Hausach

Im Interview mit José F. A. Oliver

Autor: 
Claudia Ramsteiner
Lesezeit 7 Minuten
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04. Mai 2016
Der Hausacher Lyriker José F. A. Oliver im Gespräch mit dem Offenburger Tageblatt.

Der Hausacher Lyriker José F. A. Oliver im Gespräch mit dem Offenburger Tageblatt. ©Yves Noir

Das Programm steht – dennoch gibt es für José F. A. Oliver, seine Stellvertreterin Ulrike Wörner und das Team noch viel zu tun für den 19. Hausacher »Leselenz«, der am 22. Juni beginnt. Für sein jüngstes Buch sind die Vorbereitungen jedoch abgeschlossen: »21 Gedichte aus Istanbul, 4 Briefe & 10 Fotow:orte« kam am Montag vergangener Woche in den Handel. Wir sprachen mit dem Hausacher Dichter und »Leselenz«-Kurator.

Sie waren in Sachen Hausacher »Leselenz« in Slowenien und haben von dort gute Neuigkeiten mitgebracht? 
José F. A. Oliver: Ja, der Hausacher »Leselenz« ist eine Kooperation mit 14 europäischen Literaturfestivals eingegangen. Die Fäden laufen in Ljubljana zusammen. Das EU-Projekt heißt »Versopolis«, auf Deutsch in etwa »Stadt oder gar Land der Verse«. Durch diese Kooperation wird der »Leselenz« noch internationaler und bekommt zum ersten Mal auch Gelder von der EU. Die Finanzen werden in der slowenischen Hauptstadt verwaltet. Ich war dort, um über organisatorische Details zu sprechen. Wir laden nun jedes Jahr bis zu fünf Dichterinnen und Dichter aus dem europäischen Ausland ein. 2016 kommen diese aus Schweden, Frankreich, Polen. Das ist eine feine Sache. Ihre Lesungen sind dann in Hausach jeweils zweisprachig.

Was gab den Ausschlag für das diesjährige Thema »ur:Sprünge. Literatur, Körper und Bewegung«?
Oliver: Es ist ein spannendes Thema, das sich dieses Jahr besonders anbietet. Im Juni beginnt die Fußball-EM, kurz danach die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro. Im weitesten Sinne »Körper und Bewegung«. Wir streifen beim »Leselenz« deshalb auch das Thema »Sport und Literatur«. Besonders die Eröffnungsveranstaltung wäre hier hervorzuheben. Sie wird von Andreas Platthaus, dem Literaturchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung moderiert. Seine Gäste sind Ilija Trojanow, der ein Olympiabuch geschrieben hat (»Meine Olympiade« – S. Fischer Verlag), und Ines Geipel, ehemalige Weltrekordhalterin aus der DDR und Opfer des staatlich verordneten Dopings im DDR-Leistungssport. Sie ist als Vorsitzende der Doping-Opfer-Hilfe in der Aufarbeitung des Zwangsdoping-Systems tätig. 

Die Themenvielfalt reicht von Werkstätten, die sich als Wort-Tanz-Interpretationen mit dem Thema auseinandersetzen bis hin zur Lesung von Abbas Khider, der seinen Roman »Ohrfeige« vorstellt. Ein sehr aktuelles Buch über das Schicksal von Flüchtlingen. Ulrike Wörner und ich haben versucht, Autorinnen und Autoren auszuwählen, die sich in ihren Werken im weitesten Sinne mit »Literatur und Körper« oder »Literatur und Bewegung« beschäftigen. 

Sie setzten Ihre Idee eines Literaturfestivals in Hausach vor 18 Jahren um und bereiteten nun den 19. »Leselenz« vor. Wird das nach so vielen Jahren Routine?
Oliver: Routine wäre ja verheerend. Ein Festival inhaltlich und organisatorisch vorzubereiten ist immer eine lebendige, stets neue Herausforderung. Wenngleich es selbstverständlich Aspekte gibt, denen die langjährige Erfahrung zugute kommt. Das Wissen um die Dinge, die notwendig sind, weil sie so oft erprobt wurden, hilft natürlich sehr. Ich weiß beispielsweise, dass es Sinn hat, die Hotelplanung und Zimmerbelegung relativ zeitnah zum Festival vorzunehmen. Dafür gibt es Anderes, das sehr früh bedacht und abgesprochen werden muss: Wer liest mit wem? Wen laden wir als Moderatoren ein? Welche Veranstaltungskonzepte wollen wir zusätzlich aufnehmen . . . Das sind inhaltliche Überlegungen, die oft ein ganzes Jahr brauchen, bis sie stimmig sind. Vielleicht könnte man es so formulieren: Die Erfahrungen sind ein Gerüst auf dem man sich dann sicherer und freier bewegen kann.

Welches sind die größten Hürden, die für so eine Großveranstaltung  der Literatur zu überwinden sind? 
Oliver: Da fallen mir zwei ein. Der »Leselenz« hat ja einen Reihencharakter und einzelne »Mit-Kuratoren«, die diese Reihen betreuen. Alle Verantwortlichen und die jeweiligen Autorinnen und Autoren terminlich unter einen Hut zu bringen ist eine Kunst für sich. Und dann natürlich das Geld. Es ist ja nicht so, dass es ein Budget gibt, das da lauten würde: »So, hier sind (beispielsweise) 100 000 Euro – mach was draus!« 

Nein, es gibt eine überschaubare Grundsumme und die restlichen Gelder müssen über den Verein zur Förderung des Hausacher »Leselenzes«, bei verschiedenen Stiftungen und Sponsoren aus dem öffentlichen Leben und der Wirtschaft jedes Jahr von Neuem angefragt oder in irgendeiner anderen Form zusammengetragen werden. Das ist eine umfangreiche Aufgabe und verursacht mehr als nur einmal Kopfzerbrechen. Aber wir können uns in Hausach sehr, sehr glücklich schätzen, dass wir so viele wohlwollende und großzügige Unterstützer und Förderer haben.

Europa driftet immer mehr nach rechts – vermag es die Literatur, dagegen zu steuern? 
Oliver: Ich weiß nicht, ob Literatur direkte politische Auswirkungen hat. Literatur ist genau das nicht. Sie ist nicht die Sprache, derer sich die Politik bemächtigt. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass sie eines auf jeden Fall vermag: andere Welten zu erschaffen. Literatur trägt eine offenere Sprache zu den Menschen. Sie gestaltet eigene Perspektiven und Vorstellungen. Literatur setzt Fantasie frei. Und sie erfüllt noch eine wunderbare Aufgabe: Literatur regt das Denken an. In jeder Hinsicht. Es entsteht auf diese Art und Weise ein Dialog zwischen dem, was man als landläufig als »Vernunft« bezeichnet und dem, was man unter dem Wort »Gefühle« zusammenfassen könnte. Damit leistet sie einen kulturell wichtigen Beitrag und ist eine wichtige gesellschaftliche Größe. 

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Wir haben in diesem Jahr Autorinnen und Autoren aus mehr als 20 Ländern und Kulturen zu Gast. Das beflügelt und bedeutet die Verteidigung der Vielfalt, die wir brauchen, um differenzierter in die Zukunft schauen zu können. Die Frage ist, und damit sind wir wiederum bei der Politik und deren Konsequenzen: Wie gehen wir mit der Vielfalt des Lebens und seiner Entwürfe um? Wie gestalten wir diese? Was wollen wir? Was können wir? Jeder für sich, und alle in gemeinsamer Verantwortung. Literatur ist das beste Mittel gegen ein Schwarz-Weiß-Denken, das letzten Endes nur in Kriege führen kann.

Stellen Sie sich vor, eine gute Fee gewährt Ihnen die Erfüllung dreier Wünsche für den Hausacher »Leselenz«: 
Oliver: Dass er sich immer wieder aufs Neue erfindet und damit lebendig bleibt. Dass er immer einen Beitrag leisten möge, die Schönheit von Sprache bewusst zu machen und dass es ihm gelingen möge, die Weichen zu stellen für die Zukunft des Festivals. Unabhängig von den Personen, die ihn gestalten und organisieren. Also auch unabhängig von mir. Das ist wohl die größte Herausforderung der kommenden Jahre: Wie geht es weiter? Wer macht dereinst weiter?

Die Bewerbungsfrist für die nächsten drei »Leselenz«-Stipendien läuft gerade ab. Wie beurteilen Sie das Bewerberfeld und wann ist die Sache entschieden? 
Oliver: Es wird wohl wieder schön schwer werden, da sich doch einige sehr, sehr gute Schriftstellerinnen und Schriftsteller beworben haben. Ich denke, die Stipendien haben mittlerweile einen guten Namen. Die Jury-Sitzung ist am 20. Mai. Dann wissen wir mehr.

Ihr eigenes jüngstes Buch kam vergangene Woche auf den Markt. Ihre Gedichte, die »Fotow:orte« und die Briefe aus Istanbul sind nun drei Jahre alt. Wie erleben Sie seither die Entwicklung in der Türkei?  
Oliver: Es ist eine gründliche Katastrophe. Die Türkei befindet sich auf dem strikten Weg in eine Erdokratur. Meinungen sind nicht mehr frei, sondern verkommen zu einer unberechenbaren, erdoganistischen Weltanschauung, um nicht zu sagen Ideologie. Ein personenkultiger Religions- und Macht-Faschismus ist das, was wir seit geraumer Zeit erleben. Die Willkür greift immer mehr um sich. Politik in der Türkei ist die anmaßende und überhebliche Staatsdoktrin eines Mannes und seiner ihm hörigen Partei. 

Das ist furchtbar und bitter. Und sehr gefährlich. Ich hoffe, dass diejenigen politischen Kräfte, die in Europa noch an die Gestaltung von Freiheit und Demokratie glauben, diesem Menschenrechtsverletzer und seinen immer häufiger tödlich endenden Machenschaften die entschiedene Stirn bieten und sich weder einschüchtern noch erpressen lassen. Das ist schwierig und, wie wir jeden Tag aufs Unglaublichste erfahren müssen, eine ziemliche Gratwanderung. Ich wünschte mir im Umgang mit den derzeitigen politischen Verhältnissen in der Türkei weniger Blauäugigkeit!

 

Weitere Informationen zum Hausacher »Leselenz« unter www.leselenz.com

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