Hausacher Stadtschreiber-Tagebuch (2)

Joachim Zelter schreibt aus dem Molerhiisle

Joachim Zelter
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01. März 2017

Joachim Zelter aus Tübingen ist der 21. Hausacher Stadtschreiber. ©Yvonne Beradi

Jochaim Zelter lebt seit Mitte Februar bis voraussichtlich Mitte Mai als Gisela-Scherer-Stipendiat und Hausacher Stadtschreiberin im Molerhiisle im Breitenbach und schreibt jede Woche für die Leser des Offenburger Tageblatts eine Kolumne:

Ich muss gestehen, dass ich ein Fasnetbanause bin, ja ein Fasnetanalphabet. Selbst der zweite und dritte Bildungsweg zu diesem Ereignis blieb mir bislang verschlossen. In Freiburg aufgewachsenen, erlebte ich die Fasnet nur an den Rändern einer preußisch-protestantischen Kindheit. Schon das Wort Fasnet verstand ich damals völlig falsch, eben nicht als Vorabend zur Fastenzeit, sondern im Sinne von: Fast nett. In der Fasnet, so dachte ich, seien die Menschen fast ein wenig nett. Deshalb also das Wort Fasnet.  

Hausacher Bürger versuchten mich, den Fasnet-unbedarften, den Fasnetinvaliden, behutsam auf das Kommende einzustimmen. Man bereitete mich auf eine Art Kulturschock vor. Fasnet von null auf hundert, sagte ein besorgter Hausacher, das werde für einen Tübinger heftig werden. Vorsicht Narrentreiben, stand auf einem Schild, und ich wollte schon Deckung nehmen. Doch mit unendlich viel Nachsicht und Rücksicht nahmen mich die Hausacher bei der Hand und führten mich ein in die Welt der Fasnet.  

Es begann mit dem Schnurren im Gasthaus zur Blume – und das war kein Kulturschock, sondern die Widerlegung all meiner Vorbehalte. Denn die Schnurranten machen eigentlich nichts anderes als was ein Schriftsteller macht. Der Schriftsteller schreibt in der Regel über das Missgeschick. Das ist ein Urgrund des Schreibens, und es ist auch die Triebfeder des Schnurrens. Am Anfang steht das Missgeschick, das menschliche und allzumenschliche Missgeschick. Sei es nun das Missgeschick eines anderen, aber auch ein eigenes Missgeschick – Missgeschicke über Missgeschicke in all ihren Verästelungen, Spannungsbögen und Fallhöhen. Vor allem aber in ihrer ganzen Tragikomik. 

Dramatisch-literarisch

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Man leidet mit und man lacht mit. Das ist ein dramatisch-literarischer Akt. Denn mit der Darstellung von Missgeschicken ist es ja nicht getan. Die Schnurranten bringen das alles in eine literarische Form: in eine Versform oder in eine Erzählform. Narrare humanum est. Erzählen ist menschlich. Doch Schnurren ist viel mehr als das. Es ist ein Drama, wenn die Leiden und Missgeschicke Hausacher Mitbürger in herzzerreißenden Dialogen nachgesprochen werden, im Tonfall der Betroffenen, die Sätze und Pointen punktgenau. Alle Gattungen der Literatur waren an diesem Abend in Aktion: Lyrik, Prosa, Drama – und natürlich die Musik. Also ein fulminantes Gesamtkunstwerk. Ein Feuerwerk der Künste, aber auch ein Feuerwerk der Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit, das Inbild einer pulsierenden Gemeinschaft. Denn ohne ein Gemeinwesen würde das Schnurren ja nicht funktionieren. Die Schnurranten nehmen Bezug auf Menschen, die sich kennen, ihre Eigenheiten, Auffälligkeiten und Besonderheiten. Es ist ein Akt der Achtsamkeit und Aufmerksamkeit, eine Form von gelebtem zwischenmenschlichem Interesse. Bei manchen Darbietungen der Schnurranten dachte ich: Bei aller Schadenfreue – eigentlich ist das Schnurren ein Liebesbeweis.

Fulminanter Reigen

Die weitere Fasnet erlebte ich als fulminanten Reigen: Der Sturm des Rathauses, die Schlüsselübergabe, der Zauber zauberhafter Rathausfrauen, die aus dem Stegreif Obama in den Sitzungssaal zauberten, und den hineinpolterten Trump einfach wegzauberten. Und dann der Ausruf: Jetzt geht es los. Sechs Tage und sechs Nächte. Am dritten Tag dann der große Närrische Umzug. Mit jedem Meter ffnete sich das Tal ein wenig mehr zu einem Meer an Farben, Kostümen und Masken. Oscar Wilde rief mir ins Ohr: Gebt den Menschen Masken, und sie werden die Wahrheit sagen. Alles Weitere erinnere ich nur noch im Rausch fliegender Bonbons und fliegender Hexen. Datschkuchen und schneeweiße Konfettiloipen. Der Tanz von Nacht- und Burgfrauen. Ein Blick auf die Uhr, und es war 11 Uhr abends. Im nächsten Augenblick begann bereits die Elfemess.

Und so ging es weiter. Es war die Widerlegung, Verkehrung, Steigerung, Übersteigerung all dessen, was ich bisher nur ganz vage und ansatzweise unter Fasnet verstanden hatte. Sie ist ein eigener Kosmos, eine eigene Jahreszeit, eine eigene Welt(un)ordnung. Oder mit Aristoteles: Sie ist ein Rausch der Sinne und Gefühle, in einer solchen Ausdehnung und Wucht, bis man irgendwann gereinigt ist. 
Übrigens: Für die leidige Fastenzeit empfehle ich Shakespeare. Nirgendwo in der Weltliteratur gibt es so viele Narrenfiguren wie bei Shakespeare. Sie agieren das ganze Jahr. Denn das ganze Jahr ist die Welt aus den Fugen und bedarf deshalb der Narren als ständiger Instanz. Shakespeares Narren nehmen die Tor- und Narrheiten der Welt auf sich, auf sich und ihren subversiven Witz. Sie vergegenwärtigen der Welt (und ihren Herrschern) ihre fundamentalen Dummheiten. Sie führen die Herrschenden vor. Damals wie heute.

Wenn man sich selbst erkennen will, dann braucht man Narren, sei es nun Narren wie bei Shakespeare oder Narren wie in der Hausacher Fasnet. Ich habe mich in der Fasnet wiedererkannt. Und mich zugleich nicht mehr wiedererkannt. Vielleicht ist das eine erste kleine Lektion eines Ahnungslosen, der zum ersten Mal bei lebendigem Leib die Fasnet erlebt hat.
 

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