Hausacher Stadtschreiber-Tagebuch (4)

Joachim Zelter schreibt aus dem Molerhiisle

Autor: 
Joachim Zelter
Lesezeit 4 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
14. März 2017

Joachim Zelter aus Tübingen ist der 21. Hausacher Stadtschreiber. ©Yvonne Beradi

Joachim Zelter lebt seit Mitte Februar bis voraussichtlich Mitte Mai als Gisela-Scherer-Stipendiat und Hausacher Stadtschreiber im Molerhiisle im Breitenbach und schreibt jede Woche für die Leser des Offenburger Tageblatts eine Kolumne:

Ich bemerkte es erstmals auf dem Klosterplatz: die Vielzahl Hausacher Bänke. Sie sind dort zu einem Rechteck aufgestellt. Im Winter stehen sie allein, im Sommer zusammen mit dazugestellten Platanen. Es sind genau zehn Bänke: acht Sitzbänke und zwei großflächige Liegebänke. Man kann den Platz also sitzend oder liegend erleben, kann dort lesen, beobachten, sich sonnen oder sogar (durchaus bequem) schlafen. Und an den Rändern des Klosterplatzes stehen weitere Bänke, zum Beispiel am Brunnen neben dem Klosterplatz oder an der St. Mauritius Kirche. 
Überall gibt es in Hausach Bänke: mit Armlehnen und ohne Armlehnen, mit Rückenlehnen und ohne Rückenlehnen, vierfüßige Bänke oder Bänke auf steinernen Fundamenten. Einmal einen Blick dafür entwickelt, waren auch die Bänke an der Hauptstraße keine Überraschung mehr, oder die Bänke vor dem Rathaus und am Pfarrheim. Von den Bänken bei der Stadthalle ganz zu schweigen. An der Kinzig: eine lange Reihe von Bänken. Wo immer man hinkommt, es gibt Bänke: Sitzbänke, Liegebänke und dann wieder Sitzbänke. Wenn man Zürich gemeinhin als Bankstadt bezeichnet, so könnte man gleiches über Hausach sagen. Es ist eine Bankstadt, aber in einem ganz anderen, viel schöneren, kontemplativeren und menschlicheren Sinn.

Ich stelle mir vor, ich setze mich auf eine Bank, zum Beispiel auf eine der vielen Bänke auf dem Klosterplatz und lese dort einen Roman, vielleicht von Thomas Mann, etwa 50 Seiten, und würde dann der Abwechslung halber (oder um Schatten zu finden) die nächste Bank aufsuchen und dort die nächsten 50 Seiten Mann lesen, um dann ein weiteres Mal die Bank zu wechseln und noch einmal 50 Seiten Mann zu lesen – ich könnte allein kraft der Präsenz der zehn Klosterplatzbänke einen ganzen Thomas-Mann-Roman lesen, und hätte den Klosterplatz dabei noch nicht einmal verlassen. 

Man könnte auf Hausacher Bänken den Kanon der Weltliteratur lesen

Und so könnte es weitergehen: Den nächsten Roman könnte ich vor der Kirche lesen, einen weiteren auf der Hauptstraße und dann noch einmal eine Reihe von Romanen auf dem Kinzigspazierweg. Die zahllosen Wanderwege um Hausach herum möchte ich gar nicht erwähnen. Man könnte auf Hausacher Bänken (ohne eine Bank je ein zweites Mal aufzusuchen) den Kanon der Weltliteratur lesen. Die interessanten Romane könnte man aufrecht sitzend lesen, die langweiligen liegend oder schlafend. Und gleiches gälte, wäre ich weniger an Büchern, sondern ausschließlich an Menschen interessiert, wenn ich also all diese Bänke aufsuchen würde, nur um Menschen dort kennenzulernen, oder von Menschen kennengelernt zu werden – ich könnte (ohne eine bestehende Bank ein zweites Mal aufzusuchen) auf dem schnellsten Weg der gesamten Einwohnerzahl Hausachs begegnen.

- Anzeige -

Vielleicht ist meine Beobachtung ja auch ganz obsolet, ein längst bekannter Gemeinplatz. Als würde ich staunend bemerken: Im Schwarzwald wachsen aber viele Bäume. Trotzdem sprang mir diese Bankfülle sofort ins Auge. Man nehme nur den Hausacher Klosterplatz und vergleiche ihn mit dem Tübinger Marktplatz. Dort steht keine einzige Bank. Nicht einmal eine Bank für Invaliden. Dafür Bankautomaten. Ein solcher Umstand ist bedeutsam. Denn eine banklose Stadt ist eine Stadt der Gehetzten, der Gejagten und der Getriebenen. Es scheint in solchen Städten entweder keine Sonne oder man fürchtet diese Bänke als völlig überflüssige Orte: eine Verschwendung von Zeit, Platz und Geld. 

Keine Philosophie ohne Bänke

Der englische Philosoph Bertrand Russell schrieb eine wunderbare Abhandlung mit dem Titel: Lob des Müßiggangs. Das Nachdenken, die Kontemplation, das Gespräch, die Beobachtung – all das sind nach Russell durch und durch philosophische Tätigkeiten. Sie sind Voraussetzungen für das Denken, für die Philosophie und für das Menschsein. Und wo könnte man das besser tun als auf Bänken. Keine Philosophie ohne Bänke. Insofern ist Hausach einer der philosophischsten Orte, die ich kenne, eine Hochburg der Philosophie. Ein Hoch auf Hausachs Bänke!

Anmerkung der Redaktion: Der Büchertauschschrank »Hausach liest« lädt geradezu dazu ein, sich dort für eine der vielen Bänke ein Buch zu holen. Er wird am Samstag, 18. März, um 11 Uhr auf dem Klosterplatz eingeweiht. Und wer denn unseren Kolumnisten und Hausacher Stadtschreiber Joachim Zelter kennenlernen will: Er ist auch dabei und bringt auch eines seiner Bücher mit. 
 

Kommentare

Damit Sie Kommentare zu diesem Artikel lesen können, loggen Sie sich bitte mit Ihren Zugangsdaten ein.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kinzigtal

Wolfach-Kirnbach
vor 23 Minuten
Neustart auf dem Moosenmättle: Die Spuren des verheerenden Brands vom Januar 2017 sind weitgehend beseitigt. Während die letzten Handwerker noch Hand anlegen, begrüßte Doris Epting im März die ersten Gäste im wieder aufgebauten Freizeithaus.
Hausach
vor 2 Stunden
Das Forum Hausach bestätigte sein Vorstands- team. Dieses will sich nach der Befreiung der Last des Muttertagsmarkts wieder verstärkt um einen echten Mehrwert für die Mitglieder kümmern und diese auch stärker in seine Arbeit einbinden.
Am 22. April wird gewählt
vor 3 Stunden
Hofstetten wählt am Sonntag, 22. April, einen neuen Bürgermeister. Einige »Promis« hat das Offenburger Tageblatt gefragt, mit welcher Wahlbeteiligung sie rechnen, was sie zu den Bewerbern sagen und welche Wünsche sie an und für den Nachfolger von Henry Heller haben.
Wolfach/Oberwolfach
vor 6 Stunden
Jetzt liegt’s nur noch am Landratsamt: Der Gemeinsame Ausschuss der Verwaltungsgemeinschaft Wolfach/Oberwolfach fasste am Mittwoch im Feuerwehrgerätehaus Wolfach den Feststellungsbeschluss für den Windkraft-Flächennutzungsplan. Projektstart war bereits 2012.  
Wolfach/Oberwolfach
vor 6 Stunden
Zu Ende ist die Partie erst mit dem Schlusspfiff – seit Mittwoch ist das Genehmigungsverfahren zum Flächennutzungsplan Windkraft der Verwaltungsgemeinschaft Wolfach/Oberwolfach sportlich betrachtet aber schon in der Nachspielzeit. Endlich!
Hausach
vor 9 Stunden
Am Donnerstagmorgen ist gegen 7.15 Uhr im hinteren Einbachtal in Hausach ein Mann leblos aufgefunden worden. Nach ersten Erkenntnissen der Polizei gab es keine Fremdeinwirkung.
Hauptversammlung
vor 9 Stunden
Mario Nakic bleibt noch weitere zwei Jahre Vorsitzender des Turnvereins Schiltach, schloss aber in der Hauptversammlung am Freitag eine weitere Kandidatur nach dieser Zeit aus.
Bad Rippoldsau-Schapbach
vor 11 Stunden
Mit dem neuen Kunstrasen noch im vergangenen Jahr wurde es für die Fußballer des SV Schapbach nichts - doch jetzt sind die Arbeiten auf dem Sportplatz in vollem Gang. Schon Ende April sollen die ersten Spiele auf dem neuen Grün ausgetragen werden.
Wolfach
vor 12 Stunden
Mit ihrem Jahreskonzert am Samstag, 28. April, geht die Stadtkapelle Wolfach diesmal neue Wege: Statt eines Programms unter einem alles verbindenden Motto gibt es eine stilistisch bunte Auswahl der Favoriten-Stücke der Aktiven – von »Schwanenensee« bis »Star Wars«.
Büchlein über "Bruno von Hornberg"
vor 15 Stunden
Johannes Werner, der ehemalige Vorsitzende der Hausenstein-Gesellschaft, wird in einem bald fertig gestellten Büchlein den bekannten Minnesänger "Bruno von Hornberg" vorstellen und auch über das Ritterleben informieren.
Aktion Leserfoto
vor 15 Stunden
Die »Leserfotografen des Jahres« sind gekürt: Unsere Leser, die Fans unserer Facebook-Seite und die Kunden der Sparkasse Haslach-Zell haben abgestimmt – und erstmals zwei erste Preisträger und einen dritten Preis bestimmt.
Kommentar
vor 17 Stunden
In den Kindergärten in Steinach und Welschensteinach wird von engagierten Kräften sicherlich gute Arbeit geleistet – beim Betreuungsangebot sehe ich aber Verbesserungsbedarf.