. Mit dem Abflachen der ersten Welle konnten sich die Therapeuten und ihre Patienten wieder persönlich treffen. Das Hygienekonzept habe sich bewährt. Wie sehr die Angebote gebraucht wurde, lasse sich an den Zahlen ablesen. 2538 Einzelgespräche im vergangenen Jahr sind 500 mehr als im Vorjahr.

„Diese Zahlen aufs Kinzigtal herunterzubrechen, gibt unser System nicht her“, sagt Andreas Birkenberger. Aber der Psychologe und Therapeut bestätigt die Tendenz auch für die Außenstelle Hausach. Mittlerweile sei er dreimal wöchentlich hier in der Suchtberatungsstelle im Pfarrhaus, die Nachfrage habe sich gesteigert. Durch den Lockdown steige die psychische Belastung: mehr Konflikte, mehr Unsicherheiten und Ängste, weniger Ausgleich – und genau dies seien typische Auslöser für süchtiges Verhalten.

Folgen erst in ein paar Jahren deutlich

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Der Lockdown bringe zwar auch Vorteile für Menschen mit Abhängigkeit: Die Verfügbarkeit ist geringer, Gaststätten sind zu, es gibt keine Veranstaltungen, die zum Alkoholkonsum animieren, und gerade Menschen, die spielfrei sein wollen, kämen weniger in Versuchung. Der Psychologe glaubt aber, dass die Folgen der Pandemie und der Lockdowns erst in ein paar Jahren deutlich werden: „Die Entwicklung einer Abhängigkeit dauert, und der Übergang ist fließend. Betroffene suchen professionelle Hilfe erst nach mehreren erfolglosen Versuchen.“ Und: Nur die Spitze des Eisbergs suche überhaupt professionelle Hilfe.

Allerdings sei die Zahl der Glücksspieler, die im vergangenen Jahr Hilfe suchten, gleich hoch geblieben. Birkenberger erklärt das mit dem Ausweichen auf Online-Angebote wie Casinospiele und Sportwetten. Besonders brisant für Spielsüchtige sei der neue Glücksspielstaatsvertrag, der ab 1. Juli gilt (siehe „Stichwort I“).
Birkenberger schätzt den Anteil derer, die wegen Alkoholabhängigkeit in der Außenstelle Hausach Hilfe suchen, auf rund 80 Prozent, knapp 20 Prozent kämen wegen Spielsucht und nur vereinzelte Klienten haben Probleme mit Medikamentenabhängigkeit.

Seit die Möglichkeit der ambulanten Behandlung auch in Hausach angeboten wird, sei die Nachfrage sehr groß. Nachdem dann Ende Mai 2020 auch wieder persönlicher Kontakt möglich wurde inklusive der Gruppensitzungen im katholischen Pfarrheim, werde dies von vielen Patienten auch als besondere Ausnahme der Kontaktbeschränkungen sehr geschätzt.

Erster Schritt in ein neues Leben

Die Quote bei Alkoholikern, ein Jahr nach einer stationären Therapie noch „trocken“ zu sein, liege bei 50 bis 70 Prozent. Bei der ambulanten Therapie sei die Erfolgsquote noch höher. „Allerdings vergleicht man da zwei unterschiedliche Patientengruppen“, erklärt Birkenberger. In eine ambulante Therapie werden Menschen aufgenommen, bei denen das soziale Umfeld für einen Erfolg spricht. Ganz gleich, in welcher Phase man sich befindet: der Schritt in die Suchtberatung in der Hausacher Klosterstraße könnte immer der erste Schritt in ein neues Leben sein (siehe Stichwort II).

Info

Glücksspielstaatsvertrag ab 1. Juli

Brisant sieht der Diplompsychologe Andreas Birkenberger den neuen Glücksspielstaatsvertrag, der am 1. Juli in Kraft tritt – und das sähen auch alle einschlägigen Verbände so. Das Ziel dieses Vertrags sollte wohl sein, statt des Wildwuchses im Internet mehr kontrollierbar zuzulassen.
Gleichzeitig soll auch Werbung für Glücksspiele im Internet zulässig sein – das könnte dazu führen, dass sich immer mehr Anbieter um die Kunden bemühen und gerade jüngeren Menschen Anreiz liefern, und die Möglichkeit, 24 Stunden am Tag sieben Tage in der Woche zu zocken.
Eine „Limitdatei“ soll verhindern, dass ein Spieler mehr als 1000 Euro im Monat verzockt. „Diese Vorgaben sind völlig unzureichend“, sagt Andreas Birkenberger.
Wer den Eindruck hat, dass sein Spielverhalten problematische Züge annimmt, kann sich an die Fachstelle Sucht in Hausach wenden (siehe „Stichwort II“).

Info

Fachstelle Sucht Hausach

Die Fachstelle Sucht ist für vereinbarte Termine in Hausach von Montag bis Donnerstag besetzt. Die offene Sprechstunde ohne Terminvereinbarung kann während der Corona-Pandemie nicht angeboten werden.
Termine können von montags bis freitags von 8 bis 12 und von 13 bis 16 Uhr sowie freitags von 8 bis 12 Uhr unter • 07 81/9 19 34 80 vereinbart werden. Das Erstgespräch erfolgt ebenfalls telefonisch. Hier geht es zunächst um die Klärung der Voraussetzungen, sagt Andreas Birkenberger. Die Beratung ist kostenlos. Für eine Therapie wird ein Reha-Antrag gestellt – den braucht es sowohl für stationäre als auch für die ambulante Therapie.

Eine stationäre Therapie für Alkoholabhängige dauere 16 Wochen. Bei einer ambulanten Therapie gibt es zunächst für die Dauer von sechs Monaten regelmäßige Einzel- und Gruppensitzungen mit dem Therapeuten, sie kann zweimal um jeweils sechs Monate verlängert werden. Auch Angebote für „Kontrolliertes Trinken“ seien möglich, aber nur, wenn noch Abhängigkeit entwickelt wurde.

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