Hausach

Lea Streisands Abschiedslesung mit Witz, Sentiment und Chuzpe

Autor: 
Claudia Ramsteiner
Lesezeit 4 Minuten
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16. September 2018

»Eine Stadtschreiberin packt aus« lautete das Motto der Lesung von Lea Streisand. Mit frecher Berliner Schnauze packte sie die Leselenz-Stipendiatin aus und hielt dem Schwarzwald den Spiegel vor - sehr zum Vergnügen der Zuhörer im voll besetzten Rathaussaal. ©Claudia Ramsteiner

»Selten fällt mir eine Verabschiedung so schwer wie dieses Mal«, gestand José Oliver vor der Abschiedslesung von Stadtschreiberin Lea Streisand gestern. Und spätestens eine gute Stunde später wussten die Zuhörer im voll besetzten Rathaussaal, warum das so ist. 

Lea Streisands Leben wird am Ende immer zu Kolumnen. Ihre Mutter, eine Literaturwissenschaftlerin, wie die Zuhörer an diesem sonnigen Spätsommersonntagmorgen im voll besetzten Rathaussaal später erfahren, hat bereits den »Club der zu Unrecht Verwursteten« gegründet. Und der Sohnemann, der mit seinen fünfeinhalb Monaten die allererste Lesung seiner Mutter nur ab und zu mal brabbelnd kommentiert, wird diesem Club vermutlich beitreten, sobald er versteht, worum es da geht.

Sie wird alle Kolumnen lesen, verspricht sie, »oder habt Ihr noch was vor heute?«. Ihr Roman »Im Sommer wieder Fahrrad«, geschrieben »mit Witz, Sentiment und Chuzpe« hat ihr laut Begründung der Jury das Leselenz-Stipendiat in Hausach eingebracht. Und vielleicht ein bisschen auch die Chuzpe, in ihrem Anschreiben  zu behaupten, ihr Optiker habe ihr diese »Landverschickung für Literaten« verordnet. 

Jene geriet ganz offensichtlich beiden Seiten zum Vorteil. Lea Streisand habe hier »wahnsinnig viel gelernt« und auch ihren Blick auf Berlin geschärft. Und die Hausacher genossen bereits in den vergangenen neun Kolumnen im Offenburger Tageblatt und genießen nun ganz besonders bei dieser Lesung ihren geschärften Blick auf den Schwarzwald im Allgemeinen und auf Hausach im Besonderen, den Witz, mit dem sie ihn formuliert und den berlindernden Slang, mit dem sie ihn vorträgt. 
Überhaupt: Eigentlich müsste man jetzt mit diesem Klang im Ohr all ihre Kolumnen noch einmal lesen. Hausach kommt da, trotz Lea Streisands frecher Berliner Schnauze, sehr gut weg. Zumindest das heutige Hausach, das auch darüber lachen kann, wenn der hinterschwarzwäldlerisch verstaubte Inhalt des Molerhiisles weniger gut wegkommt. Das alemannische Falk-Breitenbach-Gedicht vorzulesen, traut sie sich aber doch nicht und bittet José Oliver, das für sie zu tun: »Wer on sinnere Heimet hängt . . .«

Im Schwarzwald »versaut«

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Da die OT-Leser ihre Hausach-Kolumnen bereits kennen, lohnt es sich, den Blick auf jene Kolumnen zu richten, mit denen sie den Berliner Lesern und Zuhörern in der »taz« und in »Radio 1« vom Schwarzwald erzählt. Von den Menschen hier, die schon Wilhelm Hauff im Märchen vom »Kalten Herz« so treffend beschrieben habe. »Den ehemaligen DDR-Bürgern sind die Bilder dieses ›Gruselfilms‹ eingebrannt«, verrät die Stadtschreiberin. Sie bringe den Berlinern gerade den Schwarzwald von der besten Seite näher, »wundert Euch nicht, wenn die alle hier aufkreuzen«. 
Der Schwarzwald habe sie schon »versaut«. Neulich bei einem Kurzaufenthalt in Berlin, habe sie auf dem Radweg einem Fahrradkurier zuvorkommend Platz gemacht und entsetzte Blicke geerntet. In einer Kolumne in Berlin schilderte sie ihren Hauptstädtern, die »immer meinen, zu kurz gekommen zu sein«, die Kinzigtäler als »notorisch tiefenentspannt. Die haben alles. Die brauchen nichts«.

Weiter als in den Schwarzwald hätte sie sich inhaltlich von ihrem neuen Roman, den sie gerade schreibt, gar nicht entfernen können. Und dann kommt neben dem Witz und der Chuzpe auch das Sentiment hoch. »Was geht es die Rosa Armbruster an, wenn in Berlin eine Sushi-Box vom Fahrrad fällt?«, schildert sie das Gefühl, dass die Berliner Geschichte mit ihrem Mauerfall, die sie da gerade aus der Sicht eines Kindes beschreibt, hier überhaupt keine Rolle spielt: »Ob in Hausach in zehn Jahren noch jemand wissen wird, was die Abkürzung DDR bedeutet?«
Die Besucher bekommen noch ganz exklusiv den Anfang dieses neuen Romans zu hören. Sie erfahren, dass sie hier in der Ruhe und ohne soziale Verpflichtungen einen »viel weiteren Blick« darauf bekommen habe, wie sie die Geschichte erzählen will. 

Erscheinung im Herbst

Und so dürfen sich die Hausacher darauf freuen, wenn ihr zweiter Roman im nächsten Herbst erscheinen wird. Vorerst versorgen sie sich mit Lea Streisands bereits geschriebenen Büchern, es bildet sich eine Schlange am Signiertisch. Und neben »Im Sommer wieder Fahrrad« und »War schön jewesen« wird nach dieser Lesung sich der eine oder andere vermutlich auch »Das kalte Herz« noch einmal vornehmen. 
 

Stichwort

Abschied und Willkommen

Lea Streisand wird vor ihrer Abreise noch mindestens eine weitere Kolumne für das »Stadtschreibertagebuch« im Offenburger Tageblatt schreiben. Wie José Oliver informiert, wird ab 15 Oktober die Amanda-und-Erich-Neumayer-Stipendiatin Julia Willmann im Molerhiisle erwartet. 

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