Gutach

Ella Diepen berichtet über die Wahlen in den USA

07. November 2016
&copy Ella Diepen

Seit August verbringt Ella Diepen ein parlamentarisches Austauschjahr in den USA. Sie wird exklusiv für die OT-Leser regelmäßig unter verschiedenen Aspekten über ihr Umfeld in Michigan berichten. Ein Tag vor den Präsidentschaftswahlen geht es heute natürlich um Politik.  
 

Trump- und Hillary-Plakate in Vorgärten, Werbung für die Präsidentschaftskandidaten im Fernsehen,  Berichte im Radio und sogar in der Kirche, wöchentliches Update der Wahlprognosen in der Schülerzeitung – das »Election year« in den USA ist überaus präsent und nicht zu übersehen. Morgen steht die 58. Wahl des 45. Präsidenten und des Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten von  Amerika an, und das ganze Land fiebert ihr schon monatelang entgegen. 

Obwohl es oftmals als »rude« (unpassend) gilt, über Politik zu sprechen, wird die meist eindeutige politische Meinung oft und gern preisgegeben. Das Besondere an dieser Wahl ist der Trubel um die Persönlichkeiten und das Fehlverhalten der Präsidentschaftskandidaten. »Ich finde beide schrecklich«, bekommt man nicht selten zu hören. 

Viele Jugendliche haben keinen blassen Schimmer

Viele Amerikaner wählen einfach nach Partei oder Geschlecht. Andere wählen nicht für, sondern gegen einen Kandidaten in erster Linie, um den Sieg des anderen zu verhindern.  Teenager übernehmen meiner Erfahrung nach oft die Meinung ihrer Eltern. Während Erwachsene eindeutige Gründe für ihren Favoriten haben, haben viele Jugendliche keinen blassen Schimmer, warum Trump »ein großer Mann« und Hillary eine »kriminelle Betrügerin« sein soll. Trotzdem wird das gern mal auf Körperteile oder an die Tafel geschrieben und in den Schulflur gerufen.

Trump-Anhänger aggressiv, rassistisch und ungebildet?

Viele Deutsche – auch ich, bevor ich in die USA kam – verstehen nicht, wie es »einer wie Trump« als Präsidentschaftskandidat so weit schaffen konnte. Wir Deutschen stellen uns einen typischen Trump-Anhänger meist aggressiv, rassistisch und ungebildet vor. Mein republikanischer Gastvater Kenneth (54) ist das komplette Gegenteil: sehr gebildet, ausgeglichen, kosmopolitisch und glücklich mit einer Deutschen verheiratet.

Vor »unserem« Haus stecken vier kleine Trump-Plakate (die glücklicherweise immer mal wieder geklaut werden), und in der Garage wartet neben dem roten Motorrad ein weiteres riesiges Plakat auf den Wahltag. So absurd das aus unserer Perspektive klingen mag – Trump zu wählen kann durchaus begründet werden.

»Ihr seid falsch informiert«

Als ich Ken mit unserem Bild eines typischen Trump-Wählers konfrontiere, sagt er: »Das liegt daran, dass ihr falsch informiert seid. Natürlich sind einige Trump-Wähler ungebildet und aggressiv, aber viele sind das genaue Gegenteil davon.« Warum wir Europäer so eine verbreitete Abneigung gegen Trump haben? »Ihr schaut, lest und hört falsche News-Medien. Fast alle europäischen Medien sind liberal, natürlich beeinflusst das eure Ansichten«, antwortet Ken.

»Habe gelernt, vorschnelle Urteile zu revidieren«

Auch nach dem Interview, das ich mit meinem Gastvater auf Englisch geführt habe, habe ich meine Meinung über Trump nicht geändert, aber es ist sehr anregend, sich mit einem freundlichen, aufgeschlossenen  Trump-Unterstützer auszutauschen. In meiner Zeit hier aber ich jedenfalls gelernt, meine vorschnellen Urteile zu revidieren und mir erst mal ein richtiges Bild der Person zu machen. 

Ich bin sehr gespannt auf den Ausgang der Wahl, und wie der morgen gewählte Präsident oder – hoffentlich – die Präsidentin ihre Politik für das Land, in dem ich noch acht Monate leben werde, umsetzen werden. Manches ist mir in Amerika immer noch ein Rätsel, vor allem, wie sie es schaffen, für mich völlig gegensätzliche Dinge zu  vereinbaren. Zum Beispiel, wie sehr aufgeschlossene und liberal denkende Menschen politisch so konservativ sein können und wie ein Land, das eigentlich aus Einwanderern besteht, so große Angst vor Immigration haben kann. Zum Glück habe ich noch acht weitere Monate Zeit, dieses Land durchzuexerzieren.

Ellas Fragen an Gastvater Kenneth

Was ist denn falsch am Liberalismus? 

Ken: Liberalismus ist nicht immer falsch. Ich stimme der ursprünglichen Definition von Liberalismus zu: Menschen sollten die Freiheit haben, ihre Meinung und Religion frei zu wählen und ihr Geld selbst zu verwalten. Liberale in den Vereinigten Staaten heute handeln jedoch eher wie Kommunisten. Sie wollen mir sagen, was ich zu glauben und wie ich mein Geld auszugeben habe. Das ist überhaupt nicht liberal. Da ich tatsächlich an die Idee von Freiheit glaube, bin ich quasi liberaler als die »liberalists« der USA.

Warum wählt denn jetzt ein gebildeter, vernünftiger, und sich selbst als liberal bezeichnender Mensch Trump?

Ken: Das größte Problem und wichtigste Kriterium, nach dem ich meine Wahl ausrichte, ist das Töten ungeborener Kinder. Abtreibung sollte gesetzlich verboten werden. Während Donald Trump versucht, Abtreibung zu stoppen, befürwortet es Hillary Clinton. Die anderen Probleme sind nebensächlich. Was ist schließlich wichtiger als Leben und Tod?

Was sind weitere Gründe für deine Wahl?

Ken: Mir gefällt, dass Trump bisher nicht in der Politik aktiv war und nicht Teil des korrupten Establishments ist. Hillary hingegen ist sehr korrupt und nimmt seit 1980 Bestechungsgelder. Außerdem bevorzuge ich niedrige Steuern und die Freiheit, mein Geld selbst zu verwalten. Ich will »law and order«, und Trump unterstützt die Polizei. Ein anderer Aspekt für meine Wahl ist, dass mir die Liste von Menschen gefällt, die er als Richter in den Obersten Gerichtshof schicken würde. 
Ich mag Trumps direkte Art. Viele Politiker geben lange Antworten, denen man nicht wirklich etwas abgewinnen kann. Trump hingegen spricht in kurzen, verständlichen Sätzen und meint, was er sagt. Außerdem hat er eine gute Familie und kluge, gebildete und verantwortungsvolle Kinder aufgezogen. Er ist ein Geschäftsmann, und sein Wissen kann dem Staatshaushalt aus dem Minus helfen. Ich unterstütze die Idee von einer Stärkung des Militärs als Sicherung des Friedens und Unterstützung der Polizei zur Herstellung von Recht und Ordnung. Ich finde es gut, dass er illegale Immigration stoppen möchte.

Dafür will Trump sogar eine Mauer zwischen den USA und Mexiko errichten. Sollte sich Amerika wirklich einmauern? 

Ken: Ja, wir müssen bestimmen, wer in unser Land kommt. Nach unseren Gesetzen darf niemand ohne Erlaubnis in unser Land kommen. Mexikanische Immigranten in den USA begehen Verbrechen, nehmen Amerikanern ihre Arbeit weg und beanspruchen ärztliche Behandlung. Amerika sollte an erster Stelle für Amerikaner sein.

Trump hat sich sehr vulgär über Frauen geäußert. Was hältst du von seinem antiquierten Frauenbild?

Ken: Es ist nicht gut und wünschenswert, aber es ist nebensächlich und kein zentrales Problem, das meine Wahl beeinflusst.

In Deutschland hat man nicht das Gefühl, dass Trump sich besonders gut in der Welt auskennt. Kann ein geographisch und politisch so ungebildeter Mensch amerikanischer Präsident werden?

Ken: Trump wurde an einer der besten Schulen der Welt ausgebildet. Er ist sehr gebildet im wirtschaftlichen Bereich. Wenn er Präsident wird, werden ihm Spezialisten für verschiedenste Themenbereiche zur Seite stehen.

Clinton will den Waffenbesitz in den USA einschränken. Trump will sogar die letzte waffenfreie Zone, die Schulen, noch abschaffen. Kann das irgend jemand wollen, dass in den Schulen geschossen wird?

Ken: Je mehr Waffen, umso weniger Verbrechen. Der Grund für die Schießereien und Amokläufe an den Schulen ist, dass dort keine Waffen vor Ort sind. Amokläufer wissen das und haben keine Angst, selbst erschossen zu werden. Waffen würden sie abschrecken und viele Tode vermeiden.

Bist du verärgert über die momentane politische Situation in den USA und enttäuscht von Obamas Präsidentschaft? Beeinflusst das deine Wahl?

Ken: Ja, er war ein schlechter Präsident. Er hat die Staatsverschuldung verdoppelt, er kritisiert die Polizei, weigert sich die Grenzen zu sichern, hat unser Gesundheitssystem zerstört, die rassistischen Spannungen verstärkt und ein großes Chaos in Libyen, Syrien und dem Irak verursacht. Natürlich beeinflusst das meine Wahl. Hillary würde nach Obamas Maßstäben regieren und seine Politik fortsetzen. Ich möchte aber eine Veränderung in der Politik.
 

Autor:
Ella Diepen

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