Erinnerungsrede

Das Schicksal der Juden in Haslach

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red/lr
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21. November 2018

(Bild 1/2) Eugen und Helmut Moses mit ihrer Mutter Martha bevor die große Judenverfolgung begann. ©Repro: Sören Fuß

Im Friedensgottesdienst am Volkstrauertag in der evangelischen Kirche Haslach hat Sören Fuß anlässlich des 80. Jahrestags der Novemberpogrome an das Schicksal der jüdischen Familie Moses erinnert. Hier ein Auszug seiner Rede.

Sören Fuß beschränkte sich in seiner Erinnerungsrede zur Reichspogromnacht vor 80 Jahren auf das damalige Gebäude und seine Bewohner gerade gegenüber der evangelischen Kirche in der Mühlenstraße 9, das über Jahrzehnte unter dem Namen Haus Moses bekannt war, bevor es 1985 abgerissen wurde. Das Offenburger Tageblatt fasst die Rede zusammen:

Vor 140 Jahren bezog Familie Salomon Bloch das Haus, in dem das Gasthaus »Zum Goldenen Löwen« eine zentrale Rolle in Haslach gespielt hatte. Salomon Bloch betrieb neben der Gastwirtschaft auch eine Altwarenhandlung.

Die Familie lebte über 40 Jahre in diesem Haus, die Tochter Sophie zog nach ihrer Hochzeit mit Max Weil in das Haus des heutigen Schreibwarengeschäftes Aberle, früher Dölker-Bekleidung. Sie und ihre Kinder Julius und Lydia wurden später in Auschwitz ermordet. Auch Sophies Bruder Sigmund und dessen Frau wurden später Opfer des Holocaust.

»Kauft nicht bei Juden«

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der »Löwen« geschlossen,  das Altwarengeschäft wurde unter dem alten Namen »Salomon Bloch und Söhne« von den neuen Besitzern, der Familie Moses weitergeführt. Martha und Alfred Moses mit ihren beiden Söhnen waren die letzten jüdischen Bewohner des Hauses.

Eugen Moses wurde 1926 geboren, sein Bruder Helmut zwei Jahre später. Beide gingen in den christlichen Kindergarten. Eugen war bereits in der Volksschule als 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen.

Anfang April 1933 standen SA-Männer vor dem Haus Moses und blockierten den Zugang zum Geschäft. »Kauft nicht bei Juden«, war das Motto. Die Hitlerjugend sang vor dem Haus: »Wenn das Judenblut vom Messer spritzt, dann geht’s nochmal so gut.«

In der Folge zog die Famlie nach Südbaden. Doch Alfred Moses vermisste Haslach sehr und so kehrte die Familie zurück.

Reichspogromnacht

Neben den zunehmenden Einschränkungen der jüdischen Bevölkerung in ganz Deutschland mussten auch die beiden Buben in Haslach manches Leid erfahren.  Die Situation in Haslach wurde immer angespannter, so dass sich Familie Moses entschloss nach Freiburg zu ziehen.  Im Juni 1938 verkaufte Alfred Moses das Haus an die Stadt Haslach. 

Dann kam die Reichspogromnacht, in deren Folge 30 000 Juden in Konzentrationslager eingewiesen wurden. Hunderte Juden fanden bei diesen Aktionen den Tod. Der Umzug der Familie Moses nach Freiburg lag gerade vier Wochen zurück. Alfred Moses konnte sich mit viel Glück der Deportation in ein KZ entziehen.

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Nicht so Joseph und Artur Bloch, 300 Meter weiter in der Sägerstraße; deren Geschäft wurde verwüstet und die beiden Männer ins KZ Dachau deportiert. Der getaufte jüdische Dentist Eugen Geismar wurde fünf Wochen im Wolfacher Gefängnis inhaftiert.

Die Lebensumstände für Juden wurden immer bedrohlicher. Familie Moses bestieg im Mai 1939 ein Schiff nach Kuba. Mehr als 900 Männer, Frauen und Kinder waren an Bord. Nach der Atlantiküberquerung tauchten unerwartete Probleme auf: weder Kuba noch die USA erlaubten ein Anlanden.

Schließlich kehrte das Schiff mit den verzweifelten Flüchtlingen – einige hatten Selbstmord begangen – um. Dem deutschen Kapitän gelang es über Funk zu erreichen, dass England, Holland, Belgien und Frankreich bereit waren, die Flüchtlinge aufzunehmen. Für zwei Drittel von ihnen bedeutete dies dennoch die spätere Deportation in die Vernichtungslager.

Flucht in die USA

Familie Moses verließ das Schiff in Antwerpen und wurde dann in Frankreich interniert. Helmut und Eugen kamen in ein französisches Kinderheim. Abermals begannen schwierige Bemühungen um einen Platz auf einem Schiff.

Schließlich gelang es der Familie ein Jahr nach dem ersten Versuch im allerletzten Augenblick  die Flucht über den Atlantik. Nur wenige Tage bevor  die deutsche Wehrmacht in Frankreich einmarschierte, kam ihr Schiff am 26. Mai 1940 in New York an. 

Schon drei Jahre später starb der Vater, ein Jahr darauf, 1944, kehrte Eugen als amerikanischer Soldat nach Europa zurück und kämpfte als 18-Jähriger in der Ardennenschlacht. Vorher hatte man den Namen in Moser geändert, um bei einer möglichen Gefangenname durch die Deutschen die jüdische Herkunft zu verheimlichen.

Nach Kriegsende absolvierten die beiden Söhne unter ärmlichen Verhältnissen in New York ihre Berufsausbildung. Dennoch machte Eugen Karriere bei IBM, Harvey, wie sich Helmut nun nannte, absolvierte ein Medizinstudium und wurde Hautarzt. 

Eintrag ins Goldene Buch

Im Mai 2006 kam es zu einem beeindruckenden Zeitzeugengespräch von Eugen Moser mit Schülern der Realschule und er trug sich in das Goldene Buch der Stadt ein.  Es war Eugens Mosers letzter Besuch. Er starb vor sieben Jahren.

Harvey Moser hing an Haslach ebenfalls immer sehr. Das letzte Lebenszeichen von ihm datiert auf April 2017, da hat er in New York noch vor einer Schulklasse gesprochen. Seit dem blieben Versuche der Kontaktaufnahme erfolglos.

»Heute vor vier Wochen war sein 90. Geburtstag. Ob er ihn noch erleben durfte, ist derzeit nicht bekannt«, sagte Fuß.

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