Hausach

Lea Streisand und das Leben im Schlaraffenland

Autor: 
Claudia Ramsteiner
Lesezeit 4 Minuten
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12. Juli 2018

Berge sollten im Hintergrund schon sein, wünschte sich Lea Streisand für ihr Bild zum Porträt. Die Berlinerin (»ein richtiges Stadtkind«) ist seit Anfang Juli Stadtschreiberin in Hausach. ©Claudia Ramsteiner

Noch ist Lea Streisand mit dem Kulturschock beschäftigt. Die Berlinerin ist seit Anfang des Monats Hausacher Stadtschreiberin und will die Ruhe nutzen, um mit ihrem zweiten Roman möglichst weit zu kommen.

Vor dem Molerhiisle stehen seit Anfang Juli zwei Fahrräder. Lea Streisand hat ihr eigenes aus Berlin mitgebracht. Weil mit einem verkürzten Bein das Laufen Schwierigkeiten bereitet, ist Fahrradfahren ihr Sport. Die »tollen Fahrradwege« im Kinzigtal gehörten zu den ersten Dingen, die sie hier registriert hat. Und  das Stadtschreiberrad nutzt ihr Mann. Die 25. Hausacher Stadtschreiberin ist mit Mann und Baby in die kleine Stadtschreiberwohnung eingezogen. Beide Namen sollen aber nicht genannt werden. »Hier in Hausach wäre mir das egal. Aber das wird ja übers Internet auch in Berlin gelesen, und dort bin ich Promi, meine Familie soll privat bleiben.«

Sie selbst hat sich längst daran gewöhnt, gleichzeitig Privatperson und Kunstfigur Lea Streisand zu sein. Die Protagonistin ihres Romans »Im Sommer wieder Fahrrad« heißt deshalb auch Lea Streisand. Auch wenn er autobiografische Züge aufweist, sei es dennoch ein Roman. Sie benutze die Kunstfigur Lea Streisand seit 15 Jahren – »und überhaupt ist es ja auch völlig wurst, ob es so passiert ist, wichtig ist, wie es erzählt ist«.

Buch über die Angst

Ihre eigene überwundene Krebserkrankung spielt darin eine Rolle und die Geschichte ihrer Großmutter, eine Schauspielerin, die sich gegen die Nazis stellte. »Eigentlich ist es ein Buch über die Angst«. Krebs und Holocaust – beides verursache eine ähnliche Angst vor Kontrollverlust, Tod und Verderben. Lea Streisand wollte gar nicht von großen Katastrophen schreiben, sondern von der Normalität. Vermutlich liest sich ihr Roman deshalb so leicht. Es gibt wenige Autoren, die so schwere Dinge so leicht schreiben können.

Sie suche immer »das Besondere im Alltäglichen« und erzählt gern Dinge, mit denen sie sich auskennt. »Durch das eigene Erleben reflektiert man anders«. Das Besondere im Alltäglichen hat sie auch in Hausach schon entdeckt. Seit Monatsbeginn lebt sie nun schon hier, und »eigentlich sind wir immer noch mit dem Kulturschock beschäftigt«.
»Geschichten aus der großen Stadt« heißen die Radiokolumnen, die sie wöchentlich für Radio Eins spricht.

Die Geschichten aus der kleinen Stadt sind völlig anders. Die Leselenz-Stipendiatin erzählt von den beiden Libellen, die sie täglich im Molerhiisle besuchen – die große, intelligente, die sich einmal im Raum umsieht und dann wieder ins Freie fliegt. Und die kleine, dumme, die jedes Mal Hilfe braucht, um das offene Fenster wieder zu finden.
Sie erzählt von den Kindern, die hier einfach zusammen draußen spielen, während die Erwachsenen etwas anderes tun und darauf vertrauen, dass ihnen nichts passiert: »Bei uns in Berlin gibt es für Kinder nur betreute Langeweile unter Aufsicht!«

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Schlaraffenland

Und sie erzählt vom Schlaraffenland, in dem sie sich hier fühlt: vom guten Fleisch vom Metzger, vom frischen Obst und Gemüse vom Markt, von der herrlichen Luft und wie das Wasser hier schmeckt. Von der »irre idyllischen Landschaft«, in der der Kirchturm das höchste Gebäude ist, und in der sie sich fühlt wie in einem Bob-Ross-Gemälde. Sie erzählt, wie sie beide im »Mauseloch« ganz automatisch jedes Mal die Luft anhalten, weil es in Berlin in solchen Unterführungen immer nach Urin stinkt. 

Und dass sie die Ruhe fast verstörend findet. Lea Streisand wohnt in Berlin direkt in der Einflugschneise zum Flughafen Tegel. Diese Ruhe fern der Ablenkungen einer Großstadt – um das Kind kümmert sich vorwiegend ihr Mann, der sich die Elternzeit genommen hat – will sie nutzen, um mit ihrem zweiten Roman »ordentlich weit zu kommen«. 

Arbeit am neuen Roman

Auch er wird wieder autobiografische Züge tragen: »Es geht um die Wende aus der Sicht eines Kinde«. Lea Streisand, 1979 geboren und im Osten Berlins im Prenzlauer Berg aufgewachsen, war zehn Jahre alt, als die Mauer fiel. Zehn sei ein Alter, in dem Kinder ganz dringend Regeln haben wollen. Genau, als sie in diesem Alter war, schienen alle Erwachsenen um sie herum durchzudrehen, »keiner konnte mehr sagen, was richtig oder falsch, oben oder unten ist.«

Die Wende interessiere die Leute im Westen nicht, »und wenn ich mich hier umsehe, weiß ich auch, warum«. Gerade deshalb, weil hier keiner nachvollziehen kann, wie das vor 30 Jahren in Ostberlin war, ist Lea Streisands zweiter Roman schon heute zu empfehlen. Möge sie im Molerhiisle in Ruhe daran arbeiten können.

INFO: Lea Streisand wird das »Hausacher Stadtschreibertagebuch« weiterschreiben. Ab kommenden Mittwoch gibt es für die Leser des Offenburger Tageblatts eine wöchentliche Kolumne über ihr Leben in Hausach. 

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