Immaterielles Kulturerbe der Menschheit

Flößerei soll auf die weltweite Unesco-Liste

Lesezeit 4 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
29. Juni 2020

(Bild 1/2) Für den Unesco-Antrag stellten die Schiltacher Flößer auch Bild- und Videomaterialien zur Verfügung – wie diese Aufnahme von Schiltachern Flößern auf der Ybbs in Österreich. Es ist die älteste Fotografie im Besitz der Schiltacher Flößer und zeigt ein nach Schwarzwälder Art gebautes Gestörfloß auf dem österreichischen Fluss, aufgenommen am 1. März 1866 – die Technik der Gestörflößerei ist eine Besonderheit der Kinzigtäler und Schwarzwälder Flößerei. ©Repro: Thomas Kipp

Eine internationale Gruppe arbeitet derzeit an einem Antrag für die Unesco. Ihr Ziel: die Aufnahme der Flößerei in die weltweiten Listen des Immateriellen Kulturerbes. Dabei ist auch das Kinzigtal.

Seit 2014 ist die Flößerei im bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes zu finden, neben inzwischen weiteren 100 verschiedenen Kulturformen (siehe Stichwort I). Das Kultusministerium der Länder und die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien haben nun im März bekannt gegeben, dass sie die Nominierung der Flößerei für die weltweiten Listen des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit unterstützen. „Damit werden die jahrelangen Bemühungen der Flößervereine im Kinzigtal um den Erhalt und die Weiterentwicklung dieses alten Handwerks gewürdigt“, freut sich der Schiltacher Floßmeister Thomas Kipp aus Vorderlehengericht. 

Und da die Flößerei nicht nur in Deutschland ein wichtiger Wirtschaftszweig war, sondern weltweit, arbeitet auch eine internationale Arbeitsgruppe seit nunmehr zwei Jahren an dem gemeinsamen Antrag für die Unesco. Darunter Vertreter aus Deutschland, Tschechien, Österreich, Polen, Lettland und Spanien. Auch Kipp hat als Experte und Vorstands-Mitglied der deutschen Flößervereinigung an dem Bewerbungsschreiben mitgearbeitet. Dementsprechend tauchen auch die Kinzigtäler Flößer auf Bildern und in Videos auf. Der Antrag selbst soll laut Kipp am Ende zwar nur zwei DIN-A4-Seiten lang sein, aber je mehr ausdrucksstarke Bilder und Videomaterial die Flößerei und ihre Geschichte darstellen, desto besser. 

Einfach ist ein Blick in die Geschichte jedoch nicht, denn als das letzte erwerbsmäßige Floß 1894 die Kinzig passierte, begann die Zeit der Fotografie gerade erst. Über alte Zeichnungen aber und weiteren Relikten aus vergangenen Zeiten ist es den Flößern doch gelungen, das Wissen in den vergangenen Jahrzehnten wieder aufleben zu lassen. Den Schiltacher Flößerverein gibt es seit 1998, die Wolfacher Flößer sind seit mehr als 35 Jahren aktiv.

Wissen und Know-how der Flößer

„Bei der Flößerei ging es um Wissen und Know-how“, beschreibt Kipp. Und das war über die Grenzen des Schwarzwalds gefragt. Die Erforschung der Flößerei ist deshalb auch ein Blick in die Geschichte der Wirtschaft. Schwarzwälder Flößer wurden angeworben, Flüsse wie die Ybbs floßbar zu machen. Dafür reiste der Schiltacher Abraham Koch 1864 nach Österreich. Die erste Floßfahrt auf der Ybbs fand dann 1866 statt. Oder: Rumänische Forstarbeiter haben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Bad Rippolds­au gekurt, dort die Flößer auf der Wolf gesehen und daraufhin 90 Leute nach Siebenbürgen geholt, mit dem Ziel, das Holz aus den Karpaten auf die Donau zu bringen, erzählt Kipp. 

- Anzeige -

Die Flößerei weiß viele solcher Geschichten zu erzählen, und sie rückt deshalb auch immer mehr in das Bewusstsein von Forschern, Archäologen und Historikern. Und je mehr erforscht wird, desto größer wird das Referenzspektrum und desto weniger Wissen geht verloren. Kipps Definition von Flößerei – „die Flößerei ist praktisch der Transport von Holz auf Wasser“ – zeigt wie breit gestreut und vielseitig das Thema Flößerei eigentlich ist. Damit dieses Wissen weitergetragen wird, dabei helfe auch eine Aufnahme in die weltweite Liste des Immateriellen Kulturerbes. 

Lokal und grenzüberschreitend

„Wenn Menschen ihr Wissen und Können weitergeben, ist das ein wertvoller Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenleben, zur kulturellen Identität und zur nachhaltigen Entwicklung. Kultur ist lokal und grenzüberschreitend zu gleich – das zeigen auch die multinationalen Nominierungen für die internationalen Unesco-Listen“, betont auch Maria Böhmer, Präsidentin der Deutschen Unesco-Kommission.

Die offizielle Bewerbung muss bis 31. März 2021 beim Sitz der Unesco in Paris eingereicht werden. Gefordert sind unter anderem Nachweise, wie das Immaterielle Kulturerbe Flößerei als lebendiges Handwerk weiterentwickelt und an die nächsten Generationen weitergegeben wird. Wichtig sind auch Nachweise, welche Maßnahmen die Flößervereine ergreifen, um das Flößerei-Erbe zu erhalten. Eine Entscheidung über die Aufnahme trifft die Vollversammlung der Mitglieder der Unesco-Kommission dann frühestens 2022.

INFO: In Deutschland gibt es derzeit etwa 2500 Flößer und Flößerinnen in 34 Vereinen, europaweit sind es nahezu 8000. 

Stichwort

Das Immaterielle Kulturerbe

Das Unesco-Übereinkommen zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes sieht auf internationaler Ebene zwei Listen vor: die Repräsentative Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit und die Liste des dringend erhaltungsbedürftigen Immateriellen Kulturerbes. Hinzu kommt ein Register „Guter Praxisbeispiele“. Deutschland ist dem Übereinkommen zur Erhaltung Immateriellen Kulturerbes 2013 beigetreten. Es gibt auch eine bundesweite Liste des Immateriellen Kulturerbes, die eine Bestandsaufnahme der kulturellen Traditionen und Ausdrucksformen in Deutschland zeigt. Um auf die weltweite Liste des Kulturerbes zu kommen, ist eine Verankerung in der bundesweiten Liste eine der Voraussetzungen.

Die weltweiten Unesco-Listen des immateriellen Kulturerbes zählen 549 Einträgen aus 127 Ländern, darunter vier aus Deutschland: der Blaudruck, der Orgelbau und die Orgelmusik, die Falknerei und die Genossenschaftsidee und -praxis. In Deutschlands Verzeichnis sind aktuell insgesamt 106 lebendige Kulturformen sowie Modellprogramme der Erhaltung Immateriellen Kulturerbes eingetragen.

Stichwort

Die Unesco

Die Unesco (United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization) ist die Sonderorganisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur. Sie wurde am 16. November 1945 gegründet und zählt inzwischen 193 Mitgliedstaaten. Ihr Sitz ist Paris. Als einzige UN-Organisation verfügt die Unesco über ein weltweites Netzwerk von Nationalkommissionen. „Ihre Aufgaben sind es, die Ziele und Programme der Unesco auf nationaler Ebene umzusetzen und Institutionen und Organisationen des jeweiligen Landes zur Mitarbeit anzuregen“, schreibt die Unesco auf ihrer Homepage. Das Programm der Unesco ist breit aufgestellt, ein Schwerpunkt ist die Kultur und der Schutz des Kulturerbes.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Ortenau

Der Räderhersteller BBS in Schiltach hat Insolvenz angemeldet, betroffen sind rund 500 Mitarbeiter am Firmensitz und im Logistikzentrum Herbolzheim.
vor 12 Stunden
BBS stellt Insolvenzantrag
Der Schiltacher Felgenhersteller BBS hat am Montag Insolvenz beantragt. Es ist bereits die dritte innerhalb der letzten 15 Jahre. Das Unternehmen beschäftigt rund 500 Mitarbeiter.
vor 16 Stunden
Rust
Das Horror-Event „Traumatica“ im Europa-Park wird in diesem Jahr nicht stattfinden. Das gab Park-Geschäftsführer Michael Mack am Mittwoch auf Twitter bekannt.
vor 16 Stunden
**AKTUELL**
Die Polizei fahndet weiterhin nach dem 31-jährigen Yves Rausch, der am Sonntag in Oppenau vier Polizisten entwaffnet haben und in den Wald geflüchtet sein soll. Über aktuelle Ereignisse informieren wir im Live-Ticker.
vor 16 Stunden
Oppenau
In den Boulevardmedien gewinnt das angebliche Manifest von Yves Rausch an Bedeutung. Die Polizei ist sich indes unklar, ob der 31-jährige Flüchtige das Dokument verfasst hat.
vor 22 Stunden
Mehrere Einsätze der Feuerwehr
Am Dienstag waren ab 9.30 Uhr Ampelsysteme, Bildschirme, Kassen und vieles mehr in der Stadt lahmgelegt. Erst flackerten die Lichter, dann war für eine Stunde der Strom weg.
vor 23 Stunden
Pressekonferenz
1500 Polizeibeamte fahnden seit Sonntagvormittag in Oppenau nach dem bewaffneten Yves Rausch. Die Polizei will die Suche nach dem 31-Jährigen im Wald nun einstellen und ihre Strategie ändern.
15.07.2020
"Er würde niemanden verletzen"
Die Mittelbadische Presse hat mit der Mutter des flüchtigen Yves Rausch gesprochen. Sie sorgt sich um ihren Sohn. Sie widerspricht dem Bild, das viele Medien von ihrem Kind zeichnen und sagt, er werde von der Polizei in die Ecke gedrängt.
15.07.2020
#iloveortenau
Unsere neue Serie stellt Menschen aus der Ortenau vor – sechs Fragen, sechs Antworten. Unsere heutige Ortenauerin ist 57 Jahre alt und Erzieherin.
15.07.2020
Überfall
Auf dem Weg zum Hafen wurde in Mexiko der Tross eines Agrarhandels ausgeraubt. Jens Arnold von Arnolds Kaffeemanufaktur in Offenburg konnte Ersatz für seinen Kaffee beschaffen. Die Plantagenbesitzerin prangert die Missstände im Land an. 
15.07.2020
Kommentar
Redakteur Simon Allgeier fragt sich, inwiefern der Ausnahmezustand aufgrund der Großfahndung in der Oppenau gerechtfertigt ist und ob die Polizei nicht woanders gerade dringender gebraucht wird.
15.07.2020
Ungewöhnlicher Brand
Ein Holzschuppen ist am Dienstag aus einem kuriosen Grund in Schuttertal in Brand geraten: Ein Netz war vom Wind in die Luft gewirbelt worden und geriet gegen die darüber verlaufende Überland-Stromleitung, wodurch es Feuer fing.
14.07.2020
#iloveortenau
Unsere neue Serie stellt Menschen aus der Ortenau vor – sechs Fragen, sechs Antworten. Unser heutiger Ortenauer kommt ursprünglich aus Metz in Frankreich – doch die Ortenau hat sein Herz erobert.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • Das edel-graue Parkett schafft eine klare Raumstuktur.
    06.07.2020
    Im grenznahen Neuried werden Wohnträume wahr
    Holz ist ein wunderbarer Werkstoff für den Innenausbau: Er ist durch und durch natürlich und passt sich den Anforderungen an. Dabei ist er genauso individuell wie die Menschen, die in den vier Wänden leben. Wer seinen Wohntraum in Holz verwirklichen will, ist bei marx Design in Holz in Neuried an...
  • Willkommen zu Hause: Stressless® steht für Komfort und Entspannung. Modell: Tokyo Linden Sand.
    02.07.2020
    Stressless®: Raus aus dem Alltag, rein ins Zuhause
    Möbel RiVo ist eine der führenden Adressen für anspruchsvolles Einrichten und Wohnen in Baden. Das Möbelhaus in Achern-Fautenbach ist Partner ausgewählter Marken und präsentiert mit Stressless® norwegischen Komfort. Die Welt des exklusiven Möbelherstellers wartet im Stressless®-Studio darauf,...
  • Kai Wissmann präsentiert am Donnerstag, 16. Juli, die Gewinner der Shorts 2020.
    25.06.2020
    Trinationales Event: Großes Finale am 16. Juli
    Die Shorts lassen sich nicht ausbremsen, auch nicht von einer weltweiten Pandemie: Das trinationale Filmfestival der Medienfakultät der Hochschule Offenburg wird diesmal komplett online ausgerichtet. Die Filme sind donnerstags und sonntags ab 19 Uhr im Live-Stream hier abrufbar. Das große Finale...
  • Eine reduzierte Formensprache, robuste Materialien und eine seriöse Optik zeichnen Möbel von Musterring aus.
    25.06.2020
    Möbel RiVo in Achern: Wohnwelt auf 8000 Quadratmetern
    Bei der Einrichtung zählt einzig und allein der persönliche Geschmack. Und Geschmack ist bekanntlich vielseitig. Gerade deshalb bietet das Einrichtungshaus Möbel RiVo in Achern-Fautenbach eine riesige Auswahl an Markenkollektionen von Top-Designern und -Herstellern wie Musterring.