Inklusion im Kinzigtal (7)

Inklusionsschulen brauchen mehr Verlässlichkeit

Autor: 
Katrin Mosmann
Lesezeit 4 Minuten
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21. März 2017

Geben jeden Tag alles für ihre Schüler: Angelika Buhliner (von links) Evi Schlumberger, Henrik Sander, Nicol Romfeld, Schulleiterin Simone Giesler und Manuel Gartner. Ab und an stoßen sie dabei auch an ihre Grenzen. ©Katrin Mosmann

Wenn jeder Mensch mit und ohne Behinderung überall dabei sein kann, dann nennt man das eine gelungene Inklusion. In einer Serie beleuchten wir die Inklusion im Kinzigtal – wo sie gelingt und wo es noch hapert. Diesen Mittwoch: Gespräch mit Lehrern der Graf-Heinrich-Schule in Hausach. 

Mehr als zehn Jahre werden bereits Inklusionsschüler an der Graf-Heinrich-Schule in Hausach unterrichtet. Schulleiterin Simone Giesler erinnert an die »ersten Gehversuche«: Wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht, die Inklusion ist ein Gewinn für uns und vor allem für die Kinder. Heute, viele Jahre später, hat sich an dem Grundgedanken und dem Willen, Inklusion zu leben, nichts verändert. Aber leider funktioniert die Inklusion derzeit nur mit einem immensen Mehraufwand seitens unserer Lehrer.«

Im Schnitt sollten die Inklusionsschüler – an der Graf-Heinrich-Schule sind derzeit 15 Schüler mit Lernschwäche und zwei Down-Syndrom-Kinder – 1,4 Wochenstunden (das gilt nur für die Kinder mit Lernschwäche) sonderpädagogisch begleitet werden, sagt Giesler. Sie weiß aber auch: »Von der Umsetzung sind wir weit entfernt.«

»Ich werde so den Anforderungen nicht gerecht«

Henrik Sander, Lehrer der Klasse 2a, hat ein Inklusionskind in seiner Klasse: »Seit anderthalb Jahren habe ich für dieses Kind nicht eine einzige sonderpädagogische Begleitungsstunde bekommen. Ich habe 26 Kinder in der Klasse, jedes hat seine individuellen Bedürfnisse, und dann ist da noch dieses eine Kind, das eben noch intensivere Betreuung braucht. Wir geben alle unser Bestes, aber das kann ich nicht stemmen und werde den Anforderungen so nicht gerecht.«

So müsse er Klassenarbeiten differenziert anbieten und dem Inklusionsschüler sogar ein Zeugnis schreiben, was er im Grunde genommen gar nicht darf und kann. Doch die sonderpädagogischen Fachkräfte fehlen: »Es ist eine Ressourcenfrage«, weiß Giesler. »Leider gab es einige Ausfälle bei den ›Sonderbegleitern‹, es fehlen einfach die Kräfte.« Dabei seien diese Sonderpädagogen, die teils von Haslach, teils von Wolfach kämen, so wichtig für die funktionierende Inklusion. 

Drei sonderpädagogische Wochenstunden pro Inklusionskind fordern die Lehrer der Graf-Heinrich-Schule

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Das zeigen nicht zuletzt die Beispiele, wo es »reibungslos funktioniert«. Nicole Romfeld, die die Klasse 4c unterrichtet, weiß: »In meiner Klasse sind fünf Kinder mit Lernschwäche. Seit der ersten Klasse kommt die gleiche Sonderpädagogin durchschnittlich 1,6 Wochenstunden zu uns. Hier sieht man, wie es laufen könnte. Aber auch hier wären deutlich mehr Betreuungsstunden wichtig.« Viel Zeit für Absprachen seien nötig, aber die Gruppeninklusion in ihrer Klasse läuft: »Es funktioniert aber nur, weil wir hier eine konstante Betreuung haben«, sagt Romfeld. 

»Drei Wochenstunden pro Kind sind von uns Lehrern gewünscht und notwendig«, sagt Schulleiterin Giesler. »Und natürlich ist die Gruppeninklusion die beste Lösung, damit die Gesamtstundenzahl größer wird.« Genau das haben wir Lehrer schon mehrfach beantragt, denn wir alle haben den Lerneffekt für die Kinder im Blick, und so ist es eben für beide Seiten nicht befriedigend«, sind sich die Lehrer einig. »Wir haben alle viel zu wenig Zeit für die Schüler. Wenn wir nur mal schauen, wie viel Zeit alleine für die Bürokratie, für Anträge mit kurzen Fristen, Verlängerungen und Absprachen benötigt wird. So verliere ich den Spaß am Unterricht. In der Folge geht es mir schlecht und meinen Schülern auch«, sagt Manuel Gartner, Lehrer der Klasse 3: »Ich möchte schließlich allen Kindern gerecht werden.« 

Bürokratische Hürden müssen überwunden werden

»Und dafür müssen bürokratische Hürden überwunden werden«, sagt Giesler, die weiß, was ihre Lehrer jeden Tag leisten, damit es klappt. Evi Schlumberger ist fest angestellte Sonderschullehrerin an der Graf-Heinrich-Schule. Auch sie wünscht sich Verbesserung: »Gruppeninklusion ist wichtig und eine angemessene Klassengröße. Nur so können wir dem Gemeinschaftskonzept, dass Inklusion im Unterricht stattfindet, gerecht werden. Derzeit renne ich meist zwischen Klassenzimmern hin und her. Ich betreue Schüler in nur einer ihrer vier Englischunterrichtsstunden und bin permanent am Vorbereiten für die Lehrerin, die den Regelunterricht macht.«

Die Lösung für die Probleme liege auf der Hand: »Mehr Stunden für die Kinder und Zeit für Kooperationsgespräche sind notwendig«, fordert Gartner und Giesler ergänzt: »Wir brauchen vor allem Verlässlichkeit und konstante Betreuer.« 

Zahle der Sonderpädagogische Betreuungsstunden ist nirgends im Gesetz verankert

Doch für all das müsse erst einmal Transparenz geschaffen werden: »Die Sonderpädagogischen Betreuungsstunden, die den Kindern zustehen, sind nirgends im Gesetz verankert. Es gibt keine Zahlen, alles wird individuell entschieden. Was will man einklagen, wenn es keine Gesetzesgrundlage gibt«, wirft Angelika Buhlinger (1c) in den Raum. Und genau hier muss angesetzt werden, denn fernab von Bürokratie und Zahlen ist eines sicher: Auf die Inklusionsschüler verzichten will keiner: »Das Inklusionskind bereichert meine Klasse und die ganze Schule. Es gibt so viele tolle Erfolge, die Mut machen und ich bin überzeugt, dass Inklusion gut ist. Die Kinder gehören hierher, an diese Schule«, sagt Henrik Sander.

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