Vortrag am Mittwoch in Haslach

Rüstungsgegner Grässlin: »Waffenhandel sofort stoppen«

Autor: 
Fragen von Reinhold Heppner
Lesezeit 5 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
06. November 2018

»Frieden ohne Waffen – Stoppt das profitable Geschäft des weltweiten Waffenhandels« ist morgen das Thema des Vortrags- und Diskussionsabends in Haslach. ©Symbolfoto: Pixabay

Deutschlands wohl bekanntester Rüstungsgegner, Jürgen Grässlin, hält am Mittwoch, 7. November, ab 19.30 Uhr im katholischen Gemeindehaus St. Sebastian in Haslach einen Vortrag. Vorab hat er Reinhold Heppner für das Offenburger Tageblatt ein Interview gegeben. 

Herr Grässlin, welche thematischen Schwerpunkte haben Sie sich für Ihren Vortrag am Mittwochabend in Haslach gesetzt?
Jürgen Grässlin: Mit meinem Vortrag will ich Licht ins Dunkel der Machenschaften einer Industrie bringen, die Öffentlichkeit vielfach scheut wie der Teufel das Weihwasser. Mit Zustimmung wechselnder Bundesregierungen konnten deutsche Rüstungskonzerne in den vergangenen Jahren massiv menschenrechtsverletzende Regime und kriegführende Militärs rund um den Globus bis an die Zähne hochrüsten. Weltweit verlagern Rüstungskonzerne aus Industrieländern Produktionskapazitäten in Länder des unterentwickelten Südens, um gesetzliche Restriktionen gänzlich zu umgehen. Die Folgen dieser Politik sind fatal: Mit deutschen, französischen, amerikanischen und russischen Waffen werden Diktatoren an der Macht stabilisiert, Menschenrechtsverletzungen ermöglicht und Kriege befeuert. 

Hat das auch Folgen für uns in Deutschland?
Grässlin: Ja, eine der Folgen betrifft uns in Deutschland nachhaltig: Zahllose Menschen mussten aus ihrer Heimat fliehen – auch vor dem Einsatz deutscher Waffen. Umso offener sollten wir Geflüchtete in Deutschland aufnehmen und integrieren. Am wichtigsten aber ist mir, dass die Zuhörerinnen und Zuhörer gestärkt nach Hause gehen, weshalb ich erfolgversprechende Handlungsansätze aufzeigen werde. Deshalb sind die anschließende Diskussion und der Meinungsaustausch so wichtig.

»Die Zeit« hatte Sie als »Deutschlands bekanntester Rüstungsgegner« beschrieben. Wie sind Sie dazu gekommen, sich so intensiv und nachhaltig für die Abrüstung und gegen Rüstungsexporte einzusetzen?
Grässlin: Das erste meiner drei Schlüsselerlebnisse ereignete sich in jungen Jahren als Rekrut der Bundeswehr – damals, als ich noch kein Pazifist war. Ich wurde am Schnellfeuergewehr G3 von Heckler & Koch ausgebildet. Am allerersten Tag auf der Schießbahn sollte ich schießen. Nicht aber, wie erwartet, auf eine Zielscheibe mit Fadenkreuz, sondern auf eine Metallplatte mit menschlicher Silhouette und aufgezeichneten Schlitzaugen. Der Befehl lautete: Wir üben heute das Kopfschusstraining an Chinesen. Ich verweigerte diesen Befehl mit der Begründung, dass ich kein »Feindbild China« und auch sonst überhaupt keine Feindbilder habe. Seit diesem Tag bin ich recherchierender und publizierender Pazifist. Seit den Neunzigerjahren habe ich zahlreiche Krisen- und Kriegsgebiete bereist, um den Opfern dieser skrupellosen und unchristlichen Rüstungsexportpolitik eine Stimme zu geben.

- Anzeige -

Angenommen Deutschland wurde keine Rüstungsgüter mehr liefern. Würden dann Kriegshandlungen in der Welt nachlassen oder sogar ganz aufhören?
Grässlin: Selbstverständlich wird die Welt nicht allein dadurch friedlicher und gerechter, dass einzig ein Land aus dem todbringenden Geschäft des globalen Waffenhandels aussteigt. Aber: Wenn Deutschland als viertgrößter Exporteur von Großwaffensystemen, wie Kampfpanzern, Kriegsschiffen, Militärhelikoptern und Kampflugzeugen, zugleich als viertgrößter Lieferant von Kleinwaffen, wie Pistolen, Maschinenpistolen, Sturm- und Scharfschützengewehren, aussteigt, wäre das ein weltweit wahrgenommenes Signal. Wichtig ist, dass wir über die weltweite Rüstungsindustrie aufklären. Genau deshalb haben wir vor, im Frühjahr 2018 das »Global Net – Stop  the Arms Trade« gegründet, mit dem wir über besonders verwerfliche Fälle des weltweiten Waffenhandels aufklären. Diese ständig wachsende Datenbank nützt Journalisten, Kriegsfotografen, Whistleblowern, Rechtsanwälten ebenso wie Friedensbewegten und Menschenrechtsaktivisten.

Haben Sie mit Ihren Initiativen gegen den Waffenhandel bereits Erfolge erzielt?
Grässlin: Aber ja doch! Spätestens seit wir 2011 die Kampagne »Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!« mit mittlerweile weit mehr als 100 Mitgliedsorganisationen gegründet haben, wächst der Druck auf die Händler des Todes in Wirtschaft, Politik, Lobbyverbänden und im Militär ständig. So konnten wir unter anderem dazu beitragen, dass mehrere lukrative Waffendeals unterbleiben mussten, wie die Lieferung von rund 200 Leopard-2-Kampfpanzern nach Saudi-Arabien. Mehr noch: Es kommt nicht von ungefähr, dass Deutschlands tödlichstes Unternehmen Heckler & Koch seine Strategie vollständig umstellen musste. Sie wollen zukünftig nicht mehr in Drittländer außerhalb von NATO und EU liefern. Und mit den Strafanzeigen gegen Heckler & Koch und Sig Sauer bringen wir die Verantwortlichen illegalen Waffenhandels vor Gericht. Die Rüstungsindustrie muss uns fürchten, nicht wir sie.

Kritiker behaupten – wenn Deutschland die Rüstungsgüter nicht liefert, machen es andere Länder. Wie sehen Sie dies?
Grässlin: Eine der vier klassischen – falschen – Behauptungen der Rüstungsindustrie: Wenn wir nicht liefern, dann liefern die anderen. Wiederholt war das Gegenteil der Fall: Wenn andere Länder aus moralischen oder ethischen Gründen keine Kriegswaffen liefern wollten, dann lieferte Deutschland. Pars pro toto genannt sei die Lieferung von Leo-2-Panzern an die menschenrechtsverletzende Regierung in Indonesien genannt. Das niederländische Parlament untersagte den Waffentransfers, der geheim tagende Bundessicherheitsrats unter Führung von Bundeskanzlerin Angela Merkel stimmte der Leo-Lieferung zu.

Welchen Weg sehen Sie für einen dauerhaften Frieden in der Welt?
Grässlin: Am Vortrags- und Diskussionsabend in Haslach werden wir uns viel intensiver der Beantwortung Ihrer so wichtigen Frage zuwenden können. Ein schrittweise eingeleiteter und letztendlich umfassend vollzogener Stopp des weltweiten Waffenhandels böte die wahrlich wichtige Voraussetzung dafür, dass die Kriegsschauplätze in aller Welt trocken gelegt werden würden. Wer einen zentralen Fluchtgrund beseitigen will, der muss Waffenhandel sofort stoppen. Aber selbst dann sind wir noch lange nicht am Ziel: Wer Frieden ohne Waffen schaffen will, muss der Kultur des Friedens zum Durchbruch verhelfen.

Zur Person

Rüstungsgegner

  • Jürgen Grässlin  wurde am 18. September 1957 in Lörrach geboren. Er gilt seit den 1990er Jahren als profiliertester deutscher Rüstungsgegner und veröffentlichte zahlreiche Sachbücher zur Automobil- und Rüstungsindustrie sowie zur Bundeswehr. Er ist Sprecher der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) und anderer rüstungskritischer Organisationen.
  • www.juergengraesslin.com

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kinzigtal

Die Yamaha Diversion war nach dem Unfall nicht mehr fahrbereit.
vor 3 Stunden
Schenkenzell
Glück gehabt hatte ein Motorradfahrer, weil er bei einem unverschuldeten Unfall lediglich leicht verletzt wurde. 
vor 5 Stunden
Gutach
Edmund Stieglitz förderte Wilhem Hasemann und ermöglichte ihm den Bau seines Atelierhauses. Die freundschalftliche Verbundenheit der Kunstverständigen hatte offenbar Einfluss auf den berühmten amerikanischen Fotografen Alfred Stieglitz, der dort öfter zu Besuch war. 
vor 8 Stunden
Hausach
Josefine Himmelsbach wird morgen beim Ökumenischen Gemeindefest verabschiedet. Sie war 20 Jahre lang als Sekretärin oft erste Ansprechpartnerin für alle Anrufer und Besucher des Pfarramts.
vor 10 Stunden
Hornberg/Wolfach
Die Wolfacher SBBZ-Schüler fahren ins Hornberger Freibad und lernen dank des Hornberger Fördervereins Sicherheit beim Schwimmen. 
vor 10 Stunden
Steinach - Welschensteinach
Welschensteinachs Ortsvorsteher Erich Maier verabschiedete in der Ortschaftsratssitzung am Donnerstag drei Ortschaftsräte aus dem Gremium.
vor 10 Stunden
Diskussion im Rat
Für eine längere Diskussion im Schiltacher Rat sorgten am Mittwoch drei Planungsvarianten für einen barrierefreien Abgang beim Sportplatzsteg über die Kinzig zwischen Vereinsheim der Spielvereinigung und Tankstelle.
vor 10 Stunden
Kreis Freudenstadt
Der Bürgerdialog im Kreis Freudenstadt geht in die zweite Runde. Gefragt sind diesmal Wünsche und Verbesserungsvorschläge zum öffentlichen Nahverkehr.
vor 10 Stunden
Pfarrgemeinderatssitzung
Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus: In der Pfarrgemeinderatssitzung der katholischen Seelsorgeeinheit Haslach gab es am Donnerstag intensive Diskussionen über das Projekt »Kirchenentwicklung 2030«. Dies nicht nur mit einem Rückblick auf alles, was sich bislang zu diesem Thema  getan hat....
vor 10 Stunden
Talgeflüster
Das Talgeflüster ist ein ironischer Wochenrück- und -ausblick der Kinzigtal-Redakteure. 
vor 10 Stunden
Haslach im Kinzigtal
Bei der Abschlussfeier der Haslacher Werkrealschule gab es Lob und gute Wünsche für die Schüler sowie Dankesworte an Eltern und Lehrer zu hören. Zudem wurden Preise überreicht.  
vor 15 Stunden
Hausach
Unter das Motto »Entwicklungsstufen« haben die Neunt- und Zehntklässler der Graf-Heinrich-Schule ihre Entlassfeier gestellt. Sie feierten mit einem fröhlichen Programm, dass sie ihre nächste Stufe erfolgreich erklommen haben.
vor 17 Stunden
20 Vereine aus der Region
Noch muss die Jury für den Bronze-Wettbewerb bei »Sterne des Sports« dichthalten: Der Sieger wird erst im Oktober verkündet. Entscheiden mussten sie sich allerdings bereits am vergangenen Dienstag. Und das war nicht leicht.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • 17.07.2019
    Große Wiedereröffnung
    Nur einige Meter vom alten Standort entfernt – und doch ist alles neu: Am Donnerstag, 18. Juli, öffnet um 8 Uhr im Lahrer Fachmarktzentrum nicht nur ein neuer, sondern zugleich der jüngste und modernste MediaMarkt Deutschlands seine Türen.
  • Die »Stand-up-Paddle-Boards« sind der Renner des Sommers.
    12.07.2019
    Erhältlich im EMUK Store in Lahr
    Durch einsame Landschaften streifen, sich frei fühlen und die Natur genießen – Camping ist Urlaub der besonderen Art. Doch was sollten Reisende einpacken? Hier sind aktuelle Trends für den Urlaub im Freien – und im Wasser.
  • 11.07.2019
    Edelbrennerei Wurth
    Gin, Whisky, Edelbrände – alles aus der Region, alles aus einer Hand und in höchster Qualität, das verspricht die Edelbrennerei Markus Wurth aus Altenheim. Neben Kooperationen mit heimischen Partnern ist das Familienunternehmen auch im Ausland inzwischen sehr erfolgreich.
  • 10.07.2019
    Offenburg
    Essensstände mit besonderen Leckereien sorgen für Genuss, Musiker und Illumination für Flair: Bei »Genuss im Park« wird der Offenburger Zwingerpark ab Donnerstag, 25. Juli, und bis Samstag, 27. Juli, wieder das stilvolle Ambiente für ein besonderes Fest sein.