Hornbergs Kantor geht in Ruhestand

Hartmut Schmeißer blickt auf 33 Jahre

Autor: 
Petra Epting
Lesezeit 6 Minuten
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21. September 2018

Hartmut Schmeißer vor der evangelischen Kirche in Hornberg, wo er 33 Jahre lang wirkte. ©privat

Hartmut Schmeißer, seit 33 Jahren Kantor bei der Evangelischen Gemeinde in Hornberg, wird beim Erntedankgottesdienst am 7. Oktober verabschiedet. Im Interview blickt er zurück und voraus, erzählt von Höhepunkten und was ihm weniger gefiel, aber auch von Veränderungen in seinem Beruf.

Nach über 30 Jahren im Dienst – können Sie sich noch an Ihren ersten Arbeitstag in Hornberg erinnern?
Hartmut Schmeißer: O ja! Es war Erntedank vor 33 Jahren – ich war beeindruckt von der großartig geschmückten Kirche, von dem überaus guten Gottesdienstbesuch und natürlich von den Trachten, die ich damals zum ersten Mal live sah.

Wie sehr hat sich der Beruf des Kantors verändert?
Schmeißer: Da Sie diese Frage stellen, vermute ich, dass Sie schon etwas wissen über die Veränderungen in den Volkskirchen und hier speziell im musikalischen Bereich. Das heutige Berufsbild eines Kirchenmusikers ist mit dem vor 40 oder 50 Jahren kaum noch zu vergleichen. War damals die Orgel das Hauptinstrument in der Kirche, so leben wir heute auch in den Kirchen immer mehr mit der rhythmusbetonten elektronischen Musik – mit all den Nachteilen. Das muss ich jetzt ganz kurz erklären: Ein Rechner (also ein PC) ist ein sehr genaues Taktinstrument. Bei jedem Keyboard kann man beispielsweise viele Taktvorgaben einstellen und der Rhythmus der Musik ist höchst genau, aber im Grunde ohne Gefühl! Unsere Atmung, unser Puls und unsere Sprache haben aber einen ganz natürlichen Zeitrhythmus. Ob und wie die sogenannte Popularmusik (auch in der Kirche) die natürlichen Zeitrhythmen des menschlichen Organismus mit der Taktmotorik ihrer Vorgaben verbinden kann, ist mir eine große Frage.

Was war Ihnen in Ihrem Berufsleben stets wichtig?
Schmeißer: Für alle unter meiner Leitung musizierenden Gemeindeglieder und auch für mich selbst immer darauf zu achten, dass keine »Routine» zu den Gottesdiensten einsetzt. Für mich war es immer wichtig, dass die musikalischen Begabungen ständig neu gelebt wurden im »Soli Deo Gloria«. Das ist Lateinisch und heißt auf Deutsch: dem alleinigen Gott die Ehre.

Was waren die Höhepunkte, was hat Ihnen weniger gefallen?
Schmeißer: Ja, auch »große« Oratorien konnte der relativ kleine Kirchenchor noch aufführen. Ich habe immer versucht, höchstens nur vier oder fünf Gastsänger zuzulassen, und es gelang den knapp 30 Kirchenchormitgliedern Bach's Weihnachtsoratorium sogar mehrmals aufzuführen. Das Mozart-Requiem haben wir mit lediglich 26 Sängern erfolgreich aufgeführt. Den Anfang der größeren Konzerte machte aber ein kleineres Oratorium. Als ich noch Kantor in einem Ort am Niederrhein war, hörte ich im WDR damals das »Miserere« von Antonio Tozzi. Es muss wohl eine Studio-Aufnahme aus den 60-er oder 70-er Jahren gewesen sein. Das hatte mir so sehr gefallen, dass ich über Umwege das handgeschriebene Notenmaterial für Orchester, Solisten und Chor vom WDR in Köln damals zu einer eigenen Aufführung ausgeliehen bekam. Ich wusste damals gar nicht, dass das eine deutsche kirchliche »Erstaufführung« werden würde. Nicht gefallen hat mir, dass die finanziellen Mittel beispielsweise in Form von Zuschüssen auch von Länderseite her immer weniger und große Konzerte in guter Orchesterbesetzung mit entsprechenden Solisten immer teurer wurden.

Werden Sie weitere Veranstaltungen und Projekte der Evangelischen Gemeinde begleiten?
Schmeisser: Ich habe schon zu meinem 30-jährigen Dienstjubiläum gesagt, dass ich, falls gewünscht, auch im Ruhestand als Organist zur Verfügung stehen werde, jedenfalls so lange wie es mein Chef im Himmel zulässt.

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Als Leiter des einstigen Kirchenchors: Bedauern Sie das Sterben vieler Chöre bzw. sehen Sie Projektchöre als Zukunftsmodell?
Schmeißer: Heute steht für die Mehrheit das Konsumieren im Vordergrund und weniger das Tun. Nicht umsonst war das Ergebnis einer kürzlich in Auftrag gegebenen Umfrage »Was die Deutschen in ihrer Freizeit tun« symptomatisch – Fernsehen rangierte an erster und Musizieren an letzter Stelle! Da helfen wohl auch keine Projektchöre auf Dauer.

Wie kam es zu Ihrem Berufswunsch?
Schmeisser: Bevor man Orgel lernt, sollte man Klavier lernen – und das habe ich mit sechs Jahren unter Protest begonnen. So etwa mit zwölf hörte ich das erste Mal eine richtig »große« Orgel im Rundfunk. Es war eine historische Aufnahme mit Hans Ander-Donath in der alten Frauenkirche zu Dresden – Johann Sebastian Bach's F-Dur Toccata hatte es mir augenblicklich angetan – und mir war klar: Ich werde Organist.

Welche Orgellehrer hatten Sie?
Schmeißer: Heute gehört es fast zum guten Ton, wenn man mit möglichst vielen Lehrern seinen musikalischen Lebenslauf garnieren kann. Da bin ich anderer Meinung: Natürlich hatte ich auch das Glück von zwei Organisten unterrichtet zu werden, die zu der damaligen Zeit zu den renommiertesten der Welt gehörten. Ganz in der Nähe der Dresdner Frauenkirche (damals 1969 noch eine Ruine) begann ich mit den ersten Unterrichtseinheiten bei dem Freiberger Domkantor Hans Otto. Er betreute mich in Dresden vier Jahre bis zur B-Prüfung. Anschließend studierte ich weiterhin das Fach Orgel bei Professor Johannes Ernst Köhler an der Franz-Liszt-Hochschule in Weimar. Nach der regulären Studienzeit von vier Jahren bekam ich dort ein Leistungsstipendium und habe dann nach fünf Studienjahren mit dem Konzertdiplom abgeschlossen.

Welchen Bezug haben Sie zur Hornberger Orgel und gibt es Lieblingsstücke, die Sie besonders gern auf ihr spielen?
Schmeisser: Dieses Instrument hat mich über all die Jahre nie allein gelassen. Es ist eine gute Arbeit der Oettinger Firma Steinmeyer  aus dem Jahr 1957. Neben einigen Veränderungen am Spieltisch habe ich die Orgel in den 80-er Jahren neu intonieren lassen. Dadurch klangen die norddeutschen Orgelkompositionen kerniger als vorher.

Wie werden Sie in den Ruhestand starten? Was haben Sie als Erstes vor?
Schmeißer: Ich werde noch mehr fotografieren und Bildbearbeitung am PC betreiben und weiterhin in meinem Labor die Schöpfung bestaunen. Histologie oder Limnologie sind auch für den ambitionierten Laien zugänglich, wenn man die Laborausrüstung und langjährige Erfahrung besitzt. Man kann beispielsweise das Mikroleben im Wassertropfen betrachten, den mikroskopischen Aufbau der Pflanzen studieren oder auch hauchdünne Querschnitte von Insektenaugen und vielen anderen Geweben anfertigen und sie in verschiedenen Kontrastierungen anschauen oder fotografieren. Musik füllte mich zwar mein Leben lang aus, aber es gibt auch noch andere Dinge, die zu beachten sich lohnen!

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