Hausacher Leselenzereien (5)

Kolumne von Franco Supino

Autor: 
Franco Supino
Lesezeit 3 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
27. Juni 2016

Franco Supino war im vergangenen Jahr Hausacher Stadtschreiber, er liest bei der Jugendliteraturwoche "kinderleicht & lesejung" beim Hausacher Leselenz. ©Andreas Buchta

Seit vergangenen Mittwoch prägt der Hausacher Leselenz das kulturelle Leben in Hausach. Bis zum Freitag lesen Sie an dieser Stelle eine Gastkolumne von Autoren, Leitern der Schreibwerkstätten und Moderatoren. Heute schreibt Franco Supino, Stadtschreiber vom vergangenen Jahr.  
 

Lieber Xerdan Shaqiri, Sie haben gestern im Interview nach dem äußerst knapp verloren gegangenen Spiel gegen Polen auf die Frage, ob Sie sich über Ihr Tor, das schönste bisher an der EM, freuten, geantwortet: »Wie sollte ich? Nur der Sieg zählt.«
Sie haben unrecht, ich will es Ihnen erklären. Ich bin in Hausach, einer glücklichen kleinen Stadt in der Anfahrt zum mittleren Schwarzwald. Ich habe das letzten Winter als Stadtschreiber für drei Monate feststellen dürfen. Seit vorgestern bin ich wieder hier, Gast am Leselenz, und ich habe festgestellt, dass Hausach während dieses Literaturfestivals ein noch viel glücklicherer Ort ist als das Jahr über. 

José Oliver, der hier als Gastarbeiterkind geboren wurde und heute ein berühmter Poet ist, wollte seiner Heimatstadt, in der er noch immer lebt, etwas zurückgeben. Und so organisiert er seit bald 20 Jahren dieses Literaturfestival, lädt über 60 Autorinnen und Autoren aus der ganzen Welt ein, die während zehn Tagen nacheinander lesen. Die Menschen von weit her, aber auch die Hausacherinnen und Hausacher strömen in Massen an die Lesungen.

Den Grund habe ich gestern, nachdem ich tief betrübt über das Schweizer ausscheiden wahllos in die nächste Lesung gegangen bin, wieder begriffen: Da las Luna Al-Mousli, eine junge Wiener Autorin, die mit 14 aus Damaskus nach Wien emigriert ist, Erinnerungsminiaturen aus ihrer Kindheit. Wie Sterne funkelten diese so ganz alltäglichen Texte, bescherten mir einen Glücksmoment nach dem anderen und löschten die Enttäuschung über das Ausscheiden der Schweiz. 

- Anzeige -

Und wie bei Luna Al-Mousli geht es mir, uns Besuchern des Leselenzes bei allen Lesungen: seien es wunderbare Formulierungen, die man speichert (»Ich werde nie mehr mit Eichhörnchen und Schiffen/Unangemeldet vor deiner Haustüre stehen«, Thomas Kunst) oder kluge Gedanken, die nachhallen (»Sport am Fernsehen ist gaffen. Und gaffen ist vergessen«, Ilija Trojanow). 

Es geht am Leselenz um Wichtigeres, stellte ich fest, als um Sieg oder Niederlage, als um gute oder schlechte Texte. Es geht um Augenblicke des Glücks. Hier erlebt man sie (im Gegensatz zum Fussball) immer, und deshalb gehört Hausach zu den glücklichsten Orten der Welt. Also, lieber Xerdan Shaqiri: Niederlagen und Siege sind vergänglich, Ihr Tor gestern werden noch unsere Ur-Enkel mit Bewunderung schauen, (während die Polen, wenn überhaupt, sich einzig am Ergebnis freuen werden). 

Lernen wir von José Oliver, was die Hausacherinnen schon längst wissen: Wenn wir die Wahl zwischen einem Sieg und einem Augenblick für die Ewigkeit haben, wählen wir das Zweite. Danke Xerdan Shaqiri, danke Leselenz.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kinzigtal

Serie »200 Jahre Musikverein Schapbach« (3)
vor 2 Stunden
Der Musikverein »Harmonie« Schapbach feiert sein 200-jähriges Bestehen mit einem großen Fest von Freitag bis Montag, 7. bis 10. September. In den Wochen zuvor wird das Offenburger Tageblatt den Verein in einer Serie vorstellen. Heute: Dirigent Fabian Kiem und seine Vorgänger.
Hausach
vor 4 Stunden
Die Gruppe "Villsvin Af Svear" spielt am Wochenende 18./19. August wieder frühes Mittelalter auf der Hausacher Burg.
Hausacher Stadtschreiber-Tagebuch (5)
vor 4 Stunden
Lea Streisand lebt seit dem Hausacher Leselenz Anfang Juli als Leselenz-Stipendiatin und Hausacher Stadtschreiberin im Molerhiisle im Breitenbach. Sie lässt jeden Mittwoch die Leser des Offenburger Tageblatts mit einem Eintrag ins »Stadtschreiber-Tagebuch« an ihrem Leben im Kinzigtal teilhaben:
Wolfach
vor 7 Stunden
Nach den Sommerferien geht der Betrieb an den Beruflichen Schulen Wolfach auf dem aktuellen Stand der Technik weiter: Zum Ende des Schuljahres wurde die technische Infrastruktur erneuert und ein neues Schulnetzwerk mit Windows 10 installiert. Gleichzeitig bekam die Schule einen neuen Server für das...
Offenes Werkstor
vor 11 Stunden
Die Lokomotiven und Waggons der Deutschen Bahn werden für den Bereich der DB Regio Südbaden in Freiburg instand gesetzt und repariert. Wie aufwendig das ist, konnten sich 21 Leser im Rahmen des »Offenen Werkstors« persönlich anschauen.
Lange Einkaufsnacht in Wolfach
vor 14 Stunden
Musik, Trends und ein sommerlicher Einkaufsbummel – all das versprechen die Organisatoren des Gewerbevereins Wolfach für die Neuauflage der Shoppingnacht. Am Freitag, 17. August, haben die Geschäfte in Wolfachs Innenstadt dazu bis 23 Uhr geöffnet.
Wolfach
vor 16 Stunden
Wolfachs Bürgermeister Thomas Geppert sieht die Stadt im Blick auf die Veränderungen bei der Ferienbetreuung vom Awo-Duo Manfred Maurer und Melanie Wick ins falsche Licht gestellt. In einem Offenen Brief reagierte er am Montag auf den Leserbrief vom Samstag.
Hornberg
vor 16 Stunden
Stadt Hornberg hofft auf Hinweise auf die Vandalen, die in der Nacht zum Samstag am Gesundbrunnen gehaust haben. 
Gutach
vor 16 Stunden
Wenn die Sonne nun nicht mehr ganz so heiß vom Himmel brennt, lohnt sich vielleicht mal eine Abwechslung vom Schwimmbad. Das Freilichtmuseum Vogtsbauernhof bietet auch für diese Woche ein abwechslungsreiches Ferienprogramm an.
Sommerfest der Feuerwehr am Sportplatz
vor 16 Stunden
Prächtiges Sommerwetter lockte am Sonntag viele Besucher zum Sommerfest der Feuerwehr-Abteilung Steinach am Sportplatz. Ein feucht-fröhliches Spektakel dabei war zum 29. Mal der Spritzerwettbewerb mit zehn Teams. Zum dritten Mal gewann hier der »FC Kickverein«.
Historisches aus Schiltach und der Region
vor 16 Stunden
Ein Schreckenstag in der Geschichte Schiltachs ist der 14. Januar 1942. Der aus Polen in den Schwarzwald verschleppte Bernard Podzinski wird im Zellersgrund hingerichtet. Sein vorgebliches Vergehen ist »Rassenschande«.
Hausach
vor 16 Stunden
Außergewöhnlicher »Kindersegen« im Stall der Familie Welle im »obere Kutzbe«: Eine Sau hat 14 Ferkel geworfen – mit einer bemerkenswerten Vorgeschichte.