Schiltach

Die Schiltacher „Jungmädel“: Eine Zeitzeugin erinnert sich

Autor: 
Hans Harter
Lesezeit 4 Minuten
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14. Januar 2021

Das Gruppenfoto zeigt Schiltacher „Jungmädel“ mit ihren beiden „Führerinnen“ Hilde und Marlies Wolber (hinten und rechts), ­aufgenommen 1943. ©Hans Harter

Es waren Attraktionen wie Zeltlager und Feiern, die die jungen Mädchen im Zweiten Weltkrieg zu den „Jungmädeln“ lockten. Als Zwang sahen sie es nicht. Eine Schiltacher Zeitzeugin erinnert sich. 

 Ein altes Foto mit fast 60 Mädchen und zwei „Führerinnen“ – ihre fröhliche Ausstrahlung erregt noch immer Freude, zumal heutige Seniorinnen zu entdecken sind: Lisbeth und Elfriede Rudolph, Käthe Storz, Inge Kirgus, Gertrud Rauch ... Die Jüngsten, geboren 1933, waren damals zehn Jahre alt, was die Aufnahme auf 1943 datiert. Nicht zu merken ist die Kriegszeit, doch sind die meisten uniformiert: dunkelblaue Röcke, weiße Blusen, Halstuch mit Lederknoten, am Baum haben sie ein Hakenkreuzfähnchen angebracht.  

Jugend gezielt im Fokus

Es signalisiert, dass sie nicht zufällig zusammen waren, sondern im Zeichen des herrschenden Nationalsozialismus. Dieser kümmerte sich intensiv um die Jugend, getreu dem Satz Adolf Hitlers, dass sie „dazu ausersehen ist, die Zukunft des Reiches zu sichern“. Die Jungen und Mädchen dafür zu organisieren war die Aufgabe der „Hitler-Jugend“ (HJ). Zuerst freiwillig, wurde der Beitritt 1936 „allen deutschen Jugendlichen“ ab dem zehnten Lebensjahr per Gesetz vorgeschrieben. Ziel war, sie „körperlich, geistig und sittlich im Geiste des Nationalsozialismus zum Dienst am Volk und für die Volksgemeinschaft zu erziehen“. 

Schon vorher wurde, vor allem in den Schulen, Druck ausgeübt, um alle in die HJ zu bringen. So heißt es 1935 aus Schiltach, dass „das letzte Mädchen den Jungmädchen beigetreten ist, und auch der letzte Bub sich dem Jungvolk eingegliedert hat“. Nun gehörten die Schüler der Volksschule „100-prozentig der HJ an“ – gefeiert als „Sieg der Staatsjugend“. Zugleich wurden andere Jugendgruppen, etwa Wandervögel, Pfadfinder und Naturfreunde, ausgeschaltet. In Schiltach begann die Eingliederung der evangelischen Jugend schon 1934, nicht ohne „mahnende Geleitworte“ durch Stadtpfarrer Schropp: „Was Ihr heute tut, das tut mit Ernst. Zeigt Christenbewusstsein auch in der HJ.“ 

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Machtlos waren auch die Eltern, zumal die Hitler-Jugend mit Attraktionen warb, die die Kinder begeisterten: Eigene Heime, Sport, Feiern, Aufmärsche, Wettkämpfe, Fahrten und Zeltlager boten Erlebnisse und Gemeinschaft. Für Technikinteressierte gab es die Motor-, Flieger- oder Nachrichten-HJ, für künstlerisch Begabte Fanfarenzüge und Spielscharen. Die Mädchen hatten mit dem „Bund Deutscher Mädel“ (BDM) eine parallele Organisation, in die sie mit 14 Jahren kamen. Zuvor, ab zehn, waren sie bei den „Jungmädeln“, mit Aktivitäten, die gleichfalls auf ihre Bedürfnisse und Interessen zugeschnitten waren. Die Führerinnen wie Hilde und Marlies Wolber waren nur wenige Jahre älter, ihr „Heim“ hatten sie im städtischen „Kronen“-Saal (heute: Jugendtreff). 

Zeitzeugin erzählt

Käthe Fichter („Storze-Käthe“) erzählt: „Der Dienst war samstags, Teilnahme Pflicht, was wir aber nicht so empfunden haben, da es einfach dazugehörte. Die Begrüßung war ‚Heil Hitler!‘ Wir hörten Heldengeschichten, mich beeindruckte besonders der Albrecht-Dürer-Stich ‚Ritter, Tod und Teufel‘. Wir wurden auf die Rolle in Haushalt und Familie vorbereitet, wichtig war äußerste Sparsamkeit: Nichts durfte weggeworfen werden. Leintücher sollten geflickt, alte Pullover aufgezogen und neu gestrickt werden. Schön war es, Uniform zu tragen, Sport zu machen und bei Feiern wie am 1. Mai aufzutreten. Wir sollten uns nicht ‚modisch‘ aufmachen, sondern so, wie eine Frau und Mutter zu sein hatte. Es wurde viel gesungen, Volks- und Hitler-Lieder. Wir waren stolz auf unsere Brüder, die als Soldaten Siege errangen und bangten um ihre Heimkehr. Wir strickten für sie Stirnbänder, der Wehrmachtsbericht war immer Thema. Es gab viele Freundschaften und Erlebnisse – die Gemeinschaft war einfach klasse.“ 

Kindlich unbeschwert

Dass diese im Sinne einer Ideologie gepflegt wurde, an die man zu glauben hatte, war den „Mädeln“, eigentlich noch Kinder, nicht bewusst. Sie freuten sich, unter Gleichaltrigen zu sein, Aufgaben zu erfüllen, Anerkennung zu finden, Abenteuer und Spaß zu haben. Und wenn sie Verse schmetterten wie „Deutschland, du wirst leuchtend steh’n, mögen wir auch untergeh’n“, so war ihnen kaum bewusst, was dies einmal bedeuten konnte. Und denen, die es wussten oder ahnten, verschloss der „Führerstaat“ den Mund.

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