Hausach

Jahrestag Kriegsende: Hausacher "Mädle" erzählen vom Krieg

Autor: 
Michaela Keller
Lesezeit 6 Minuten
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04. Mai 2021
schochDas Hausacher Gasthaus "Eiche" in den frühen 1930er-Jahren. Vor der Eingangstür stehen die Mutter Hilda Breithaupt, Gisela und ihr jüngerer Bruder Hans-Erhard.

(Bild 1/2) schochDas Hausacher Gasthaus "Eiche" in den frühen 1930er-Jahren. Vor der Eingangstür stehen die Mutter Hilda Breithaupt, Gisela und ihr jüngerer Bruder Hans-Erhard. ©Repro Michaela Keller

Huse fier Riigschmeckte (21): Am 21. April vor 76 Jahren endete in Hausach der Zweite Weltkrieg. Gisela Breithaupt und Ida Schoch (heute Badke) erinnern sich an ihre Kindheit und Jugend.

Am Mittwoch jährte sich zum 76. Mal der Tag, als französische Soldaten Hausach einnahmen und der Zweite Weltkrieg beendet war. Zwei Hausacherinnen, damals noch „Mädle“, erzählen aus dieser Zeit.

Gisela Breithaupt, Jahrgang 1925, wuchs behütet mit Eltern und jüngerem Bruder im Gasthaus „Eiche“ auf. Ihre Mutter war schwer herzkrank, weshalb sie schon früh neben der Mithilfe in Küche und Gasthaus bei den so unbeliebten Feld- und Gartenarbeiten helfen musste. Sie wollte eigentlich Pianistin werden, hatte sich neben Klavierstunden auch in Heidelberg am kirchenmusikalischen Institut weitergebildet und spielte bereits ab 16 Jahren die kirchliche Orgel. Sie war sogar 1943 beim „Durchhalte-Konzert“ im Saal des damaligen Bahnhofhotels dabei, an das sie sich wegen der ständig hängenden Klaviertasten noch lebhaft erinnert.

Gäste trauten einander nicht mehr

In der Gastwirtschaft änderte sich ab Hitlers Machtübernahme die Stimmung. Die Gäste trauten einander nicht mehr, und in den letzten Kriegsjahren wagte überhaupt niemand mehr öffentlich kritische Äußerungen. Gisela Breithaupt erinnert sich noch an einen langjährigen Haslacher Gast, ein deutscher Veteran des Ersten Weltkriegs, der bei einem der letzten Besuche den Judenstern trug und dann gar nicht mehr kam. Sie hörten, dass er nach Gurs in Frankreich transportiert wurde und dort starb. Auch kauften sie unter strengsten Vorsichtsmaßnahmen („kauft nicht bei Juden“) von einer Dame mit Judenstern einen Ballen Stoff, und die ganze Familie war zu absolutem Stillschweigen verpflichtet.

Josef Keller vom Steinbruch war ein Stammgast, und als ihm für den nächsten Tag Kriegsgefangene angekündigt wurden, fragte er in seiner Not nach einer ersten Unterbringungsmöglichkeit in der „Eiche“. Von der Präfektur hatte er strikte Vorgaben bekommen, die Männer seien nur mit dem absolut Nötigsten zu versorgen. Der „Stoibruch-Keller“ und Eichenwirt Christian Breithaupt, selbst Kriegsgefangener im Ersten Weltkrieg, waren sich sofort einig, die „arme Deifel“ entsprechend der schweren Arbeit zu verköstigen und zwar provisorisch, aber menschenwürdig im Haus unterzubringen.

Erste Luftangriffe

In Hausach war der Krieg durchaus spürbar, doch trotzdem ging das Leben seinen geregelten Gang. Dies änderte sich am 14. Oktober 1944 schlagartig, als vor allem bei schönem Wetter wegen Industrie und Bahnlinie regelmäßige Luftangriffe geflogen wurdent. Nach der tödlichen Bombardierung der benachbarten Häuser Hasenfratz und Keller am 28. Februar 1945 und der panischen Flucht in den Luftschutzkeller des Herrenhauses „bündelten“ Breithaupts und brachten einen Großteil ihres Hab und Guts, darunter auch Giselas geliebtes Klavier, in den Gutacher Rommelehof, Christian Breithaupts Heimat.

Am 16. April 1945 drehten einige Flieger über der Frohnau ab, schütteten laut Aussage des beobachtenden Wintermaxenbauer die Brandbomben wie „ä Korb Erdäpfel“ über der Bahnlinie aus – und die Eiche stand in Flammen. Mit vereinten Kräften konnten sie das Gebäude soweit retten, dass zumindest noch einige Räume notdürftig bewohnbar waren. Beim Ausräumen trat Giselas verzweifelter Bruder Hans-Erhard das in allen öffentlichen Räumen verpflichtende Hitlerbild im Garten zusammen, wurde dabei beobachtet und angezeigt.

Gestapo im Haus

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Am nächsten Tag stand die Gestapo da, aber Vater und Bruder waren außer Haus, sodass sie unverrichteter Dinge wieder abzogen. Sie kamen auch nicht mehr wieder, denn durch die anrückenden Franzosen waren die Nazis damit beschäftigt, ihre eigene Haut zu retten. Trotzdem ist sich Gisela Breithaupt sicher, dass die Gestapo keine Skrupel gehabt hätte, die beiden noch in den letzten Kriegstagen zu erschießen.

Die zehn Jahre jüngere Ida Badke (geborene Schoch) erlebte die Kriegszeit mit ihren zwei Schwestern direkt in der Hauptstraße, gegenüber dem Anwesen Kraenzmer. Ihr Vater David war 1942 nach Stuttgart zur Volksfront abgeordnet, und ihre Mutter Josefine unterstützte die Familie als Köchin in der gegenüberliegenden „Krone“. Dort waren Zwangsarbeiter der Firma „Mannesmann“ untergebracht. Die attraktive Josefine verliebte sich in einen französischen Gefangenen, was nicht ohne Folgen blieb.

Das brachte beide in größte Gefahr, und Ida besorgte ihm Zivilkleider für die Flucht. Diese scheiterte – und die Mutter wurde 1943, direkt nach dem Abstillen ihres Kindes und unter den Augen ihrer drei kleinen Töchter, nach Haslach in das dortige KZ abtransportiert. Die völlig verängstigten und verstörten Mädchen wurden bis zum Eintreffen des Vaters auf Verwandte aufgeteilt, und der kleine Berthold kam zu Frau Lauinger in die Netterstrasse.

Nun begann eine schlimme Zeit. Ida Schoch erinnert sich noch genau an dieses schmerzende Hungergefühl, das sie von diesem Tag an lange begleitete. Wie oft sie abends mit ihrem einzigen Trost, der von der Mutter genähten Lumpenpuppe, hungrig und verzweifelt einschlief. Sie hasste Garten- und Feldarbeit, musste sich aber bei Bauern der benachbarten Täler als Neunjährige verdingen, um überhaupt etwas zu essen zu haben.

Betteltour zu den Höfen

Sie und ihre Schwestern bettelten auf den Höfen, und manchmal wurden sogar die Hunde auf die Mädchen gehetzt. Im Hauserbach waren die Bauersleute großzügiger. Wenn die Mädchen einen Kanten Brot ergattert hatten, wurde er gerecht aufgeteilt und in winzig kleinen Häppchen ganz langsam gegessen – um den Geschmack so lange als möglich zu genießen.

Sie erinnert sich an die furchtbare Angst bei den Luftangriffen und wie sie und ihre Schwestern sich allein panisch vor den Tieffliegern in den Keller der „Krone“ retteten. Ihr Kommunionunterricht fand im Luftschutzbunker statt. Obwohl sie sehr gerne in die Schule ging, war in den letzten Kriegswochen nicht mehr an geregelten Unterricht zu denken.

Neue, bessere Zeiten

Am Samstag, 21. April 1945, war in Hausach der Krieg vorbei, denn die französischen Streitkräfte nahmen Hausach ein. Nachdem in den Kellern und Bunkern von den vorauseilenden marokkanischen Truppen keine deutschen Soldaten entdeckt wurden, war die Bevölkerung relativ sicher. Endlich war dieser schreckliche Krieg vorbei. Familie Breithaupt konnte sich durch die eigenen Felder einigermaßen über Wasser halten und baute 1948 ihr Gasthaus neu auf.
Für Ida Schoch begannen durch die französische Besatzung bessere Zeiten, denn ihr Vater bekam bei den Franzosen Arbeit, heiratete wieder, und der Hunger gehörte endlich der Vergangenheit an. Ihre Mutter überlebte das KZ, zog in ihre Heimatstadt Karlsruhe zurück, hatte aber nur noch sporadischen Kontakt zu ihren Kindern.

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