Hornberger Oberbergklinik besteht seit 30 Jahren

"Digitale Entgiftung ist wichtig"

Autor: 
Petra Epting
Lesezeit 7 Minuten
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26. September 2018

Andreas Wahl-Kordon ist seit drei Jahren der Chefarzt der Hornberger Oberbergklinik und gehört laut dem Magazin »Focus« seit Jahren zu den »Topmedizinern«. Der 51-jährige Vater von sieben Kindern begeht mit seinem Team das Jubiläum gewohnt ohne große Öffentlichkeit. ©Petra Epting

In der Hornberger Oberbergklinik werden seit 30 Jahren Patienten wegen Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen sowie Suchterkrankungen behandelt. Chefarzt, Andreas Wahl-Kordon, gibt im Interview Einblick in die Arbeit, erläutert weitere geplante Investitionen und blickt allgemein auf psychische Erkrankungen – und was man zu deren Vermeidung tun kann

»Es gibt noch viel zu tun, aber es tut sich was«, äußerten Sie im OT-Interview 2015 den Wunsch, dass psychische Erkrankungen den Stellenwert bekommen, den sie verdienen. Brachten die letzten Jahre denn Fortschritte? 
Andreas Wahl-Kordon: Ja, wir kommen sukzessive voran. Jetzt, drei Jahre später, gibt es Fortschritte bei der Wahrnehmung und der Entstigmatisierung. Wir sind zwar noch nicht am Ziel, aber psychische Erkrankungen gewinnen zunehmend an Bedeutung – ebenso legt die gesundheitsökonomische Bedeutung zu. Drüber reden, dazu stehen, die Diagnose erhalten, das alles wird zunehmend akzeptiert. Diese Schritte sollten wir weitergehen.

Teilen Sie das Empfinden vieler, die Welt drehe sich immer schneller und es lasse sich nur schwer gegensteuern?
Wahl-Kordon: Die Welt dreht sich immer noch gleich schnell. Aber die Erkenntnisse aus der Wissenschaft und die Entwicklungszyklen beschleunigen sich. Der Wissenszuwachs ist enorm. Das ist einfach so. Das Veränderungstempo hat in vielen Arbeitsbereichen zugenommen und wird das auch noch weiter tun. Nicht alle Entwicklungen sind dabei von Nachteil. Manches führt auch zu Entlastung, aber es wird eben immer komplexer. Bei den Auswirkungen bin ich der Meinung, dass es tendenziell eher viele Vorteile gibt. Aber für manche eben auch Nachteile. Die nicht so qualifizierten Arbeitskräfte beispielsweise werden immer weniger gebraucht. Flexibilität wird erwartet und der Anpassungsdruck ist hoch. Viele größere Unternehmen haben bereits erkannt, dass digitale Entgiftung wichtig ist. Das gilt aber auch für das Privatleben. Wir können außerdem nichts zurückdrehen und das wäre auch nicht sinnvoll. Wir müssen lernen, mit den Dingen anders umzugehen. Und unsere Kinder müssten eigentlich das Programmieren erlernen, um zu verstehen wie es funktioniert, was unser Leben bestimmt, also was die künstliche Intelligenz tun kann. Wir müssen wieder lernen, konzentriert zu arbeiten. Der Geist ist nicht durch einen Computer ersetzbar und wird es auch künftig nicht sein.

Sie plädierten schon 2015 dafür, wegzukommen von den Gedanken, immer noch erfolgreicher zu werden und viel Geld zu verdienen. Sind das tatsächlich mit die Hauptauslöser für psychische Erkrankungen?
Wahl-Kordon: Nein, das betrifft eher eine bestimmte Klientel. Aber wir sind nicht frei von einer permanenten Leistungsoptimierung. Das ist ein menschlicher Trend. Es liegt in unserer Natur, dass wir das Bestreben haben, nicht an Bedeutung zu verlieren. Es geht mir vielmehr um die Vorstellung, ein qualitativ wertvolleres, hochwertigeres Leben zu leben. Bei der Frage nach dem wie, dreht es sich dabei auch um Minimalismus.

Nehmen psychische Erkrankungen zu oder andersrum, ist irgendwo gar ein Rückgang zu verzeichnen?
Wahl-Kordon: Wir wissen nicht, ob psychische Erkrankungen zunehmen. Es wird mittlerweile aber eher darauf geachtet. Die Zahlen ändern sich gar nicht, aber es erhalten mehr die Diagnose. Es gibt nirgendwo einen Rückgang zu verzeichnen, sondern es bleibt eher gleichbleibend. Aber es ist mehr Aufmerksamkeit da. Psychische Erkrankungen sind zunehmend Ursache für eine Frühberentung und sie haben andere Krankheitsbilder überholt. Außerdem haben die Krankschreibungen aufgrund psychischer Erkrankungen zugenommen.

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Thema Achtsamkeit, die Ihnen sehr wichtig ist: Wie schaffe ich mir Inseln? Was raten Sie?
Wahl-Kordon: Es ist wichtig, sich über seine Werte im Leben klarzuwerden und zu reflektieren, wo ich stehe. Was sehe ich als Lebenssinn. Will ich noch mehr Leistung oder möchte ich mich auch mal um Kinder, Partner oder Hobbys kümmern? Eine Wertklärung für sich zu machen und sich klar darüber zu werden, das Leben ist endlich, das ist der erste Schritt. Der Mensch ist zu vielem in der Lage, aber man sollte nicht dauerhaft über seine Grenzen gehen. Wir brauchen die Regeneration und dazu gehören ausreichend Schlaf, Entspannung, gute Ernährung, Sport und ich will noch ergänzen, Beziehungen zu pflegen. Ich kann nur dazu raten, diese Themen für sich im Blick zu haben. 

Sie sind mit weiteren Fachkliniken vernetzt. Warum ist das wichtig?
Wahl-Kordon: Der Trend zur Expansion geht weiter. Unsere Oberberg-Gruppe besteht mittlerweile aus neun Kliniken. Eine spezielle Wichtigkeit hat gerade die Vernetzung mit der Uniklinik Zürich. Außerdem bin ich Lehrbeauftragter an der Uni Freiburg und kümmere mich um die Ausbildung von Studenten und um wissenschaftliche Projekte. Gerade der Aspekt Wissenszuwachs ist enorm, da gilt es besonders für den Bereich Medizin immer up-to-date zu sein, um nicht abgehängt zu werden. Da passieren viele Entwicklungen. Und es geht bei den Vernetzungen um die Herausforderung des intellektuellen Austausches.

Was bedeutet heute moderne Psychiatrie? 
Wahl-Kordon: Da sind zwei Hauptaspekte zu berücksichtigen: Zum einen – trotz aller Digitalisierung steht der Mensch im Mittelpunkt. Das war so und wird so bleiben. Zum anderen, um evidenzbasiert in der Wirksamkeit nachgewiesene Therapien als gesamtes Spektrum der Möglichkeiten einer Behandlung zu sehen. Das Ziel ist, sich breit aufzustellen, eben auch durch Kooperationen mit anderen Partnern. Das gilt für die Psychotherapie, die medikamentöse Behandlung, aber auch durch Selbsthilfegruppen oder spezielle Therapien wie die Lichttherapie. Es ist wichtig, werteorientiert zu handeln. Das gilt im übrigen auch für den gemeinen Psychiater. Wir müssen uns darüber bewusst werden, was uns wichtig ist. Regelmäßiger Sport und eine gute Ernährung gehören wie schon gesagt dazu.

Sie feiern 30-jähriges Bestehen und da sind auch weitere Investitionen geplant?
Wahl-Kordon: Ja. Wir haben uns ganz bewusst für den Standort Hornberg entschieden, obwohl es mit Personal immer schwieriger wird. Das ist geradezu eine Mammutaufgabe, Mediziner, aber auch Pflegepersonal hierher zu bekommen. Der Trend geht nun mal in die Stadt, wo auch die Infrastruktur stimmt. Ich glaube auch nicht daran, dass eine Trendumkehr eintreffen wird, und viele künftig wieder auf dem Land leben wollen. Im Gegenteil, dass wird sich noch mehr verschärfen. Wir glauben aber an den Standort und die Tradition der Klinik. Die Patienten schätzen das, und wir bekommen regelmäßig ein gutes Feedback. Die Stadt Hornberg und der Gemeinderat unterstützen uns gut. Derzeit haben wir 59 Betten. Ein Anbau, in dem es weitere 20 Betten geben wird, ist ein erster Vorläufer. Wir sehen das dann als gute Größe, denn die Nachfrage ist da. Wir wollen uns auch noch zukunftsfähiger machen und als Klinik im Premiumsegment komfortable Zimmer bieten. Dazu gibt es außerdem eine Renovierung im Bestandsbau und außerdem einen schönen Fitnessbereich.

Wie stärken Sie eigentlich Ihre eigenen Ressourcen und was motiviert Sie für Ihre tägliche Arbeit?
Wahl-Kordon: Ich bin sehr gerne in den Bergen unterwegs und gehe skifahren. Außerdem jogge ich sehr gern, auch mal nachts mit Stirnlampe. Körperliche Anstrengung ist für mich unglaublich befreiend, ja sogar ein Luxus und ein Genuss. Eine Motivation brauche ich eigentlich keine. Ich komme sehr gern hierher. Unsere Arbeit ist sinnvoll, wichtig und wertvoll. Wir erhalten etwas zurück. Und ich möchte ein guter Klinikchef sein. Wir sind sehr erfolgreich, und da will ich einen Dank an alle Mitarbeiter aussprechen. Wir bekommen das gut hin, aber es geht nur im Team. Es herrscht eine gute Stimmung und eine freundliche Atmosphäre. Das wird von unseren Patienten immer wieder rückgemeldet, die beides sehr schätzen. 

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