Oberwolfach

»Der erste Besuch kostet Überwindung«

Autor: 
Janine Ak
Lesezeit 4 Minuten
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11. Mai 2017
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Der Oberwolfacher Flüchtlingshelferkreis möchte den Neuankömmlingen das Einleben hier in Deutschland erleichtern (von links): Verena Franke, Anne Picke, Elke Hundt, Sandra Müller, Monja Hettich, Christine Sum. Es fehlt Renate Huonker. ©Janine Ak

Sie kommen aus Indien, Syrien und Afrika: In einer Serie stellen wir die in Oberwolfach lebenden Flüchtlingsfamilien und die beiden alleinstehenden Männer vor. Zum Auftakt kommen diejenigen zu Wort, die sich ehrenamtlich darum kümmern, dass diese im Wolftal gut ankommen.

»Wenn Bürgermeister Matthias Bauernfeind sagte, Oberwolfach habe einen Flüchtlingshelferkreis, dann meinte er mich allein« – diese Anekdote erzählt Sandra Müller gern, wenn die Oberwolfacher Getränkehändlerin auf ihre ehrenamtliche Tätigkeit als Flüchtlingshelferin angesprochen wird. Und sie erzählt sie besonders gern, weil der Flüchtlingskreis seit kurzem ein wirklicher Kreis geworden ist: Die 40-Jährige hat nun fünf Mitstreiterinnen. Elke Hundt von der Diakonie Hausach ist Ansprechpartnerin für die Flüchtlingshelferinnen in persönlichen und rechtlichen Fragen, bei ihr treffen sie sich zum Austausch.

Denn bei aller Motivation, helfen zu wollen, kann die Auseinandersetzung mit den Flüchtlingsschicksalen und den deutschen Behörden auch schnell zur Belastung werden. »Ich habe noch nie so viele schlaflose Nächte gehabt wie in den vergangenen drei Jahren«, erzählt Sandra Müller, möchte die Zeit aber trotzdem auf keinen Fall missen. Bei Kursen der Diakonie und des Landrats-amts habe sie gelernt, sich ein Stück weit von den Schicksalen und Problemen der Flüchtlinge abzugrenzen. Auch ihren neuen Mitstreiterinnen gibt sie immer wieder mit auf den Weg: »Ihr müsst nicht mehr geben, als ihr wollt.«

Auf der Straße grüßen

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Wenn man eine Flüchtlingsfamilie etwa einmal pro Woche zum Einkaufen begleite, müsse man nicht viel von sich preisgeben. Auch Elke Hundt meint, dass es oft die kleinen Dinge sind, die Flüchtlingen helfen, sich hier heimisch zu fühlen, etwa, sie auf der Straße zu grüßen, anzusprechen, oder eine Kleiderspende persönlich abzugeben. Viele Menschen wollen helfen, fürchten aber die direkte Begegnung mit den Neubürgern aus der Fremde, ist Sandra Müllers Erfahrung: »Die stellen einen Kleidersack bei den Flüchtlingen vor die Tür, klingeln und hauen dann schnell ab.« Das Problem bei solchen Aktionen sei, dass dann ungeklärt bleibe, »wem gehört’s«, und die Spende aus Respekt vor unbekanntem Eigentum letztlich nicht angenommen werde.

»Unverschämt«, findet Anne Picke einen solchen Umgang mit Flüchtlingen. Die 44-Jährige betreut Familie Halil, kurdische Syrer, die aus der Stadt Kobane geflohen und vor anderthalb Jahren in Oberwolfach gelandet sind. Der Kontakt kam damals bei einem Projekttag der Schule zustande: Sandra Müller stellte die beiden Mütter einander vor. »Es hat aber noch vier Monate gedauert, bis ich mich überwunden hab’, den ersten Besuch zu machen«, erzählt die dreifache Mutter. »Die Frau war alleine mit ihrer kleinen Tochter. Ich bin rein, hab einen Tee getrunken, wir haben uns angelächelt und nach zehn Minuten bin ich wieder gegangen«, berichtet sie von den ersten verschämten Annäherungsversuchen. Als die Kurdin, die ebenfalls drei Kinder hatte, erneut mit Zwillingen schwanger wurde, sah Anne Picke praktische Hilfe angebracht: »Ich habe sie zu den Arztbesuchen in Wolfach alle zwei Wochen begleitet und bin am Wochenende mit ihr nach Offenburg ins Krankenhaus gefahren.« Ihre Erfahrung dabei war, dass nicht nur die Frau, sondern auch das Personal oft froh darüber war, eine deutsch sprechende Begleitperson als Ansprechpartnerin zu haben: »Es gibt immer wieder Missverständnisse.«

Ihre Motivation, zu helfen, bezieht Anne Picke aus der Religion: »Ich bin gläubig, und auch in der Bibel steht, dass man Fremde gut behandeln soll.« Sie empfindet, dass sie bei ihrer praktischen Hilfe etwas zurückbekommt: Das zufriedene Gefühl, »wenn man merkt, das hätten sie jetzt ohne mich nicht hingekriegt. Oder wenn man im Auto sitzt und gemeinsam über etwas lacht.«

Sandra Müller plant, ihre Verantwortung jetzt Stück für Stück auch auf die neu hinzugekommenen Frauen zu übertragen und für jede ein passendes »Gegenstück« aus der Fremde zu finden. Das persönliche Kennenlernen soll in den Wohnzimmern der Familien stattfinden: Bei einer Tasse Tee und einem ersten schüchternen Lächeln.
 

Stichwort

Neue Helfer

 Wer helfen möchte, meldet sich bei Sandra Müller unter Telefon 0 78 34 / 86 73 07. Willkommen sind auch Männer sowie Helfer mit eigenem Migrationshintergrund.

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